Pflegekräfte angeklagt: Viele offene Fragen am Amtsgericht

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Symbolbild

Lüdenscheid - Zwei Pflegekräfte müssen sich wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung eines Patienten vor dem Schöffengericht verantworten. Sie sind sich keiner Schuld bewusst.

„Es gibt einige Berufe, in denen haben Fehler kaum Folgen, und es gibt andere, da haben sie gravierende Konsequenzen.“ Der Vorsitzende des Schöffengerichts, Amtsrichter Andreas Lyra, sagt, es sei ein „tragischer Fall, egal, wie man die Verantwortung zuweist“. 

Der fahrlässigen Tötung angeklagt sind eine Altenpflegerin (48) und eine Krankenschwester (41). Ein 80-jähriger Patient soll gestorben sein, weil sie beim Wechsel eines Halsvenen-Ports laut Staatsanwaltschaft einen Schlauch vergessen und ein Ventil offengelassen haben. 

Der alte Mann erlitt eine Embolie, weil nach Angaben der Ärzte Luft in seine Gefäße eindringen konnte. 

Handwerklich "nicht schwierig"

Die Stimmung im Saal 125 des Amtsgerichts ist gedrückt. Die Angeklagten sagen, sie hätten alles so erledigt, „wie wir es gezeigt bekommen haben“. Das sei handwerklich „nicht schwierig gewesen. „Wir haben alles verschlossen.“ Doch die Dokumentation darüber ist offenbar lückenhaft. 

Die Witwe des Patienten ist als Zeugin geladen und sagt auf die Frage des Richters, ihr gehe es „zurzeit nicht so gut“ – und dass ihr Mann ja noch „recht flott unterwegs gewesen“ sei. 

Doch die Frage, ob er als schwer kranker Patient, nach Schlaganfällen und Krebserkrankung, am 14. September 2016 ohnehin dem Tode geweiht war, ist nach dem ersten Verhandlungstag ebenso unbeantwortet wie die Frage, ob die beiden Pflegekräfte tatsächlich für die Schlamperei verantwortlich sind – oder wer sonst alles zwischen dem Auffinden des bewusstlosen Patienten an der Glatzer Straße und dem Tod auf der Intensivstation des Klinikums Hellersen am nächsten Morgen Hand an das Portsystem gelegt hat. 

Zeitlücke rekapitulieren

Die beiden Strafverteidiger, die Rechtsanwälte Arnd Katzke und Dr. Michael Schulte, wollen die Zeitlücke rekapitulieren, der Richter will dazu weitere Zeugen laden. 

Eine zusätzliche Frage ergibt sich für die Verteidiger am ersten Prozesstag überraschend. Denn neben dem Ventil und den Verschlusskappen am Portsystem gibt es eine weitere Sicherung, die den Patienten vor einer Embolie bewahren soll: eine Kunststoff-Klemme für das Abdichten eines Schlauchs, die offenbar jemand abgebrochen hat. 

Ein Anästhesist aus dem Klinikum sagt, er habe dem Patienten den Verband über dem Port entfernt. „Das war komplett offen.“ Eine Klemme habe er nicht gesehen. Der Richter sagt: „Das wäre ja mehr als grob fahrlässig.“ 

Die Chefin der beiden Pflegekräfte sagt, sie seien „sehr zuverlässig und bei den Patienten beliebt“. Die Dokumentation sei „nicht immer so wie sie sein sollte, aber das ist Alltag in der Pflege“. Es müsse ja immer mehr dokumentiert werden. Viele ihrer Beschäftigten seien durch das Verfahren gegen die Kolleginnen „nervös und verunsichert“.

Termin Der Prozess wird am 1. Februar um 10 Uhr im Saal 125 fortgesetzt.

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