„Komm, wir gehen in die Stadt!“

Rathausplatz: Im Café der enttäuschten Hoffnungen

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Die Passage im Jahr 1976 bei ihrer Eröffnung.

Lüdenscheid - Ein traditionsreicher Gastronomiebetrieb, ein Investor, der über Jahrzehnte im Clinch mit der Stadt liegt, Ärger mit dem Rathaustunnel, Leerstände und Bandenkriminalität – das Geschäftshaus Rathausplatz 15 hat schon immer für Gesprächsstoff gesorgt.

Neues von Gestern: Mit der LN-Serie „Komm, wir gehen in die Stadt!“ setzt Autor Fabian Paffendorf seinen erzählerischen Rundgang durch das Lüdenscheid der 1960er- bis 1990er-Jahre fort. Kult-Kneipen, prominente Gewerbeimmobilien und der Einzelhandel stehen im Mittelpunkt der Reihe (alle bereits erschienenen Folgen gibt es hier). In Folge 3 geht es um eine städtebauliche Lücke – wie sie entstand und Jahrzehnte später geschlossen werden sollte. Die Rede ist vom Hotel Kersting, einem Bauprojekt infolge der Untertunnelung des Rathausplatzes, das in seiner ursprünglichen Form nie realisiert wurde. Anstelle des vorgesehenen Hotels eröffnete an der Adresse Rathausplatz 15 im Jahre 1976 eine Einkaufspassage. In den vergangenen 44 Jahren hat diese sich gravierend verändert.

Die Geschichte des Cafés Kersting beginnt mit einem Lüdenscheider, der den Sprung in die Selbstständigkeit wagt: Im Juli 1920 eröffnet der Konditormeister Julius Kersting an der unteren Wilhelmstraße einen Gastronomiebetrieb. 17 Jahre lang herrscht Hochbetrieb in den Räumen, dann entscheidet sich Kersting dazu, seine Konditorei in die Knapper Straße 15 (heutige Adresse ist Rathausplatz 15) zu verlagern.

Die Immobilie Knapper Straße 15 ist schon um die Jahrhundertwende als ein traditionsreiches Kaffeehaus bekannt. Der Herr Carl Noelle betrieb die Gastronomieräume seinerzeit als Wiener Café, auf Noelle folgten August Schmale und dann dessen Sohn Kurt Sturm als Eigentümer. Es ist nun Sturm, der das Haus 1937 an Julius Kersting übergibt.

Am 1. April 1941 beginnt Julius Kerstings Sohn Hans seine Ausbildung zum Konditor im väterlichen Betrieb. Nach der Lehre wird er zum Arbeitsdienst verpflichtet. 1945 endet der Zweite Weltkrieg, die Siegermächte positionieren Besatzungstruppen in Lüdenscheid. Dies führt zur Beschlagnahmung zahlreicher Gaststätten und kultureller Einrichtungen. Auch das Café der Familie Kersting wird bis 1955 von den englischen und belgischen Streitkräften beschlagnahmt.

Dunkle Wolken am Horizont

In dieser Zeit reist Hans Kersting durch Westfalen, legt seine Prüfung zum Konditormeister ab – und kehrt letztlich in seine Heimatstadt zurück. Gemeinsam mit dem Vater renoviert er das Café an der Knapper Straße umfangreich. Es wird wiedereröffnet.

Vater Julius übergibt 1964 seinem Filius den Betrieb. Die Geschäfte mit Kaffeehaus und Konditorei laufen gut, doch alsbald ziehen dunkle Wolken am Horizont auf – in Form der in den späten 1960er-Jahren geplanten Innenstadtsanierung Lüdenscheids.

Die Untertunnelung des Rathausplatzes, das sogenannte Querspangen-Projekt, soll für Hans Kersting zur Zerreißprobe werden. Denn das Café steht dem Tunnel im Weg, muss auf Drängen von Politik und Verwaltung abgerissen werden.

