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Im Dienst des Schlächters von Riga: Ein „Totengräber“ aus Lüdenscheid 

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Von: Thomas Krumm

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FAZ-Redakteur Lorenz Hemicker
FAZ-Redakteur Lorenz Hemicker, gebürtiger Kiersper, sprach am Freitag in seinem Vortrag „Ingenieur – Nazi – Täter – auf den Spuren eines Lüdenscheider SS-Offiziers in Riga“ über die Massenmorde, an denen sein Großvater Ernst als SS-Offizier beteiligt gewesen ist. © Thomas Krumm

Meistens sind es anrührende Geschichten, wenn jemand von seinem Großvater erzählt. Beim Journalisten Lorenz Hemicker liegt der Fall anders: Sein Großvater Ernst Hemicker, der wie er aus Kierspe kam, war direkt beteiligt an den Massenmorden an Rigaer Juden im November 1941.

Zehn Jahre lang hat der Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung diese Familiengeschichte erkundet, ist zu den Tatorten und Überlebenden gefahren und hat die damaligen Ereignisse während des Vernichtungskrieges Nazideutschlands im Baltikum erforscht. Auf Einladung des Lüdenscheider Gedenkzellen-Vereins, der die Erinnerung an die Verbrechen während der nationalsozialistischen Terrorherrschaft wach hält, kam Lorenz Hemicker am Freitagabend ins Kulturhaus. Dr. Helmut Ebertz und Rolf Bräucker vom Verein begrüßten den Gast und ergänzten seine Ausführungen.

Lorenz Hemickers Vortrag hatte den Titel: „Ingenieur – Nazi – Täter – auf den Spuren eines Lüdenscheider SS-Offiziers in Riga“. „Ich bin sehr gerne gekommen“, versicherte er den zahlreichen Besuchern und erinnerte sich daran, wie er hier mit „drei bis vier Jahren“ gegen die Wellen des ehemaligen Wellenbades gekämpft und „manchmal gewonnen“ hatte.

Im Stadtbauamt von Lüdenscheid tätig

Großvater Ernst Hemicker war nach dem Konkurs des von seinem Vater übernommenen Bauunternehmens in Kierspe von 1935 bis 1941 im Stadtbauamt von Lüdenscheid tätig. Hier bekam er nach dem Überfall auf die Sowjetunion seinen Marschbefehl in den Osten.

Ermordung von etwa 27.500 Menschen

Ab dem 30. November 1941 war er nicht nur Zeuge der Geschehnisse im Wald von Rumbula, sondern als Mitglied der SS aktiv beteiligt an der Ermordung von etwa 27.500 Menschen. 21.000 davon waren Frauen und Kinder. Friedrich Jeckeln, der Hauptverantwortliche für die Massenmorde an den Rigaer Juden, wurde von den Sowjets Anfang 1946 vor ein Kriegsgericht gestellt und hingerichtet.

Die Massengräber minutiös berechnet

Lorenz Hemicker schilderte, wie Ernst Hemicker seine speziellen Fähigkeiten als Bauingenieur in den Dienst des Schlächters von Riga stellte: Er rechnete minutiös aus, wie groß die von russischen Kriegsgefangenen ausgehobenen sechs Gruben jeweils sein mussten, um 25.000 bis 28.000 menschliche Körper aufzunehmen. Und in einem geistigen Akt völlig unbegreiflicher Schizophrenie machte er sich „viele Gedanken“ darüber, wie diese armen Menschen möglichst „human“ vom Leben zum Tode und in die Gruben befördert werden konnten.

Lorenz Hemicker sprach von der Angst der Menschen im Rigaer Ghetto und vom tagelangen Morden entkleideter Menschen an einem eisigen Tatort im baltischen Winter – „alles bis ins Letzte durchgeplant“.

„Vom Totengräber zum Lumpensammler“

In den ehemaligen Zeppelin-Hallen von Riga sortierte Ernst Hemicker die Hinterlassenschaften der Ermordeten: „Stiefel, Brillen, Mützen, Puppen.“ Sein Enkel spottete 80 Jahre später bitterböse: „Vom Totengräber zum Lumpensammler.“

Langes Schweigen über die Nazi-Zeit

Nach seiner Rückkehr packte Ernst Hemicker seine Restbestände an Empathie aus und versuchte sich zu rechtfertigen. Sein Enkel zitierte ihn: „Ich konnte kaum hinschauen. Das Ganze bedrückt mich und quält mich bis heute – ein widerwärtiges Morden.“ Für Nachgeborene ist es schwer zu verstehen, wie Zeugen und Täter derart monströser Ereignisse in ein scheinbar normales Leben mit Bierglas, langem Schweigen über die Nazi-Zeit und einem bürgerlichen Beruf zurückkehren konnten – so als wäre nichts gewesen.

Rückkehr in einen bürgerlichen Beruf nach Kierspe

Ernst Hemicker kehrte aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft nach Kierspe zurück und betrieb hier in den 50er Jahren ein Architekturbüro. Die Vergangenheit holte ihn in Form der Anklageschrift eines Hamburger Schwurgerichts ein. In Kierspe und Meinerzhagen wurde er zu dem Anklagevorwurf der „Beihilfe zum Mord in 27 500 Fällen“ verhört.

Zum Prozess kam es nicht mehr

Zum Prozess kam es nicht mehr. Das Verfahren wurde eingestellt, weil er bereits todkrank war und im Sommer 1978 starb – fünf Jahre bevor sein Enkel geboren wurde. Sein Sohn Peter fuhr stattdessen nach Hamburg. „Er hatte das Gefühl, seinen Vater verteidigen zu müssen“, erklärte Lorenz Hemicker. Und: „Er war ein anderer Mensch nach der Rückkehr.“ Sein Vater habe die Geschichte sein Leben lang mit sich rumgetragen. „Unser Vater hat immer mit dieser Quasi-Schuld gelebt“, ergänzte Schwester Barbara Hemicker im Roten Saal des Kulturhauses.

Für Peter Hemicker kam der Entschluss, mit seinem Sohn nach Riga und in den Wald von Rumbula zu fahren, zu spät. Er starb vor zehn Jahren – zwei Wochen, bevor er gemeinsam mit Lorenz die Reise antreten konnte. „Damit begann meine Spurensuche“, erinnerte sich Lorenz Hemicker.

Eine derartige Familiengeschichte hat auch eine emotionale Seite. „Mein Großvater hat Böses getan“, fasste er das Ergebnis seiner Spurensuche zusammen und ergänzte: „Ich fühle mich nicht schuldig.“ Und doch lässt der Fluch der bösen Tat die Nachgeborenen nicht ungeschoren. Lorenz Hemicker zitierte eine Holocaust-Überlebende: „Ihr seid nicht schuldig, aber ihr tragt Verantwortung.“

Es war der bewegendste Moment des Vortrags, als der Journalist von seiner letzten Begegnung mit einem der wenigen Überlebenden der Massaker im Wald von Rumbula erzählte. Alexander (Sascha) Bergmann hatte ihm die Hand auf die Schulter gelegt.

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