Stalker schon wieder verurteilt

LÜDENSCHEID - Wieder einmal gute Laune im Gerichtssaal 122. Warum, erschließt sich zunächst gar nicht. Denn der Angeklagte (51), vorbestraft und jetzt wegen Verstoßes gegen das Gewaltschutzgesetz in acht Fällen beschuldigt, schwänzt den Prozess.

Von Olaf Moos

Man könnte ihn jetzt suchen und von Polizisten herbringen lassen. Aber Strafrichter Andreas Lyra handelt pragmatischer.

Der Anlass für das Verfahren ist eher düster: enttäuschte Liebe, umgeschlagen in Verzweiflung, dann puren Hass, Verfolgung und Bedrohung. Opfer ist eine Lüdenscheider Gastwirtin. Immer wieder erstattet sie Strafanzeige. So oft, bis die Polizei ein Einsehen hat und fünf-, sechsmal am Tag in der Kneipe vorbeischaut, um nach dem Rechten zu sehen. Der Wüstling wird mehrfach mit einem Näherungsverbot belegt. Und verstößt genau so oft dagegen. Der Richter spricht von einer „richtig hohen Polizeipräsenz“.

Es ist Sommer 2013, da fällt der liebeskranke Mann über seine Angebetete her und reißt an ihrer Löwenmähne herum. Es gibt eine Anklage wegen Körperverletzung. Es kommt zum Prozess. Wer nicht erscheint, ist der Beschuldigte. Richter Lyra entscheidet wieder einmal pragmatisch, lässt den Mann nicht zwangsweise vorführen und erlässt stattdessen ersatzweise einen Strafbefehl wegen Körperverletzung. Das ist ein gutes halbes Jahr her. Inzwischen, heißt es, hat sich der Mann selbst in stationäre psychiatrische Behandlung begeben.

Im Aushangkasten vor Saal 122 ist das Verfahren gegen den Lüdenscheider ausnahmsweise mit einem grünen Edding markiert. „Damit wir wissen, dass wir aufpassen müssen“, sagt eine Wachtmeisterin. Vor der Tür und auf dem Flur stehen Polizisten. Unter ihnen die Gastronomin, Chefin einer Bierkneipe in der Innenstadt. Sie alle sind vergeblich hier.

Zumindest fast. Zu Beginn der Verhandlung, die gar nicht stattfindet, fragt Andreas Lyra die verschüchtert wirkende Frau, wie es denn aktuell so aussieht. Sie sagt: „Es ist komplett Ruhe eingekehrt seit dem letzten Termin.“ Der Richter lächelt sie an. „Das klingt doch ganz gut.“ Keine Anzeigen mehr, keine Angriffe, keine Überraschungsbesuche, ergo: kein Polizeischutz. Andreas Lyra: „Er hat eine Zeit lang ein ganz großes Rad gedreht. Das steht jetzt wohl still.“

Die junge Staatsanwältin lehnt sich entspannt lächelnd zurück und beantragt den nächsten Strafbefehl gegen den abwesenden Stalker. 1200 Euro Geldstrafe muss er bezahlen.

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