Lüdenscheider wird an einem Tag Papi, Opa, Uropa

Ein Kuss für den Vater, den Ludwig Jabureks Tochter Anita erstmals im Alter von 67 Jahren traf.

LÜDENSCHEID – Eine späte, aber sehr herzliche Familienzusammenführung gab es kürzlich in Düsseldorf: Der 89-jährige Ludwig Jaburek, langjähriger Vorsitzender der Sudetendeutschen Landsmannschaft in Lüdenscheid, lernte seine Tochter kennen, von der er bis vor kurzem nichts gewusst hatte.

„Er ist Vater, Großvater und Urgroßvater an einem Tag geworden“, beschrieb Begleiter Wilhelm Gottmann das Familienereignis. „Alle haben sich gefreut!“ Es war schon ein bemerkenswerter Anruf, in dem der 89-jährige Ludwig Jaburek seinem Freund Wilhelm die erstaunliche Nachricht mitteilte: „Du, ich bin Vater geworden!“ Den LN vertraute der frischgebackene Vater noch ein Geheimnis an, das er durchaus mit anderen Vätern teilen dürfte: „Man braucht ein paar Tage, um damit klarzukommen.“

Noch waren beim ersten Besuch in Düsseldorf aber nicht alle dabei: Zunächst kam Tochter Anita aus Norwegen. Im Juli aber will sie mit weiteren 15 Familienmitgliedern für zwei Tage nach Lüdenscheid kommen, damit alle den Stammvater der Familie kennenlernen. Zwei Enkel sollen beim nächsten Besuch unbedingt dabei sein und die Urenkel – „jede Menge“, wie Ludwig Jaburek ankündigt.

Wie konnte so etwas geschehen? Am Anfang der Geschichte kam der gebürtige Sudetendeutsche 1943 mitten im 2. Weltkrieg als U-Boot-Fahrer ins norwegische Bergen und lernte dort Anitas Mutter kennen, die Tochter eines Deutschen und einer Norwegerin. Das Paar verliebte sich und zeugte eine Tochter, von der Ludwig Jaburek allerdings nie etwas erfuhr. Schon die Umstände seines letzten Auslaufens aus Bergen sind nicht frei von tragischen Momenten: Aus Sicherheitsgründen verließ Jabureks U-Boot drei Stunden vor dem angekündigten Termin den Hafen von Bergen. Die Geliebte kam deshalb zu spät zum Hafen und glaubte an eine absichtliche Irreführung. Immerhin schrieb sie per Feldpost noch einen Brief an ihren Geliebten, der allerdings nicht über die bestehende Schwangerschaft aufklärte.

Die Besatzung von Obermaat Jabureks U-Boot bekam bald darauf den Auftrag, das Boot im Ärmelkanal zu versenken: 13 Tote kostete dieses letzte Manöver, bei dem Ludwig Jaburek selber ohne zusätzliche Atemluft aus 70 Metern Tiefe auftauchen musste. „Blödsinnigerweise sind wir mit dem Kahn untergegangen.“

Zusammen mit weiteren 40 Mann der Besatzung überlebte Jaburek, geriet in englische und amerikanische Kriegsgefangenschaft und kehrte 1947 schließlich nach Deutschland zurück – nach Lüdenscheid, wo seine Schwester nach den Kriegswirren bereits angekommen war. Der Sudetendeutsche gründete 1948 die erste heimatliche Landsmannschaft in Lüdenscheid und war in der Folge 19 Jahre lang deren Vorsitzender. Sein Geld verdiente er als Werkzeugschlosser.

Seine ehemalige Geliebte starb 2005. „Sie hat vermutet, dass er ums Leben gekommen ist“, ergänzt Wilhelm Gottmann. Schließlich begann die gemeinsame Tochter Anita, die mit einem Stiefvater groß geworden war, nach ihrem leiblichen Vater zu suchen. Einen Hinweis fand sie im Nachlass ihrer Mutter. Sie machte ihren Vater schließlich mithilfe eines ehemaligen Bundeswehroffiziers ausfindig, der auf ihre Anfrage hin nach Ludwig Jaburek zu suchen begann und ihn in Lüdenscheid ausfindig machte. „Es gibt viele Frauen, die ihre Väter suchten“, erklärt Wilhelm Gottmann die Existenz einer Dienststelle zur Klärung solcher Familienfragen in Oslo.

Ludwig Jaburek staunt derzeit noch über das bewegende Ereignis. Seine Lebensbilanz formuliert er so: „Es ist seltsam, was man kurz vor Ende noch alles erleben darf.“ ▪ thk

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