"Komm, wir gehen in die Stadt!"

Gaststätte Piepenstock: Wenn der Wirt singt, gehen die Gäste

+
Emil Piepenstock (links) ganz in seinem Element.

Lüdenscheid - Da hockten sie zusammen im Topf: Kartoffeln, Karotten, Eier, geräucherte Mettwurst und Speck – Potthucke eben. Und wenn „Kalla“ Piepenstock dazu ein Pils reichte, dann schmeckte sie den Lüdenscheidern besonders gut.

Neues von Gestern: Mit der LN-Serie „Komm, wir gehen in die Stadt!“ setzt Autor Fabian Paffendorf seinen erzählerischen Rundgang durch das Lüdenscheid der 1960er- bis 1990er-Jahre fort. Kult-Kneipen, prominente Gewerbeimmobilien und der Einzelhandel stehen im Mittelpunkt der Reihe (hier geht es zu den bereits erschienen Teilen). In Folge 5 kehren wir an der Bahnhofstraße ein. Die Gaststätte dort im Hause mit der Nummer 26 öffnete erstmals 1870 ihre Türen. Bekannt war sie als Berliner Hof, Am krummen Ellenbogen und als Haus Piepenstock. Drei Generationen der Familie Piepenstock führten das Lokal über ein Jahrhundert lang. Wahrzeichen des Gasthauses war lange Zeit die Fuhrwerk-Waage am Platz vor der Tür.

Die Gaststätte Piepenstock an der Bahnhofstraße war 109 Jahre lang Stammlokal vieler Lüdenscheider. Gründonnerstag 2005 schloss das Traditionslokal für immer seine Türen. Die Lüdenscheider Schützengesellschaft (LSG) und die Feuerwehr kehrten immer schon gerne regelmäßig in das Speiselokal an der Bahnhofstraße 26 ein.

Ein beliebtes Ausflugslokal auf dem Lande

Im 1870 erbauten Haus gehörte die Gaststätte in der unteren Etage schon von Beginn an dazu. Der Gastronomiebetrieb war als Berliner Hof bekannt und wurde von Hugo Schmidt geführt.

Ursprünglich handelte es sich um ein beliebtes Ausflugslokal mit Lauben, in denen man bei schönen Wetter verweilte. Das Areal um die Immobilie hatte noch ländlichen Charakter.

Mit der Fertigstellung der Eisenbahnstrecke zwischen Brügge und Lüdenscheid im Jahr 1880 veränderte sich das Umgebungsbild des Lokals, endeten doch die Gleise nun direkt hinter dem Haus. Hugo Schmidt übergab Haus und Schankbetrieb zum Ende des Jahres 1895 an Hermann Piepenstock.

Josephine und Hermann Piepenstock.

Betrunkene sind dem Wirt ein Graus

Der Käufer war ein ausgebildeter Hotelier und Gastwirt, hatte im elterlichen Betrieb, dem Hotel Piepenstock an der Wilhelmstraße, das Gewerbe von der Pike auf gelernt. Wagemutig, gerade frisch mit Frau Josephine Niemeyer verheiratet, wollte sich Piepenstock eine eigene Existenz aufbauen. Laut der Hauschronik kündigte Hermann Piepenstock für den Silvesterabend 1895/1896 die Eröffnung seiner Gastwirtschaft, die bei den alteingesessenen Lüdenscheidern unter dem Namen „Am krummen Ellenbogen“ bekannt wurde, mit einer Zeitungsanzeige an.

Betrunkene in seinem Gasthaus waren dem alten Hermann Piepenstock ein Graus. Deshalb wachte er penibel darüber, dass niemand zu viel Alkohol ausgeschenkt bekam. Und wenn es dem Wirt abends zu bunt wurde, dann stimmte er ein Lied an. Das signalisierte den Gästen, dass die Zeit gekommen war, schnell auszutrinken, denn Piepenstock wollte die Kneipe schließen.

Neuenrad und Lüdenscheid SÄUFT, dass es zum Himmel schreit

Gemeinsam gesungen wurde auch sonst sehr gern und sehr laut in der Wirtschaft. Samstags pflegte der Wirt sogar regelmäßig Zettel mit Liedtexten unter den Gästen zu verteilen. Sein Lieblingslied hieß „Oh wie lieblich ist’s im Kreis trauter Biederleute“. Wenn die (umgedichtete) letzte Strophe („Werdohl und Altena, tief im Tale liegt es da, Neuenrad und Lüdenscheid SÄUFT, dass es zum Himmel schreit“) angestimmt wurde, mussten sich alle Gäste von ihren Plätzen erheben.

