Das Silvester-Märchen

Karl im Glück – oder: Irgendwas geht immer

Willy Finke

Lüdenscheid - Das Jahr neigt sich seinem Ende entgegen. Die Tage sind kurz, die Nächte lang. Das ist die beste Zeit, um es sich im trauten Heim vor dem prasselnden Kamin gemütlich zu machen und Geschichten zu erzählen - oder auch ein Silvester-Märchen.

Das Königreich Lünschistan

Das Königreich Lünschistan wird schon lange von seinen Nachbarn beneidet. Die schönsten Frauen und die höchsten Bäume wachsen dort. Die Häuser sind schmuck und die Auftragsbücher der Manufakturen stets gut gefüllt. Und doch gibt es etwas, was keiner ahnt: Hinter den Kulissen des Palastes von Lünschistan macht sich nämlich eine große Unruhe breit. Die einst so gut gefüllten Schatztruhen sind leer!

von Willy Finke

König Diethard der Allererste ist entsetzt: „Die Bürger füllen unser Säckel längst nicht mehr so, wie es sich geziemt. Die Kaufleute horten ihr Geld in der fernen Eidgenossenschaft, und unsere berittenen Büttel können sich noch so sehr am Wegesrand auf die Lauer legen – ihnen gehen zu wenige eilige Reiter ins Netz!“

Also beordert der gestrenge Regent seinen Schatzmeister zu sich – den bedauernswerten Karl von Blasweilien: „Bursche, dir werde ich die Leviten lesen! Liege nicht auf der faulen Haut und schreibe kluge Abhandlungen! Sorge lieber sofort dafür, dass die Goldstückchen wieder sprudeln – sonst setzt es hundert Hiebe mit der Neunschwänzigen! Oder du musst unsere ehemalige oberste Baumeisterin heiraten!“

Karl wird schreckensbleich

Karl wird schreckensbleich. Es ist nicht die Peitsche, vor der es ihm graust. Er, der einst als niederer Landadeliger in einem fernen Eifel-Dörfchen sein Dasein fristete, ist so stolz darauf, es bis an den Hof Diethards geschafft zu haben. Und nun soll das alles vorbei sein? Keine rauschenden Feste mehr in den Brauhäusern des Königreichs? Keine flotten Tändeleien mit den kecken Schankmaiden? Das darf nicht passieren! Karl fasst einen Entschluss: „Ich werde handeln!“

Und unser Karl handelt. Er hat auch – wie immer – sogleich eine Idee: „Ich werde den Palast unseres Hohen Rates versilbern! Das merkt der König gar nicht, und uns allen ist geholfen!“ Auf dem Flur trifft er auf den obersten Herold Wolfgang. Der macht ihm auch gleich Mut: „Das löhnt sich garantiert!“

Also macht Karl sich gemeinsam mit seinem treuen Schildknecht Bernhard sofort auf den Weg ins Königreich. Er denkt sich: „Wer, wenn nicht Rolo Goldmann, kann mir helfen!“ Rolo, ein gewiefter Krämer, der vom Verschachern vieler kleiner und großer Hütten lebt, ist auch sofort ganz Ohr: „Na klar helfe ich dir. Aber Goldstücke habe ich selbst leider gerade keine. Doch schau: Ich gebe dir für den hässlichen Palast die wunderschöne Knappenstraße. Da ist immer viel los und du wirst dort dein Glück machen. Man ist ja kein Unmensch.“

Begierig schlägt Karl ein

Begierig schlägt Karl ein und trollt sich glücklich. Jetzt muss er nur noch die Knappenstraße zu Gold machen. Denn er ahnt: Diethard will nur Bares sehen. Wieder steht dem guten Mann das Glück zur Seite. Er erblickt den Edlen Reinholdus von Zimbonien. „Schau, Reinholdus, ich habe hier diese wunderschöne Knappenstraße. Wieviel Gold bietest du mir dafür?“ „Gold? Ach, Karl. Gold kann deinen Schatz doch gar nicht aufwiegen. Ich weiß etwas Besseres: Nimm die herrliche Altstadt Lünschistans von mir. Die gehört mir nämlich längst komplett. Wunderbar ruhig ist es da.“

Karl muss nicht lange überlegen

Karl muss nicht lange überlegen. Strahlend stimmt er zu. Ein Abnehmer für die Altstadt und ihre gar drolligen Bewohner wird sich doch schnell finden lassen. Er weiß, wen er fragen kann – seinen alten Kumpel Gorduan, welcher derselben roten Gilde angehört wie er. „Du, das ist überhaupt kein Problem. Aber du weißt ja – wir Roten haben nie Gold. Doch ich überlasse dir gern unseren Kulturpalast an der Freiherrenstraße für deine Altstadt. Der gehört uns Roten praktisch.“ Diesem Angebot kann unser guter Karl nicht widerstehen. Wer kann schon einen Kulturpalast sein Eigen nennen? Nur: Gold hat er immer noch nicht.