Es ist der Beginn einer Vielzahl juristischer Prozesse, die Kersting über die kommenden Jahre gegen die Stadt führt. Sein Haus kann der Konditormeister nicht retten. Ebenso wie das Nachbargebäude mit dem Ladenlokal der Bücherei Beucker fällt es im Frühjahr 1970 den Abrissbaggern zum Opfer. Jedoch wird Kersting von der Stadt entsprechend entschädigt, sodass nach Beendigung der Rathaustunnelarbeiten an selber Stelle ein Neubau realisiert werden kann. Für dessen Planungen zeichnet Architekt Karl-Wilhelm Ortmüller verantwortlich. Auf der späteren Tunneldecke soll ein viergeschossiges Hotel mit 50 Betten entstehen.

Richtfest für das Café Kersting.

Das Bauprojekt scheitert letztlich an mehreren Faktoren. Zum einen fallen die von Hans Kersting beauftragten Gutachten über Gebäudestatik und Tragkraft der Tunneldecke widersprüchlich aus. Auch herrscht über Jahre keine Klarheit darüber, ob und wie das am Hotel anliegende Bauprojekt des Dr. Bodo Thyssen (später Knödler-Zentrum/Forum am Sternplatz) umgesetzt wird. Dadurch gibt es keine verlässliche Planungssicherheit, in welcher Form und Gebäudehöhe das Hotel Kersting sich städtebaulich dem anderen Haus anzugleichen hat.

Ferner ergibt sich ab Ende 1972 mit der Teileröffnung des Sauerland-Centers eine neue Situation. Da im Turm des Centers ein Hotel einziehen soll, sperrt sich die Stadtverwaltung gegen Kerstings Innenstadthotel-Idee. Ein Hotel Kersting ist 1973 endgültig vom Tisch. Die Neuplanungen sehen jetzt ein zweistöckiges Geschäftshaus vor. Dessen Baustart verzögert sich immer wieder. Erst Anfang 1975 kann es losgehen.

1976: Die Passage von innen.

Am 15. April 1976 werden das neue Café Kersting und die Einkaufspassage in die es eingefasst ist, eröffnet. Das Kaffeehaus nimmt zwei Etagen ein, verfügt unter dem Dach über 125 Sitzplätze sowie über eine Schönwetter-Terrasse in Richtung Börsenstraße, die weitere 60 Plätze für die Besucher bereithält.

Tränen in den Augen des Seniors

Die Neueröffnung sorgt bei Kersting Senior für Freudentränen, wie die Lüdenscheider Nachrichten berichten. „O wie schön, o wie schön“, jubiliert der nunmehr 82-Jährige beim Besichtigen der neuen Räume.

Zusammen mit dem Café öffnen auch die Betreiber der neuen Ladenlokale unter dem Dach der Passage ihre Türen. Ursula Kremser-Grubers Laden Collection, Tabakwaren Hörich, die Modeboutique Falke und das Sanitätshaus Emmerich sind die Mieter der ersten Stunde.

In den 80ern und 90ern herrscht eine hohe Fluktuation in der Passage. Mal gibt’s hier eine Videothek oder ein Reformhaus, Auch die Filiale des Modehauses Sawall ist einige Jahre lang Mieter. Das Kommen und Gehen hält an. Im neuen Jahrtausend sind erstmals Ladenlokale längere Zeit verwaist.

So sollte laut einem Plan aus dem Jahr 1971 das Hotel Kersting aussehen.

Im Jahr 2003 plant Hans Kersting dann, die bauliche Lücke endlich zu schließen, die durch den nie realisierten Hotel-Aufbau seines Hauses zustande gekommen ist. Um drei Geschosse, die unter anderem Büroräume und Wohnungen beinhalten sollen, will Kersting das Gebäude am Rathausplatz 15 aufstocken. Für das Projekt wird Architekt Rolf Miekeley engagiert, eine Bauvoranfrage an die Stadt gestellt. Kersting erhofft sich, dass durch die Städtische Baudezernentin Marion Ziemann ein anderer Wind in der Verwaltung weht – einer, der ihm endlich grünes Licht für seinen Plan garantieren könnte.

Hans Kersting ist optimistisch. Gegenüber den Lüdenscheider Nachrichten verspricht er einen Baubeginn im Frühjahr 2004. Eine Aufstockung, so wie sie Kersting vorhat, ist laut einem Gutachten von Rolf Miekeley möglich. Dieses attestiert, dass die Decke des Rathaustunnels, auf dem die Passage steht, eine zusätzliche Last tragen kann, sofern baulich die Gebäudestatik sichergestellt wird.