Zu den Eigenarten Piepenstocks gehörte es ebenso, dass er keine Tabakwaren an Frauen verkaufte.

Die Waage wiegt, der Fuhrmann trinkt

Trotzdem lief die Gaststätte hervorragend. Schon 1898 baute er aus. Im hinteren Bereich des Lokals gab es jetzt ein Lagerhaus, das an Spediteure untervermietet wurde, was der Familie Piepenstock zusätzliche Einnahmen bescherte. 1904 setzte Piepenstock eine weitere Geschäftsidee um: Am Platz vor dem Haus wurde eine Zehn-Tonnen-Fuhrwerks-Waage installiert. Die mit der Eisenbahn ankommenden Schuttgüter konnten dort gegen Gebühr gewogen werden. Bei der Gelegenheit tranken die Fuhrleute zumeist gleich noch einen Schnaps an der Theke der Schankwirtschaft. Ein gutes Geschäft also für den Gastronomen. 1906 wurde der Gastraum renoviert und ausgebaut.

Das Ehepaar Piepenstock hatte zwei Kinder – die 1896 geborene Josephine sowie den 1899 zur Welt gekommenen Emil. Josephine ließ sich zur Diakonisse ausbilden, Emil stieg in den elterlichen Betrieb ein. In den 1920er-Jahren hielt Emil Piepenstock auf den Bauernhöfen der Umgebung Ausschau nach einer Frau fürs Leben. Die fand er schließlich auf dem Dreimädelhof in der Hinterbrenge des Bauern Richard Buckesfeld. Das Mariechen heiratete Emil Piepenstock 1930.

Inge und "Kalla" Piepenstock.

Emil und sein Herz für die Hausfrauen

Drei Jahre später übernahm das Paar das Gasthaus am Bahnhof. Emil Piepenstock galt als der geborene Wirt und war ein echtes Lüdenscheider Original. Der Wettermacher der LSG überzeugte auch durch sein soziales Bewusstsein. So pflegte er sonntags seine Gäste pünktlich um 13 Uhr nach Haus zu schicken und die Wirtschaft zu schließen, „damit den guten Hausfrauen nicht der Tag verdorben wurde“.

Zu den Gästen der Kneipe gehörten sowohl honorige Bürger wie auch weniger angesehene Lüdenscheider, deren zweifelhafter Ruf ihnen vorauseilte. An der Theke saßen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts daher ebenso der „Schwatte Brünninghaus“ und der „Rote Niklas“, zwei stadtbekannte Zechbrüder.

Hermann Piepenstock starb 1948, seine Frau Josephine 1957. Sohn Emil und seine Frau Mariechen hatten zwei Kinder, die 1933 geborene Liselotte und Karl-Dietrich, genannt „Kalla“, der 1937 das Licht der Welt erblickt hatte. Kalla erlernte den Hotelierberuf, arbeitete 1952 bis 1958 in renommierten Gastronomiebetrieben in Dortmund, Karlsruhe, Bad Homburg und Bad Neuenahr.

"Kalla" mit seinen Eltern Mariechen und Emil Piepenstock.

Wegen einer Erkrankung des Vaters Emil kehrte Karl-Dietrich Piepenstock nach Lüdenscheid zurück. Mit seiner Partnerin Inge Espelöer stieg Kalla 1962 in den elterlichen Betrieb ein, den das Paar 1964, im Jahr seiner Heirat, ganz übernahm.

Das Potthucke-Rezept als Mitgift

Inge brachte außer ihrem Können in der Küche zwei wichtige Rezepte mit, die fortan auf der Speisekarte des Gasthauses landeten: Westfälische Potthucke und Pfannegrütze. Inges Potthucke wurde zum kulinarischen Aushängeschild des Hauses, das Arme-Leute-Gericht zum angesagten Bestseller der Lokalität. Fortan hieß es unter den Lüdenscheidern nicht mehr „Komm, wir gehen zu Piepenstock!“, sondern „Wir gehen Potthucke essen bei Kalla!“

1967 verstarb Emil Piepenstock, 1975 nach langer Krankheit auch Mariechen. In den 1970er-Jahren investierten Inge und Kalla weiter in den Betrieb. Die Küche wurde ausgebaut, die gesamten Geschäftsräume vollrenoviert und die Waage vorm Haus komplett erneuert, für eine 25-Tonnen Last ausgelegt.

Umbauarbeiten an der Waage in den 70er-Jahren: "Kalla" Piepenstock im Hintergrund.

Vier Jahrzehnte prägten Kalla und Inge Piepenstock den Charakter der Kneipe maßgeblich, doch auch sie bekamen einen Wandel im Freizeitverhalten der Lüdenscheider mit. Vieles veränderte sich mit der Zeit.

