Rundherum besorgniserregend

Gastro in der Corona-Krise: Wut über Familienfeier-Bremse aus Berlin

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Marcus Kaufmann vom Restaurant Heerwiese würde sich freuen, wenn sein Lokal wieder so gut gefüllt wäre wie auf unserem Bild bei einem Benimm-Seminar der Tanzschule S.

Lüdenscheid – Die Gastronomiebranche gehört in Zeiten der Corona-Pandemie zu den absoluten Problembranchen. Natürlich wurde auch in Lüdenscheid sehr genau zugehört, als Bundesgesundheitsminister Jens Spahn kürzlich den Sinn von Groß- und Familienfeiern in Frage stellte und auf die Corona-Risiken solcher Veranstaltungen hinwies.

Das Hotel- und Gaststättengewerbe hat beunruhigt auf den Appell von Spahn reagiert, sich angesichts steigender Corona-Infektionszahlen bei privaten Feiern auf den Familienkreis zu beschränken. „Es sollten alle darauf bedacht sein, die seit Mitte Mai gewonnenen Freiheiten des Ausgehens und Reisens zu verteidigen“, sagte die Hauptgeschäftsführerin des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga), Ingrid Hartges. Das gelte für Wirte, Personal wie für Gäste.

Spahn hatte an die Bundesbürger appelliert, stärker auf die Corona-Gefahr bei Partys und Veranstaltungen zu achten. Weil Feierlichkeiten es dem Virus besonders leicht machten, riet der CDU-Politiker dazu, sie „noch eine Zeitlang nur im engeren Familienkreis“ stattfinden zu lassen.

 Vor allem Eventcaterer, die vorwiegend Familienfeste wie Hochzeiten beliefern, würden von erneuten Maßnahmen hart getroffen, warnte Hartges: „Großveranstaltungen und eine Vielzahl kleinerer Events finden ja noch gar nicht wieder statt.“ Die Verluste seien erheblich und viele dieser Betriebe fürchteten um ihre Existenz.

Doch wie sieht es vor Ort aus? Ein Rundgang durch die Lüdenscheider Festsäle:

Hotel Passmann

Die Auslastung an Feiern im Vergleich zum gleichen Zeitraum vor einem Jahr? Silke Passmann überlegt kurz. „Ich tippe, rund 30 Prozent“, sagt die Chefin des Hotels, das in Brügge direkt an der Volme liegt. Die Signale aus Berlin hört Passmann mit Besorgnis. „Unsere Hoffnung war, dass es ab September wieder ein wenig normaler weitergeht“, sagt sie – doch gerade bei Feiern herrscht weiterhin Zurückhaltung, ist die Auslastung schlecht.

 „Dazu kommt, dass auch das Übernachtungsgeschäft noch nicht wieder läuft – in Summe sei das existenzbedrohend, auch wenn das À-la-Carte-Geschäft gut läuft. Das Hotel beschäftigt aktuell keine Aushilfen mehr und hat die feste Belegschaft in Teilen in Kurzarbeit. Was bleibt, ist die Hoffnung auf bessere Zeiten. Aber wann?

Heerwiese 

An der Heerwiese sieht es ähnlich aus. „Gerade erst gestern ist eine Feier für 60 Personen storniert worden – Corona!“, sagt Heinz-Walter Kaufmann, „bei den großen Feiern machen viele einen Rückzieher. Da gibt es viele Stornierungen. Was noch läuft, sind Feiern mit 20 bis 30 Personen. Aber es gibt auch Fälle, in denen Tische storniert werden, weil zwei von sechs Personen wegen Corona absagen.“ Auch an der Heerwiese ist der À-la-Carte-Sektor das Geschäft, was den Vertrieb aufrecht erhält. Auch hier warten die Aushilfen darauf, wieder angefordert zu werden. Ganz zu schweigen davon, womöglich neue Kräfte, vielleicht Auszubildende, einzustellen. „Es ist besorgniserregend“, sagt Kaufmann und ist auch nicht optimistisch, was die Planung zum Beispiel größerer Weihnachsfeiern angeht. 

Schützenhalle 

Für die Schützenhalle Loh sind auch Feiern mit – wie bisher erlaubt – 150 Teilnehmern nicht wirklich attraktiv. „Bei uns geht es ja eigentlich erst bei 400 Teilnehmern richtig los“, sagt Felice Bucci. „In der Halle haben wir aktuell mal einen Blutspendetermin oder die IG Metall, aber keine Feiern.“ Bucci kann die Signale aus Berlin in diesem Kontext überhaupt nicht nachvollziehen. 

„Im Gastgewerbe gibt es wenig Infektionen“, sagt er: „Die Jugendlichen feiern draußen, und Herr Spahn schert alles über einen Kamm.“ Das Verständnis fürs Vorgehen in Berlin werde immer geringer, sagt Bucci: „Wenn du kein Geld mehr generieren kannst und immer nur zuschießen musst, dann fehlt am Ende komplett das Verständnis.“ 

Sportalm Gipfelglück 

An der Kalve sind zuletzt vermehrt auch kleinere Veranstaltungen mit rund 30 Teilnehmern abgesagt worden, weil ein Teil der Gäste nicht kommen wollte. „Das ist ärgerlich für uns, wir dürfen diese Veranstaltungen ja durchführen und halten uns auch an alle Auflagen, aber da spielen die Gäste nicht mit“, sagt Ulrike Steinke aus der Geschäftsleitung, „die andere Schwierigkeit ist, dass die Betriebe, die große Weihnachtsfeiern gebucht haben, nun auch von der Geschäftsführung die Auflage haben, diese nicht durchzuführen, um da kein Infektionsrisiko einzugehen. Es bleibt nach wie vor schwierig, und deshalb hören wir die Worte aus Berlin auch mit Sorge.“ 

Ulrike Steinke verweist darauf, dass in Sachen Corona in der Sportalm nichts vorgefallen sei – kein Gast sei dabei gewesen, der Corona bekommen habe. „Toi toi toi“, sagt sei, „wir halten alle Regeln strengstens ein. Im Endeffekt nutzt es aber nichts, wenn wir keine Kunden zum Überleben bekommen.“ Steinke wünscht sich mehr Mut – nicht, um sorglos zu sein, aber um Vertrauen zu haben, dass Treffen mit entsprechenden Regeln, an die man sich hält, möglich sind. Das habe in der Sportalm zuletzt ein Treffen von Führungskräften aus ganz Deutschland gezeigt – mit dem nötigen Abstand sei das überhaupt kein Problem gewesen. Hotel 

Kattenbusch 

Ein paar Hundert Meter weiter im Hotel Kattenbusch ist die Auslastung auch weiterhin bescheiden. Im Hotelgeschäft ohnehin, weil die Lüdenscheider Firmen aktuell kaum Gäste aus dem Ausland empfangen, aber eben auch bei Feiern. Das Hotel ist im Januar extra auf der Hochzeitsmesse angetreten und hat geworben – für bis zu 100 Gäste bei einer Hochzeit bietet Kattenbusch gut Platz. 

Die Resonanz war gut. Doch die größeren Feiern, die geplant waren, sind dann über den Sommer aufgrund der 50-Gäste-Auflage in Corona-Zeiten komplett storniert worden. Auch in Richtung Herbst sieht es nicht gut aus. Viele Buchungen werden kurzfristig abgesagt. Die Lage bleibt auch im Hotel Kattenbusch besorgniserregend.

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