Prozessauftakt

"Es ging immer um Drogen. Wir brauchten jeden Tag Geld"

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Die Strafverteidiger Heiko Kölz (2.v.r.) und Ralph Giebeler (l.) haben ihren Mandanten dazu geraten, umfassende Geständnisse abzulegen.

Lüdenscheid - Der Strafprozess gegen zwei Männer, die unter anderem die Tankstelle an der Werdohler Landstraße überfallen haben, beginnt mit umfassenden Geständnissen.  

Die Mutter des 18-jährigen Kassierers, der am Abend des 1. Weihnachtstages in die Mündung eines scharfen Revolvers geblickt hat, sitzt im Gerichtssaal und hört, wie sich einer der Angeklagten an ihren Sohn wendet. 

„Entschuldige, bitte! Ich habe einen Sohn in deinem Alter. Ich habe viel Scheiße gebaut.“ 

Verfahren kann deutlich abgekürzt werden

Damit sorgen die beiden gebürtigen Kasachen, 36 und 52 Jahre alt, für eine deutliche Abkürzung des Verfahrens. Die Vorsitzende der 6. großen Strafkammer, Dr. Bettina Wendlandt, kündigt den Verzicht auf eine ganze Reihe von Vernehmungen an. 27 Zeugen waren zunächst geladen. 

Die Strafverteidiger Heiko Kölz und Ralph Giebeler haben ihre Mandanten gebrieft. Die berichten wortkarg und in gebrochenem Deutsch über ihr Tatmotiv. Der Jüngere sagt: „Es ging immer um Drogen. Wir brauchten jeden Tag Geld.“ 

Unterm Fahrersitz klemmt ein Revolver

Morgens haben sie noch Heroin gespritzt, am Abend sind sie schon wieder „affig“, wie es in der Szene heißt. Schwitzend und zitternd setzen sie sich ins Auto, „um Geld klarzumachen“, unterm Fahrersitz klemmt ein Revolver. „Der war nie geladen“, sagt der 36-Jährige. 

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Der Coup beginnt mit einem Missgeschick: Auf dem Weg zur Tankstelle werden sie geblitzt. Trotzdem: Sie ziehen es durch. Nach wenigen Minuten geben sie Vollgas, auf die A 45 nach Hagen, mit 1540 Euro und vier Stangen Zigaretten auf dem Rücksitz. 

„Wir haben dann die ganze Nacht konsumiert – und am nächsten Tag noch mehr gekauft.“ 

Auch die Mutter des jüngeren der beiden Angeklagten ist im Gerichtssaal, eine gramgebeugte Altenpflegerin mit traurigem Blick. Sie beruft sich auf ihr Aussageverweigerungsrecht und setzt sich dann neben die Mutter des Opfers. 

Mütter von Opfer und Täter kommen sich näher

Ein Kollege sagt aus, der 18-Jährige sei nach dem Überfall „völlig fertig“ gewesen. Die beiden Frauen kommen leise miteinander ins Gespräch. 

Die Beweislage ist eindeutig. Ein Überfall auf einen Kiosk am Hagener Hauptbahnhof: unstreitig. Verrückte Autofahrten ohne Führerschein, im Drogenrausch, mit geklauten Kennzeichen, Karambolagen, Unfallfluchten: alles richtig, wie es in der Anklageschrift steht, heißt es von der Anklagebank. 

Die Staatsanwaltschaft hat den Fluchtwagen, einen silbernen Mercedes, sichergestellt. Er gehört dem 36-Jährigen und ist auf den Namen einer seiner Freundinnen zugelassen. Die, arbeits- und obdachlos, derzeit ebenfalls in Haft, bestätigt im Zeugenstand: „Ja, ich habe 200 Euro dafür bekommen.“ 

Revolver in der Asservatentüte

Der junge Tankstellen-Wart, sein Kollege und ein zufälliger Zeuge, der am Weihnachtsabend nur eben Zigaretten kaufen wollte, identifizieren den Revolver. Dr. Wendlandt hat die Waffe mit spitzen Fingern und schwarzen Gummihandschuhen aus der Asservatentüte gezogen. Aber ob zur Tatzeit wirklich Munition in der Trommel steckte, daran erinnern sich die Männer nicht. 

Die beiden Mütter im Zuschauerraum sind sich nähergekommen. Am Ende des ersten Prozesstages verlassen sie den Saal gemeinsam. Auf dem Flur verabschieden sie sich weinend voneinander und umarmen sich.

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