Kalla und Inge beschritten im Jahr 2000 neue Wege abseits der Gastronomie. Sie waren Herausgeber des Buchs „Pils und Potthucke“ des Autors Werner Heinrich Schönherr. Schönherrs literarische Sammlung von Anekdoten rund um die Kneipen aus Lüdenscheid und Umgebung war so schnell vergriffen, dass im Folgejahr eine Neuauflage herausgegeben wurde. Stilecht im urigen Ambiente der Gaststätte Piepenstock genossen die Gäste der Autorenlesungen Schnaps und Inges Potthucke.

Im Jahr 2001 trennten sich die Piepenstocks vom Wahrzeichen ihres Lokals. Die Waage vorm Haus wurde an die Stadt übergeben, verschwand kurz darauf. Ihr Betrieb habe sich finanziell nicht mehr gelohnt, Einnahmen und Kosten für die Unterhaltung seien nicht mehr ausgewogen gewesen, so erklärte Karl-Dietrich Piepenstock gegenüber den LN damals.

Potthucke nur noch für die Stammgäste

2004 kündigten die Piepenstocks ihren Rückzug aus Lüdenscheids Gastronomie-Szene an. Die 1. Kompanie der LSG, das Lüdenscheider Mandolinen-Orchester 1929 und andere, die sich regelmäßig über viele Jahre am Stammtisch im Haus Piepenstock trafen, bereiteten dem Wirtsleuten einen schönen Abschied. Gründonnerstag 2005 war die Gaststätte (vorläufig) ein letztes Mal geöffnet. Von nun an wollten Kalla und Inge ihre freie Zeit als Rentner genießen, „mal endlich abends das im Fernsehen sehen, was wir sonst nicht sehen konnten“.

Der Musikzug der Bergstadt-Feuerwehr im Lokal.

So ganz ohne ihre Gäste konnten und wollten die Piepenstocks dann aber doch nicht sein. Ein Wiedersehen mit Karl-Dietrich und Inge Piepenstock in der Wirtschaft gab’s im Winter 2005/2006. Allerdings war das nur den alten Stammgästen vorbehalten, die so sehr von Inges Kochkünsten schwärmten. Hausgemachte Sülze, Potthucke und Pfannengrütze zum Mitnehmen standen auf dem Programm bei der „Aktion ambulante Potthucke“. Wer sich vorher telefonisch angemeldet hatte, der konnte in die Gaststube kommen, um sich westfälische Hausmannskost zum Mitnehmen abzuholen.

Inge stand in der Küche und Kalla notierte eifrig mit dem Bleistift die eingehenden und herausgegebenen Bestellungen in ein Heft. Ein kurzes Gastspiel im Gasthaus, das dem Wirtspaar ebenfalls so großen Spaß bereitete wie den Gästen.

Echte Blumen statt der Pilsblume

Im Juli 2007 wurde aus der ehemaligen Gaststätte im Haus Bahnhofstraße 26 dann ein Blumenladen. Dieter und Katharina Schnell nutzten die Räume als Verkaufsflächen. Bis Ende 2010 gab’s hier Rosen, Geranien und Co – dann war an diesem Standort für das Ehepaar Schnell Schluss. Ihre Blumenstube zog in die Knapper Straße 85 um.

Als Nachmieter zog im März 2011 Jochen Marciniak mit seinem Tabak- und Zeitschriftenladen an der Bahnhofstraße ein. Zustande gekommen war der Umzug, weil der Verkaufspavillon an der Bahnhofsallee 2a, in dem Marciniak 27 Jahre lang seinen Laden betrieben hatte, im Zuge der Neugestaltung des Bahnhofsareals abgerissen werden sollte.

Zwischenspiel: Blumenladen statt Gaststätte.

Der damals bereits 62-jährige Jochen Marciniak bekam von Kalla und Inge Piepenstock das Angebot unterbreitet, doch die letzten Berufsjahre seinen Kioskbetrieb in einem nun zum Ladenlokal umgebauten Raum der früheren Gaststätte zu führen. Ein paar wenige Jahre gingen dort Zigaretten, Getränke, Süßigkeiten und Zeitungen über die Theke. Und genau so lange standen auf der anderen Seite des Bahnhofs noch die alten Pavillons leer. Deren Abriss erfolgte erst im Dezember 2018 für den Bau des Pergamon-Ärztehauses an selber Stelle.

Aus dem Kiosk im Haus Piepenstock wurde ein Pausenraum für die Busfahrer der MVG.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare