Lüdenscheider Gespräch über Umgang der Kirchen mit NS-Verbrechern

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Prof. Dr. Olaf Blaschke referierte.

Lüdenscheid - Als vielseitig erwies sich im jüngsten Lüdenscheider Gespräch das Thema „Schwieriges Erbe. Die Kirchen und ihr Umgang mit den NS-Tätern“. Dass viele ehemalige Kriegsverbrecher und NS-Mörder über die sogenannte „Rattenlinie“ zunächst nach Südtirol und Italien, später dann zumeist nach Argentinien entkamen, ist bekannt.

Viele entgingen so zunächst der Verfolgung durch die Siegermächte: Franz Stange, der Kommandant der Vernichtungslager Sobibor und Treblinka, Erich Priebke, Mordbube im besetzten Italien, Josef Mengele, Lager-„Arzt“ in Auschwitz, Klaus Barbie, der Schlächter von Lyon, Adolf Eichmann, der Bürokrat der Endlösung.

Prof. Dr. Olaf Blaschke, Historiker an der Universität Münster, rief diese Fakten in Erinnerung und bemühte sich um Antworten auf die Frage, was den Vatikan ritt, die Unterstützung dieser Fluchtbemühungen durch hochrangige Geistliche zumindest zu tolerieren. „Das Geschäft der Schlepper und Fluchthelfer blühte.“ Die Flüchtenden, die vor ein Kriegsgericht und nicht auf ein Schiff nach Südamerika gehört hätten, hatten noch weitere Unterstützer: Das Internationale Rote Kreuz, den amerikanischen Geheimdienst CIA und wohl auch einige Leute, die an den Nöten der Mörder Geld verdienen wollten. Die Frage, woher die Flüchtenden das nötige Geld hatten, war deshalb eine der interessantesten der Diskussion. Geld in der Schweiz – möglicherweise zu Kriegszeiten dort deponiert, eine beachtliche Solidarität durch Hilfsfonds von NS-Tätern – der Erfolg hatte viele finstere Väter. Der schmächtige Adolf Eichmann immerhin hatte sich das Geld mit seiner Hände Arbeit erwirtschaftet, als er nach dem Krieg zunächst als Holzfäller in der Lüneburger Heide untergetaucht war.

Welche geistliche Verfassung beider großen christlichen Kirchen lag ihrem erstaunlichen Vergebungswillen gegenüber den Tätern zugrunde? „Man wundert sich, wie groß die Unschuldsvermutung war“, staunte Olaf Blaschke. Die Kirchen seien nach dem Krieg sehr schnell bereit gewesen, ihre tiefe Spaltung und ihre Widersprüche in einem klaren Dualismus aufzulösen: Hier der teuflische Nationalsozialismus – dort die Kirchen, die zwar nicht durchweg, aber doch in großen Teilen zu Widerstandsbewegungen umgedeutet wurden. Und vielfach bot der verbreitete Antikommunismus eine Plattform zur Verständigung zwischen den Kirchen, der CIA und den NS-Mördern. Das Strafrecht blieb auf der Strecke: Etwa 300 000 Personen seien Schätzungen zufolge direkt an den Judenmorden beteiligt gewesen, rechnete Olaf Blaschke vor: Nur etwa 500 von ihnen wurden von deutschen Gerichten verurteilt. Die Kirchen pflegten als angebliche Opfer ihren Vergebungsmodus und schützten vielfach die ehemaligen Täter. Was übrig blieb, erledigten keine Gerichte, sondern uralte Rituale der Geistreinigung: „Entnazifizierung wurde als Exorzismus verstanden.“

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