Lüdenscheider legt Geständnis ab

Brandstiftung an der Bayernstraße: "Ich werde den ganzen Scheiß hier abfackeln"

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Lüdenscheid - Am achten Verhandlungstag platzt der Knoten. Ganz knapp vor dem Ende des Prozesses im Fall der Brandstiftung an der Bayernstraße geht der Hauptangeklagte auf das Verständigungsangebot des Schwurgerichts ein und legt ein umfassendes Geständnis ab.

Er steht auf, hält sich das Saal-Mikro vor den Mund und schluchzt tränenüberströmt: „Ich möchte mich entschuldigen. Ich weiß, ich kann es nicht wieder gutmachen. Es tut mir sehr leid.“ 

Seine Kinder müssten nun unter seiner Dummheit leiden. Seit sieben Monaten sei er von seiner Familie getrennt. „Das tut wirklich weh.“ 

Zuvor hatte Verteidiger Dr. Frank Nobis für seinen Mandanten eine Erklärung abgegeben. „Er räumt das alles ein und bedauert es zutiefst.“ Die mitangeklagte Ehefrau kauert neben Rechtsanwalt Dominik Petereit und weint ununterbrochen. 

Sie ist es, die als erste das Schweigen bricht. Die junge Frau schildert stockend, wie sie mit ihrem Mann und den beiden Töchtern nach Köln in ein Spaßbad gefahren ist – seltsamerweise mit zwei Autos. „Er sagte, dass er seinen Vater noch vom Flughafen abholen will.“ 

"Er musste seine Frau nach Köln locken"

Spontan habe er dann ein Hotelzimmer für die Nacht gebucht, „obwohl ich am nächsten Morgen arbeiten musste“. Da hatte der Familienvater seinen Tatplan längst gefasst und musste seine Frau „nach Köln locken“, wie Nobis sagt. 

Zur Komplizin ist sie nach eigenen Angaben aber nicht geworden. „Ich habe bei der Polizei gelogen, weil ich so eine Angst hatte, dass er es wirklich war.“ Von den tagelangen Vorbereitungen der Brandstiftung will sie nichts mitbekommen haben. 

Und nach wachsenden finanziellen Problemen der Familie hat ihr Mann laut Nobis schon Monate zuvor gesagt, er wolle „den ganzen Scheiß hier abfackeln“, aber sie habe ihn nicht ernst genommen. Und dass er sich nachts, während sie schlief, aus dem Hotel geschlichen hat, habe sie erst Stunden später bemerkt. 

Eine Freundin habe sie in der Nacht angerufen und von dem Feuer an der Bayernstraße berichtet. Da machte sie sich mit den Kindern auf den Weg nach Lüdenscheid. 

"Ihm ist eine Last vom Herzen gefallen"

Nach Angaben der Verteidiger ist dem Hauptangeklagten mit dem plötzlichen Entschluss, reinen Tisch zu machen, „eine Last vom Herzen gefallen“. Er habe nichts gesagt, auch seiner Frau nicht, weil er Angst gehabt habe, seiner Familie nicht mehr unter die Augen treten zu können, heißt es. 

Das Tatmotiv liegt wie ein offenes Buch vor den Richtern. In seiner Erklärung lässt der 32-Jährige über Frank Nobis verlauten, „wenn mein Vater die Häuser nicht kriegt und ich auch nicht, dann soll sie keiner kriegen“. 

Es sei schon länger schlecht gelaufen, die Banken hätten sich auf nichts mehr eingelassen, das Lebenswerk seines Vaters drohte „vor die Hunde zu gehen“, wie Richter Marcus Teich es ausdrückt. 

Die letzte Hoffnung sei zerbrochen, als vom Amtsgericht der Brief mit der Anordnung der Zwangsverwaltung im Kasten lag. Der Angeklagte sagt: „Der Frust war so groß, weil wir nichts machen konnten.“ Die Häuser sollten „zerstört“ werden. 

"Das ist aus dem Ruder gelaufen"

Die Verteidiger sprechen davon, dass ihr Mandant sich „in die Wut reingesteigert“ habe. Aber sie erwähnen auch, dass er niemanden habe umbringen wollen. Vielmehr sei er „selber total überrascht“ gewesen, wie schnell sich die Flammen von dreien der vier Brandherde ausgebreitet haben. Der 32-Jährige sagt: „Das ist aus dem Ruder gelaufen.“ 

Sein Auto hatte er an der Parkstraße abgestellt. Zu Fuß floh er durch den Stadtpark, traf sich mit seiner Frau, die inzwischen am Piepersloh angekommen war – und fuhr mit ihr zur Polizei. Erklärt habe er ihr nichts, sie habe von nichts gewusst, so der Angeklagte.

Alle Berichte zur Brandstiftung an der Bayernstraße

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