"Ich verarbeite meinen Schmerz"

Junge Lüdenscheiderin postet eigene Gedichte - fast 12.000 sind auf Instagram dabei

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Nefes Celik teilt ihre Sprüche auf Instagram mit ihren Followern.

Lüdenscheid – Nefes Celik aus Lüdenscheid schreibt Gedichte und Sinn-Sprüche. Damit trifft die 23-Jährige offenbar einen Nerv. Im sozialen Netzwerk Instagram folgen ihr 11.600 Menschen.

LN-PraktikantinLume Junuzi hat sich mit der Lüdenscheiderin über Autoren, Bücher, Instagram und vieles mehr unterhalten. 

Wie bist du darauf gekommen, einen Instagram-Account zu eröffnen? 

Eigentlich wollte ich den Account nur eröffnen, um Selfies hochzuladen, aber dann habe ich gesehen, dass viele Instagram-Nutzer Zitate von berühmten Dichtern posten. Daraufhin kam mir die Idee, meine eigenen Sprüche zu posten. 

Wie lange hast du Deinen Account schon? 

Ich habe ihn jetzt schon fünf Jahre.

Schreibst du Deine Sprüche selbst?

Ja, alle. 

Wo holst du Dir Inspiration? 

Aus den Büchern von Goethe, Friedrich Wilhelm Nietzsche, Richard David Precht und Julia Engelmann. 

Gibt es Instagram-User, die Deine Sprüche klauen beziehungsweise kopieren?

Oh ja, sehr oft. 

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#zeilenvonmir #andich

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Wie gehst du damit um? 

Anfangs natürlich mit Stress, „Beef“ und allem, aber mit der Zeit habe ich gelernt, sie höflich und nett darauf hinzuweisen. Wenn sie es trotz allem nicht löschen, reposte ich das auf meiner Instagram-Story, und meine Follower melden das und fertig. 

Würdest du sagen, dass Instagram Dein Hobby ist? 

Mein Hobby ist das Schreiben. Instagram ist nur eine Plattform, auf der ich meine Sprüche mit anderen teile. Hast du jemals daran gedacht, Deinen Account zu schließen, weil Du keine Ideen mehr hattest? Nein, nicht wegen mangelnder Ideen, sondern eher wegen der Privatsphäre, die mir genommen wurde nach einiger Zeit. Es hat mich gestört mich rechtfertigen zu müssen, für das, was ich gepostet habe. Das war auch der Grund, warum ich Instagram eine Zeit lang deaktiviert habe. Nach paar Monaten hab ich es wieder aktiviert, weil ich schnell gemerkt habe, dass es daran liegt, wie ich damit umgehe und nicht was andere daraus machen. 

Was macht Dir am Posten Spaß? 

Die Reaktionen und die Nachrichten, die ich nach dem Veröffentlichen meiner Sprüche bekomme. Hast du mehr weibliche oder männliche Follower? 70 Prozent sind Frauen und 30 Prozent Männer. 

Wie lange setzt du Dich schon mit den Sprüchen auseinander? 

Seitdem ich 17 bin, also seit sechs Jahren. Das alles hat nämlich nicht mit Instagram angefangen, sondern mit Poetry Slam. Durch Julia Engelmanns YouTube-Videos habe ich gesehen, dass es so etwas nicht nur in Amerika gibt, sondern auch in Deutschland. Poetry Slam ist ein Wettbewerb, bei dem die Teilnehmer selbst verfasste Texte vortragen vor Publikum, das gleichzeitig Jury ist. Ich hatte mich spontan in Dortmund angemeldet und habe auch direkt den ersten Platz belegt. 

Würdest du auch gerne ein Buch veröffentlichen? 

Ja, ich schreibe seit zwei Jahren daran, aber ich komme nicht dazu, es zu veröffentlichen, da mir noch zwei Kapiteln fehlen. Ich hoffe, dass es noch dieses Jahr klappt. 

Worum geht es in Deinem Buch? 

