Das Bild der Unbefleckten

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Moritz Pfeiffer

Lüdenscheid - Seinen eigenen Großvater befragte der Geschichtsstudent Moritz Pfeiffer im Hinblick auf dessen persönliche Erlebnisse zur Zeit des Nationalsozialismus. Daraus wurden eine Examensarbeit an der Universität Freiburg und ein Buch.

„Mein Großvater im Krieg 1939 – 1945 – Erinnerung und Fakten im Vergleich“. Als Gast des Lüdenscheider Gesprächs des Instituts für Geschichte und Biographie der Fernuni Hagen stellte der 31-Jährige sein Forschungsprojekt im Kulturhaus vor.

„Nationalsozialismus, 2. Weltkrieg und Holocaust sind Teil unserer Familiengeschichten“, stellte Moritz Pfeiffer zu Beginn seines Vortrags fest. Allerdings herrschte nach dem Krieg selten Klarheit in Familien darüber, was die Eltern und Großeltern in der NS-Zeit erlebt und getan hatten. Untersuchungen zeigten, dass die Nachgeborenen „ein Bild von den unbefleckten Vorfahren“ pflegten. Bei der Frage nach den Tätern wurden die eigenen Familienangehörigen zumeist ausgeklammert. Dem entgegen hatte Moritz Pfeiffer viele Fragen an seinen Großvater, und der zeigte sich sehr auskunftsfreudig. Er berichtete von der Jugend in Elberfeld und von der Mitgliedschaft beider Großeltern in den NS-Jugendorganisationen. Nach seiner Meldung zur Wehrmacht zog Opa Hans 1941 als Teil der 6. Armee in den Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion. Während seine Einheit in Stalingrad vollständig aufgerieben wurde, war der Großvater schon wieder in Wuppertal. „Durch den Verlust des rechten Auges hatte er sich das Leben erkauft.“ So erlebte der Großvater die Bombenangriffe auf Wuppertal 1943 und geriet Ende 1944 in amerikanische Kriegsgefangenschaft. In den Gesprächen stellte Moritz Pfeiffer fest, dass auch sein Großvater noch den Glauben an die begrenzte Schuld der Wehrmacht pflegte, obwohl vor allem die 6. Armee den Weg für die Mordkommandos der SS erst frei gemacht hatte.

Ein wichtiger Punkt in der anschließenden Diskussion waren die Mechanismen dieser „Schuldabwehr und Verdrängung“, die zur Folge hatten, dass die Großeltern – und nicht nur sie – nur wenig Mitgefühl mit den Opfern des Nationalsozialismus äußerten. Der Enkel wunderte sich darüber. Für die wissenschaftliche Aufarbeitung ergänzte er die Erinnerungsprotokolle durch Kriegstagebücher der Militäreinheit seines Großvaters sowie zeitgenössische und wissenschaftliche Quellen. So ließ sich durch einen Feldpostbrief nachweisen, dass die Großeltern ihre einstige Begeisterung für Goebbels’ Aufruf zum „totalen Krieg“ zu einer angeblich schon damals vorhandenen Skepsis umdeuteten: „Goebbels große Schnauze“. - thk

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