Unser Gespräch zur Statistik

Lüdenscheider Polizist: Beleidigungen sind Alltag

LÜDENSCHEID/KREIS - "Scheiß Bulle. Verpiss dich doch." Vielen Dank für die freundlichen Worte - provozierender geht es nicht, oder? Doch. Alles kann gesteigert werden, auch verbale Attacken. Auch Lüdenscheider Polizisten könnten seitenlange Abhandlungen darüber verfassen, mit welchem Wort-Schmutz sie beworfen werden.

Von Susanne Fischer-Bolz

"Beleidigungen sind eigentlich alltäglich", erzählt der Lüdenscheider Polizeibeamte, mit dem sich der Bote zum Gespräch traf. Thema: Die neue Studie, die NRW-Innenminister Jäger in diesen Tagen vorlegte. Doch besagter Gesprächspartner las nur die Überschrift: "Jeder zweite Polizist wird Opfer von Gewalt."

Dass er sich die Zahlen nicht näher anschaute, überrascht nicht: Eigentlich gibt es nämlich keine neuen Erkenntnisse - und die erschreckende Statistik, dass mehr als die Hälfte der Polizisten mindestens einmal im Jahr getreten, geschlagen, beleidigt oder bespuckt wird, ist keine bahnbrechende Erkenntnis für die, die täglich ihren Kopf und ihre Knochen für den Rechtsstaat hinhalten. "Aber es ist nicht schlecht, dass es in der Öffentlichkeit diskutiert wird." Ob sich dadurch allerdings etwas ändert, glaubt der Lüdenscheider nicht wirklich.

Exakte Zahlen für den Märkischen Kreis gibt es nur beim Thema "Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte": 2012 wurden 132 Fälle registriert, bis zum heutigen Tag in 2013 waren es 118 Fälle. Da wurde getreten, geboxt, geschlagen. Weitere Statistiken werden nicht geführt - obwohl bei jedem Delikt ein Zusatzbogen mit den Vorkommnissen ausgefüllt wird. Was allerdings auch bedeutet: Es gibt nicht eine Standard-Beleidigung, die alle als solche empfinden und gleich notieren.

Ist "Hau ab du Sack" eine Beleidigung? Oder eher "Du Arschloch". Sicher beides. Allerdings zeigt nicht jeder Beamte eine mögliche Straftat an. 53 Prozent der für die Studie befragten Polizisten glauben, dass ein mögliches Verfahren ohnehin eingestellt würde. Oder empfinden Situationen auch unterschiedlich. Nichts zu deuten und rütteln gibt es bei der Steigerung: Auch Bedrohungen ("Ich stech' dich ab") und Stalken ("Ich weiß, wo du wohnst") sind gefährlicher Alltag. Dass auch der Märkische Kreis keine Insel der Glückseligen ist, verwundert nicht.

Im Märkischen Kreis gab es im vergangenen Jahr nach Angaben von Mario Schroer, Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP) Märkischer Kreis, 24 Fälle von tätlichen Übergriffen. Ein heftiger Fall ist noch gut in Erinnerung: Im Januar lockte in Lüdenscheid ein 16-Jähriger zwei Polizisten in den Hinterhalt, beschoss die Beamten mit einer Armbrust und attackierte sie mit einer Machete. "Man glaubt, man kommt zu einem ganz normalen Einsatz und dann das", erzählt der Gesprächspartner. Seine Kollegen wurden nach dem Vorfall von Polizei-Psychologen betreut und waren auch krankgeschrieben.

Für Polizisten, die im Dienst unter Druck geraten, gibt es ein enges Netz an Betreuung und Fürsorge. Doch während nur jedes siebte Opfer laut Innenminister Jäger auf diese Angebote hingewiesen wird, ist die Inanspruchnahme in Lüdenscheid selbstverständlich. Und auch die "Indianer-kennt-keinen-Schmerz-Mentalität" gibt es dort nicht (mehr). Im Gegenteil: Gespräche mit Kollegen und Vorgesetzten seien selbstverständlich - und sehr zeitnah. Alltag eben. Und notwendig. Denn von prekären Situationen sind in 85 Prozent Polizisten vom Streifendienst betroffen. Der gefährlichste Arbeitsbereich sozusagen.

"Wir sind ja auch immer die ersten, die da sind", so der Lüdenscheider Beamte. Für ihn ist übrigens "Spucken" die Königsdisziplin. Einmal ist ihm das bisher in seiner Laufbahn passiert. "Und ganz reflexartig habe ich dem eine schallende Ohrfeige verpasst." Dass diese "Erwiderung" Konsequenzen hätten nach sich ziehen können, weiß der Polizist natürlich. "Aber es gab keine Anzeige."

Freitag- und Samstagnacht sind übrigens besonders beliebt bei denjenigen, die gegen Polizisten zur Attacke blasen. "Meist ist Alkohol im Spiel", erzählt der Beamte. Junge Erwachsene würden sich dann besonders cool finden, wenn sie 'die Grün-Weißen' aufmischen" oder Antennen von den Polizeiwagen abknicken. Die Respektlosigkeit versteht der Lüdenscheider nicht. "Mich beschäftigt das", sagt der Beamte, der seit 28 Jahren im Dienst ist.

Früher, so sagt er, war das Verhalten anders. Ist damals die Polizei aufgetaucht, gab es einen Rückzieher. "Heute heißt es: ,Was willst du denn, Alter?'". Doch ins Bockshorn jagen lassen sich die Polizisten nicht. Auch nicht die weiblichen Beamten. "Hier läuft niemand zitternd durch die Gegend", schmunzelt der Lüdenscheider. Und dass Frauen lieber den Freitagnacht-Dienst vor lauter Angst vor Übergriffen tauschen wollen, sei ebenfalls nicht der Fall. "Im Gegenteil. Der Dienst ist eigentlich sogar recht beliebt. Und: Frauen werden auch nicht mehr oder weniger beleidigt oder angegriffen."

Von einem Jammertal ist in Lüdenscheid also trotz der Studie nichts zu spüren. Dass der Beruf des Polizisten aufgrund der Gewaltbelastung unattraktiv wird, glaubt auch niemand. 7000 Bewerber für 1500 Stellen sprechen für sich.

"Die Polizei bietet jungen, motivierten Frauen und Männern eine qualifizierte Ausbildung für einen spannenden, attraktiven und krisensicheren Beruf", sagte Innenminister Jäger noch im September. Vor wenigen Tagen erklärte er: "2012 kam es zu 5982 Straftaten gegen Polizisten. Mehr als 1800 Polizisten wurden im Einsatz verletzt, 15 sogar so schwer, dass sie mehrere Tage und sogar Wochen dienstunfähig waren."

Da bekommt der Ausdruck "spannender Job" eine neue Dimension. Welche Lösungsansätze es gegen die fast schon zum "Volkssport" gehörende Gewalt gegen Polizeibeamte gibt, kann der Lüdenscheider Beamte auch nicht wirklich beantworten. Vielleicht, so sagt er, sollte man erst einmal die Strafen ausschöpfen, die im Gesetzbuch stehen.

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