Die Rettung naht

Die Rettung naht diesmal von unerwarteter Seite. „Mensch Karl, was hast du denn da für einen hübschen Kulturpalast? So einen wollte ich immer schon haben!“ „Kallirich, das ist aber schön, dass ich dich treffe. Was bietest du mir denn dafür?“ „Eine ganz besondere Pretiose. Sieh her – diese prächtige Schützenhalle! Die wirst du spielend zu Gold machen können.“

Karl – wir ahnen es – schlägt wiederum ein und trollt sich. Sein Freund Kallirich bleibt lächelnd zurück. Jeder ist eben seines Glückes Schmidt. Doch auch Karl strahlt. Im Wirtshaus will er endgültig zu Gold kommen. Dort singt gerade eine lustige Runde das Liedlein „Lebt denn der alte Holzrichter noch?“ Einer der fidelen Sänger, der fröhlinge Droschkenkrämer Oliverius, soll Karl die Rettung bringen. Doch Oliverius ziert sich: „Ich kann wirklich keine Schützenhalle gebrauchen, lieber Karl! Meinen Kumpel Björnibald hier brauchst du gar nicht erst zu fragen, der Weiß auch nichts. Ralfus, willst du eine Schützenhalle?“ Aber auch Ralfus schüttelt nur seinen Schwarzkopf.

Traurig macht sich Karl auf den Weg nach draußen. Mittlerweile ist die Dunkelheit über das Königreich hereingebrochen, und ihm wird schwer ums Herz. Er hat immer noch kein Gold für Diethard.

Nur noch einer kann helfen

Jetzt weiß er nur noch einen, der ihm helfen kann – den überaus famosen Willibald von Deneckien. Und wahrlich: Willibald zeigt wieder einmal, welch großes Herz er hat: „Die Schützenhalle will ich dir gern abnehmen, mein lieber Karl. Und ich gebe dir etwas ganz Wunderbares dafür. Schau – unseren hübschen Gottesacker. Der ist schön grün. Und die Bewohner sind nicht bekannt dafür, dass sie dem Vermieter Ärger bereiten. Kann’s denn besser für dich kommen?“

Kann es nicht. Also tauscht Karl nur zu gerne. Nur – Gold... Sie wissen schon.

Karl aber bleibt das Glück hold. Er wagt es kaum zu hoffen, doch ein zweites Mal begegnet ihm Reinholdus von Zimbonien. „Wo hast du denn die schöne Knappenstraße gelassen, die ich dir überließ, du armer Tor? Aber ich will dir helfen. Nimm dieses exquisite Forum am Sternenplatz von mir. Das liegt mitten im Königreich und bietet – das vertraue ich nur dir an – wunderbare Möglichkeiten der unendlichen Goldvermehrung. Bisher hat sie nur beim besten Willen noch niemand entdeckt.“ Das Letzte sagt er aber nur ganz leise.

Freudestrahlend meldet sich Karl zur Audienz bei Diethard dem Allerersten an: „Guck, Majestät! Für unseren doofen Palast habe ich dieses herrliche Forum eingetauscht. Da werden die Taler nur so kullern!“ Diethard bekommt einen mittelschweren Wutanfall: „Das einzige, was hier kullern wird, sind deine Tränen, Wicht!“ Du bist nämlich befördert! Und zwar zur Türe hinaus.“

Karl kann sein Glück kaum fassen

Karl aber kann sein Glück kaum fassen. Endlich ist es vorbei mit seiner Fronarbeit im Palast. Jetzt geht er in die Wirtschaft, und zwar in die freie. Nicht länger wird er es zu tun haben mit Unterlingen, die schon ein Überlastungsdokument verfassen, wenn sie einem Bürger Lünschistans persönlich Guten Tag sagen sollen. Die sich schnell in der Truhe verstecken, wenn sie ausnahmsweise die Arbeit eines Kollegen mit übernehmen sollen. Und nicht länger muss er sich das Genörgel des PPR (Palastpersonalrates) und der frechen Mitglieder des Ständerates anhören. Nie mehr wird er lesen müssen, was die Bengels vom Tagesanzeiger über ihn an üblen Lügen verbreiten. In der freien Wirtschaft, so ahnt er, weiß man seine Talente zu schätzen.

Karl steht auf dem einst aus dem fernen China herangekarrten Trottoir und lacht aus vollem Halse. Da wendet sich ihm eine fremde Dame zu. Es ist keine Geringere als Mariella Breitenschreck-Dosenberg, die ortsansässige Hohepriesterin. Ihr erzählt er, was ihm widerfuhr. „Ach, Karl, du bist wahrlich ein Glückspilz. Denk doch mal, wie viele Menschen du fröhlich gestimmt hast – den Herrn Goldmann, deinen Freund Gorduan, den Mann, den sie... ach, lassen wir das lieber. Und auch Herr von Deneckien und der Edle von Zimbonien sind dir sicher sehr dankbar. Der König soll doch selbst sehen, wo er sein Gold herbekommt!“

Erbaut von Worten und Umarmungen

Erbaut von den Worten und Umarmungen der fromm-farbenprächtigen Dame strahlt Karl von Blasweilien. Und endlich weiß er auch, was er für das Königreich noch tun kann. Er wird ein Lotterielos kaufen! Denn nur das ganz große Los kann Lünschistan noch retten.

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