Missbrauchsprozess: „Das ist absolut gelogen!“

LÜDENSCHEID - „Ich bin erschüttert darüber, was mein Sohn mir vorwirft. Das ist absolut gelogen!“ Ein 47-jähriger Lüdenscheider kämpft um seine Freiheit. Im Falle eines Schuldspruchs wegen sexuellen Missbrauchs eines Kindes in zehn Fällen droht dem unverheirateten Mann eine mehrjährige Gefängnisstrafe. Das mutmaßliche Opfer ist sein eigener Sohn, heute 21 Jahre alt.

Von Olaf Moos

Das bisherige Leben des jungen Mannes steht im Mittelpunkt des Prozesses. Vier Stunden lang haben der Angeklagte und die ersten beiden einer Reihe von Zeugen Gelegenheit, sich zu äußern. Auch der 21-Jährige kommt ausführlich zu Wort – doch auf Antrag seiner Rechtsanwältin Margarete Bökenkamp aus Herford unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Die 1. große Strafkammer unter Vorsitz von Richter Marcus Teich geht gründlich vor, fast vorsichtig. Niemandem ist es zu wünschen, sexuell missbraucht zu werden. Aber auch niemandem, unschuldig des Missbrauchs beschuldigt zu werden. Strafverteidiger Heiko Kölz agiert ebenfalls noch vergleichsweise zurückhaltend.

Es bleibt noch unklar, ob und in welchen Punkten der Angeklagte lügt. Vieles aus seiner Aussage deckt sich mit den Schilderungen seiner ehemaligen Lebensgefährtin (51), die den Jungen zeitweise als Pflegemutter betreut hat. Auf ihr Betreiben hat die Polizei Ermittlungen gegen den 47-Jährigen geführt.

Im Saal 101 des Hagener Landgerichts offenbart sich eine verkorkste Biographie. Es geht um einen Jungen, der hin- und hergeschubst wird, seit er denken kann.

Unehelich als eineiiger Zwilling geboren, wird er nach einem halben Jahr von seinem Bruder getrennt. Der Bruder wird zur Adoption freigegeben. Er selbst bleibt bei seiner Mutter. Die trennt sich vom Vater der Kinder, es folgen Heimaufenthalte, kurzzeitige Rückkehr zum Vater, mal wieder zur Mutter und zurück ins Heim. In der Schule läuft es schlecht, im Heim noch schlechter.

Ruhe kehrt scheinbar ein, als der Vater mit seiner neuen Freundin zusammenlebt und den Sohn bei sich aufnimmt. Aber das Paar trennt sich wieder, der Sohn landet erneut in behördlicher Obhut, entwurzelt, ungeliebt, vernachlässigt – und aggressiv. Zunächst vertraut er sich zögernd einem Freund an, berichtet von „irgendeinem Onkel“, der mit ihm „solche Sachen gemacht“ habe, unter der Dusche, im Bett, in der Badewanne. Und dann bricht es aus ihm heraus: „Es war der Papa!“

Offenbar hat er als kleiner Junge schon einmal den Partner seiner leiblichen Mutter „solcher Sachen“ bezichtigt. Der Angeklagte: „Aber dann hat er zugegeben, dass er gelogen hat.“ Er habe die Anzeige zurückgezogen.

Der Prozess wird am Donnerstag um 9 Uhr im Saal 201 fortgesetzt.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare