Vater stirbt im Nebenzimmer

Hausdurchsuchung in Lüdenscheid endet in Drama

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Symbolbild

Lüdenscheid - Ein 24-Jähriger ist wegen Anbaus von Cannabis und illegalen Handels mit Drogen angeklagt. Bei dem Polizeieinsatz in seiner Wohnung kam sein Vater ums Leben.

Das Drama ereignet sich in einer Wohnung an der Mathildenstraße. Es ist der 14. September 2018. „Dieser Tag war für alle Beteiligten nicht einfach.“ Die Staatsanwältin bringt es höchst diplomatisch auf den Punkt. Die Fakten sind brutaler. Als Polizisten in der Wohnung eine illegale Cannabis-Plantage eines heute 24-jährigen Lüdenscheiders ausheben, verbarrikadiert sich dessen Vater (57) im Nebenzimmer, rammt sich ein Messer in die Brust und stirbt. 

Das Schöffengericht tagt. Der Angeklagte, verteidigt von Rechtsanwältin Kirsten Petereit-Fredl, fängt ganz von vorne an. Er sei Asthmatiker, mit 18 habe er erstmals Cannabis geraucht, „mein Asthma wurde besser, ich habe nicht mehr so viel Cortison gebraucht“. 

Aber weil es auf der Straße oft gestreckte Ware gibt, besorgt sich der angehende Altenpfleger Fachliteratur, scrollt sich durchs Internet – und fängt mit einem Pflänzchen in einem kleinen Blumentopf an. Die Sache entwickelt sich. 

Beleuchtung, Belüftung, Bewässerung, noch mehr Setzlinge, die Ernteerträge werden üppiger. Der Aufwand kostet Geld, das verdient der Lüdenscheider mit dem Verkauf eines Teils seines Marihuanas. Der Vorsitzende des Schöffengerichts, Amtsrichter Andreas Lyra, stellt fest: „Sie sind mit einer gewissen Professionalität und nicht unerheblicher krimineller Energie vorgegangen.“ 

Die Polizeibeamten stellen die Plantage am Morgen dieses schrecklichen Tages sicher. Mehr als 1,1 Kilo Cannabis-Blüten, dazu reichlich technische Ausstattung und mehrere Computer, über die er seine Drogen im Darknet vertickt hat. Die Einnahmen legt er in der Kryptowährung Bitcoins an. 

In echtem Geld wird er wohl während eines Jahres rund 6000 Euro erwirtschaftet haben, errechnet das Gericht. Der Angeklagte nimmt mannhaft alles auf seine Kappe. Seine Verlobte, über deren ständige Anwesenheit in der Wohnung sich schon die Vermieterin mokiert hatte, wusste angeblich nichts von der illegalen Plantage. 

Der Vater, der in der Wohnung lebte, ebenfalls nicht. „Ihre Kenntnisse waren minimal“, sagt der 24-Jährige. Richter Lyra runzelt die Stirn. Denn Nachbarn auf anderen Etagen haben gegenüber der Polizei ausgesagt, immer mal wieder diesen süßlichen Marihuana-Geruch in der Nase gehabt zu haben. Die ausufernden Stromrechnungen sind ein weiteres Indiz. 

Der Vater kann nicht mehr vernommen werden. Vermutlich hätte er sich als enger Angehöriger des Angeklagten sowieso auf sein Aussageverweigerungsrecht berufen. Das darf die Verlobte auch, und sie nimmt das Recht in Anspruch und schweigt, um ihren Liebsten oder sich selbst nicht zu belasten. 

Sowieso kooperiert der junge Lüdenscheider auf der Anklagebank „vollumfänglich“, wie die Juristen sagen – und verdient sich damit einen schönen Rabatt bei der Strafzumessung. Die Staatsanwältin beantragt zwei Jahre auf Bewährung, die Einziehung der 6000 Euro und dazu eine Geldbuße. 

Das Gericht folgt dem Antrag, der Gevelndorfer Verein Arche darf sich über 1500 Euro freuen. Nur in einem Punkt ist noch ein Wunsch offen. Die Computer aus der Wohnung sind als Tatwerkzeuge beschlagnahmt. Einen davon möchte der 24-Jährige trotzdem wiederhaben. „Da sind viele Bilder von meinem Vater drauf.“

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