Die Stadtverwaltung begrüßt Hans Kerstings Vorhaben, aber besteht auf der Auflage, dass mit einer Aufstockung des Hauses 14 weitere Autostellplätze geschaffen und Ablösesummen durch den Investor entrichtet werden müssten. Das sorgt für Unverständnis bei Kersting. Der beruft sich nämlich auf den 1970 geschlossenen Vertrag mit der Stadt und dass aus diesem hervorgehe, dass alle notwendigen Stellplätze bereits vorhanden seien.

Falke-Shop in der Kersting-Passage.

Planungsamtsleiter Martin Bärwolf spielt den Ball zurück: Gegenüber den Lüdenscheider Tageszeitungen erklärt er, dass die Stadtverwaltung weiterhin auf einen konkreten Bauentwurf warte, Kersting und sein Architekt bisher nur sehr frühe und vage Planungsskizzen eingebracht hätten.

Baudezernentin Ziemann formuliert, dass Hans Kerstings Altvertrag aus den 1970er-Jahren privatrechtlich sei, doch er nun eine öffentlich-rechtliche Baugenehmigung benötige – „und öffentliches Recht bricht Privatrecht“.

Das zähe Ringen zwischen Hans Kersting und der Stadtverwaltung wird zum Dauerbrenner in den politischen Ausschüssen, die Stellplatzfrage zum Thema im Rat. Der Rat verabschiedet 2005 einen sogenannten „Parkplatzrabatt“. Bauherren im Innenstadtbereich müssen nun weniger Stellplätze als bisher nachweisen. Trotzdem hält Hans Kersting weiterhin daran fest, dass die Stellplatzfrage durch den Altvertrag gedeckelt sei. Die Fronten zwischen Bauherrn und Stadt sind 2006 so verhärtet, dass das Aufstocken der Immobilie nicht mehr realisiert wird.

Treffpunkt der Unterwelt

Hans Kersting stirbt am 17. April 2007 im Alter von 79 Jahren. Seine Witwe Ingeborg führt das Café am Rathausplatz bis Anfang 2015 noch weiter.

Mittlerweile hat sich die Einkaufspassage gewandelt. Den Großteil der Ladenfläche nimmt ein Textilmarkt der Kette Zeeman ein, die kleineren Ladenlokale sind durch mehrere Wettbüros aufgefüllt worden. Nach dem Ende des Cafés zieht ein griechischer Gastronomiebetrieb auf zwei Etagen ein.

Immer mehr Lüdenscheider meiden die Passage. Man mutmaßt, dass dort mitunter zwielichtige Gestalten verkehren. Jene, die das Geschäftshaus als neuen Angstraum der Innenstadt ansehen, erfahren am 3. September 2015 dafür Bestätigung: Serdar A. zückt in einem Wettbüro in der Passage eine Pistole. Es fällt ein Schuss. Der Mann wird kurz darauf von der Polizei gefasst. Ebenso werden Murat S. und Yasin H., die in die Schießerei verwickelt sein sollen, festgenommen.

Das Gerichtsverfahren gegen die Männer, der im Herbst 2016 am Hagener Landgericht beginnt, bringt Licht ins Dunkel der Hintergründe der Tat. Im sogenannten „Schutzgeld-Prozess“ über den die Lüdenscheider Nachrichten berichten, werden Dinge benannt, die aufzeigen, dass organisierte Bandenkriminalität in der Innenstadt längst zur Realität gehört. Es geht um einen türkischstämmigen Automatenaufsteller, der Gastronomiebetriebe und Wettbüros erpresst, auch vor Gewalt nicht zurückschreckt.

Die Gaststätte Bier-Projekt von Filippos Parlakoglou hat das alte Café Kersting neu belebt.

Abseits des Gerichtsverfahrens gibt’s im November 2018 Neuigkeiten bei der Vermietung der ehemaligen Café-Räume: Hier zieht die Gaststätte Bier-Projekt von Filippos Parlakoglou ein. Ein Pub, der sich seither großer Beliebtheit erfreut und der die Passage für die Lüdenscheider Nachtschwärmer wieder attraktiver erscheinen lässt.

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