Lüdenscheider angeklagt 

Widersprüche und dürftige Indizien im Missbrauchs-Prozess

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Symbolbild

Lüdenscheid - Die 1. große Strafkammer müht sich weiter mit der Erhebung von Beweisen ab. Der Angeklagte ist weiter auf freiem Fuß.

Die Aussicht, bald für etwa zehn Jahre hinter Gittern zu landen, stellt normalerweise einen „Fluchtanreiz“ für Angeklagte dar, wie es in der Justiz allgemein heißt. 

Doch der 32-jährige Familienvater, der seine kleinen Töchter missbraucht und vergewaltigt haben soll, erscheint brav zu jedem Prozesstermin – und die 1. große Strafkammer sieht bislang offenbar keinen Anlass, den Mann in U-Haft zu nehmen. 

Mutter will nichts mitbekommen haben 

Prozessbeobachter mutmaßen, der Angeklagte habe seine Freiheit der bislang eher dürftigen Indizienlage zu verdanken. Zwar deuten nach Untersuchungen von Ärzten und Fachleuten verschiedener Kinderschutzambulanzen oder Diagnostikzentren einige Anzeichen auf Gefährdung des Kindeswohls hin. 

Zwar erhebt vor allem eine ehemalige Freundin der Familie schwere Vorwürfe gegen den 32-Jährigen. Doch es gibt auch Zeugen, die behaupten, es sei nichts dran an der Anklage – allen voran die Mutter der Mädchen, die nichts mitbekommen haben will, nur einmal den Satz eines der Kinder: „Ich will nicht mehr zu Papa!“ 

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Diese Aussage erscheint seit gestern in einem etwas anderen Licht. Denn eine Cousine des Angeklagten hat sich bei Gericht gemeldet und ihre Vernehmung im Zeugenstand angeboten. Die 27-Jährige erklärt, sie habe zahlreiche Anrufe von der Mutter der Mädchen bekommen. 

Die Frau habe von ihr erfahren wollen, ob und wie sie aussagen werde. „Das wurde mir zu viel. Ich habe sie dann blockiert.“ In Wahrheit habe die Mutter der Kinder nämlich doch etwas gewusst. 

„Ich habe viel auf die beiden aufgepasst. Die Mutter sagte mir, Andrea (Name geändert, d. Red.) darf nicht alleine zu ihrem Papa.“ Das Verhalten der beiden Mädchen sei auffällig gewesen. 

Mädchen haben einen Ergänzungspfleger

Die Zeugin vergleicht die Situation mit ihrer eigenen Familie: „Also, wenn mein Mann nach Hause kommt, dann freuen sich meine Kinder.“ Bei dem Angeklagten sei es anders gewesen. „Der hat immer so eine Unruhe da rein gebracht.“ 

Eine weitere Frau (24), die die Kinder eine Zeit lang betreut hat, als die Mutter im Krankenhaus lag, hat dem Gericht ihre Aussage ebenfalls angeboten. Sie sagt einerseits: „Er ist kein guter Vater.“ Meistens habe er sowieso nur vor dem Computer gesessen und gespielt. „Aber sonst ist mir nichts aufgefallen.“ 

Licht ins Dunkel können wohl nur die mutmaßlichen Opfer selbst bringen. Ob ihnen geglaubt werden kann, ist eine der offenen Fragen. Eine weitere Unsicherheit stellt die familienrechtliche Situation dar. 

Denn die Mädchen haben einen so genannten Ergänzungspfleger, der darüber entscheiden muss, ob die Kinder überhaupt als Zeuginnen zur Verfügung stehen oder sich auf ihr Aussageverweigerungsrecht berufen werden. 

Der Prozess wird am 25. Juni um 9.30 Uhr fortgesetzt.

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