Jedes Kapitel ist individuell. In jedem Kapitel geht es um etwas anderes, das sind mal kürzere, mal längere Texte. In manchen Kapiteln geht es um Liebe, in manchen um Trauer, Verluste, Familie, Freunde oder Fragen wie „Was ist der Sinn des Lebens“.

Wo fallen dir die meisten Sprüche ein? 

In der Natur. 

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Sind Deine Sprüche sofort gut angekommen? 

Bei Freunden nicht immer, da Sie es komisch fanden, dass ich statt Bilder Zitate poste. Die fanden das total lächerlich. Ich habe trotzdem nicht aufgegeben. Leute fingen an, meine Sprüche zu teilen, und es ging immer so weiter. Meine Reichweite vergrößerte sich und plötzlich feierten nicht nur Fremde meine Sprüche, sondern auch meine Freunde. 

Möchtest du etwas mit Deinem Instagram-Profil bewirken? 

Definitiv, wir leben in einer Generation, wo unsere Gefühle Plan B sind. Im Vordergrund steht die Vernunft, was zu einem gewissen Punkt auch gut ist. Aber ich finde, dass heutzutage alles oberflächlich abläuft. Vor allem in den sozialen Medien. Man redet weniger über Gefühle und man versucht zu zeigen, wer man ist, wie man lebt und was man hat. Deswegen finde ich es gut, wenn man Gefühle in Wort und Schrift veröffentlicht. 

Tauschst du Dich mal mit anderen Instagram-Nutzer aus, die auch Sprüche posten? 

Anfangs habe ich das sehr gerne gemacht, habe dann auch neue Freundschaften geknüpft. Schnell habe ich aber gemerkt, dass es nur darauf basiert, wer wem etwas Gutes tut. Trotzdem habe ich auch ein paar Freunde, die sogar schon Bücher veröffentlicht haben und sehr stark in Ordnung sind, dazu gewonnen. 

Hast du Vorbilder?

Mein Vorbild ist Julia Engelmann, aber von der Form und von der Lyrik her, wie man Gedichte schreibt, ganz klar Goethe. 

Könntest du Dir vorstellen beruflich, als Autorin zu arbeiten? 

Ja, sofort. Ich würde alles stehen und liegen lassen. Nur leider kann man davon nicht leben, solange man nicht erfolgreich ist. 

Was machst du beruflich?

Ich arbeite zurzeit als Versand- und Lagerlogistikerin. 

Dein Spruch „Undankbarkeit ist eine üble Sache und oft kommt es von denen, für die Du am meisten getan hast“. Hängen Deine Sprüche viel mit Enttäuschungen zusammen? 

Oh ja, ich habe gemerkt, wenn ich Trauer empfinde, schreibe ich viel mehr und qualitativ viel besser. Ich glaube, dass die größte Quelle bei mir auch Enttäuschungen sind. Größtenteils wurde ich von meiner Familie enttäuscht und ich denke mal, dass ich es deswegen mit der Welt teilen möchte, denn mit dem Schreiben verarbeite ich meinen Schmerz. 

Warst du schon immer interessiert an Büchern? 

Ich wurde als Kind von meiner Mutter dazu angehalten, zu lesen. Ich habe jedes Mal laut gelesen, da ich früher ein Problem mit dem Stottern hatte. Nach einer Zeit wurde mein Interesse geweckt. Je mehr ich gelesen habe, desto weniger war der Fernseher an, und dadurch haben sich meine Noten dann auch verbessert. In meiner Wohnung habe ich jetzt nicht mal mehr einen Fernseher, da mich heute Bücher mehr interessieren.

Einige Sprüche von Nefes Celik

„Wir schlafwandeln in einer Welt, in der wir, wenn wir alle wach wären, soviel ändern könnten.“ (1.413 Likes)

„Manchmal vergesse ich mich, nur um mich an dich zu erinnern.“ (1.350 Likes)

„Wohin führt unsere Reise, wenn nicht in die Richtung der Liebe?“ (1.309 Likes)

„Du musst gegen den Strom schwimmen, um zur Quelle deiner Selbst zu gelangen.“ (1.405 Likes)

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