Mit Anfeindungen geht er humorvoll um

Lüdenscheider Farid Ouhbi: „Rassismus ist keine Einbahnstraße“

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Farid Ouhbi spricht im Interview über das Thema Rassismus.

Lüdenscheid - Das Thema Rassismus ist so präsent wie schon lange nicht mehr. Der 40-jährige Farid Ouhbi ist gebürtiger Marokkaner, lebt jedoch seit seinem ersten Lebensjahr in Lüdenscheid und sagt über sich selbst: „Ich bin Lüdenscheider durch und durch.“

Der vierfache Familienvater engagiert sich im Vorstand des Vereins Marokkanische Moschee für Moslems im Märkischen Kreis und ist auch bei den Fußballern von Rot Weiß Lüdenscheid tätig, bei denen er sich nach eigener Aussage immer sehr wohl und willkommen geheißen gefühlt hat. Im Interview mit Kevin Herzog erzählt er von seinen persönlichen Erfahrungen und wie er mit solchen Anfeindungen umgeht. 

Was bedeutet Rassismus für Sie persönlich? 

Rassismus ist für mich eine besondere Form des Fremdenhasses. Es ist auf die Rasse bezogen, so wie es das Wort ja schon sagt. Im einfachen Sinne verbindet man Rassismus mit dem Hass gegen dunkelhäutige Menschen. Wobei ich klar sagen muss, dass Rassismus ja auch andersherum funktioniert. Da wir Dunkelhäutige aber in der Minderheit sind, sind wir davon stärker betroffen. Man muss sehen, dass der schwarze Kontinent, also Afrika, wirtschaftlich nicht so stark ist. Dementsprechend kommen wir eher aus ärmlichen Verhältnissen und haben einen ganz anderen Status, als ihn weiße Menschen genießen. 

Sie sagten gerade, Rassismus ginge auch andersherum. Wie meinen Sie das? 

Rassismus ist keine Einbahnstraße. Oft wird breitgetreten, dass nur die Dunkelhäutigen unter Rassismus leiden, aber Rassismus geht auch durchaus gegen die weiße Bevölkerung. 

Haben Sie persönliche Erfahrungen mit Rassismus gemacht? 

Zwangsläufig. Ich bin Fußballer und da fallen halt ganz, ganz viele dumme Kommentare. Die Hautfarbe ist für solche Kommentare natürlich sehr einladend. Egal ob für Zaungäste oder für Sportkameraden. Da fallen schon die ein oder anderen nicht so netten Kommentare in meine Richtung. Aber auch da sage ich: Rassismus ist keine Einbahnstraße. Ich bin kein Kind von Traurigkeit und weiß mich schon ganz gut zu wehren, muss aber auch zugeben, dass ich auch schon einmal Übeltäter gewesen bin. 

Sie haben die nicht so netten Kommentare angesprochen. Was fallen denn da für Sätze und Worte? 

Es fängt mit den üblichen, harmlosen Affengeräuschen an, oder es wird von draußen hereingerufen: „Guck mal hier, da hängen die Bananen.“ Was auch schon einmal ein Gegenspieler zu mir gesagt hat, war: „Hey Neger, dich hänge ich auf.“ Das war dann schon ein bisschen drastischer. Ich möchte das Thema auch nicht verharmlosen, bleibe aber dabei: Das Ganze ist keine Einbahnstraße. 

Wenn Sie solche Sätze zu hören bekommen. Wie gehen Sie damit um? 

Mittlerweile bin ich da tiefenentspannt. Als ich noch jünger war, sind die Emotionen während des Spiels schon hochgekocht, und ich war tief verletzt. Ich war dann aber auch nicht unbedingt der Klügere und habe mich provozieren lassen, anstatt mir zu denken: Lass sie einfach reden. Durch die Provokationen habe ich dann auch mal einen Kommentar abgegeben. Handgreiflich ist es aber Gott sei Dank nie geworden. 

Farid Ouhbi im Gespräch im LN-Interview.

Mal abgesehen vom Fußballplatz. Gab es auch im Alltag, auf der Straße, Momente, in denen Sie Opfer von Rassismus geworden sind? 

Ja, aber nicht sehr häufig. Der erste Eindruck bei dem einen oder anderen ist mir gegenüber dann schon einmal abwertend. Aber ich bin hier aufgewachsen, der deutschen Sprache mächtig. Wenn die Kommunikation dann beginnt, sieht man auch schon einmal, wie sich die Gesichtszüge des Gegenübers verändern und derjenige sich vermutlich denkt: Oh, der kann ja sprechen (lacht). Aber es geht auch anders. Ich erinnere mich an eine Geschichte, die ich im Brauhaus erlebt habe. Ich saß mit meinen Freunden beim Feierabendbier, ich als Moslem habe natürlich keinen Alkohol getrunken, als mich jemand ansprach und sagte: „Du scheiß Neger, dreh dich hier nicht so um und guck dich nicht so um, sonst knallt es.“ Im ersten Moment war ich geschockt und habe mich gefragt: Was ist denn hier los? Derjenige ging dann aber auch und setzte sich zwei, drei Tische weiter hin. Augenscheinlich war er als Neonazi einzustufen. Aber da waren meine deutschen Freunde mit am Tisch, die sich eingemischt, mich beschützt und geschaut haben, dass nichts mehr passiert. 

Gehen Sie mit solchen Leuten auch mal in die Diskussion? 

In diesem Beispiel bringt eine Diskussion nichts. Der wollte einfach nur Radau machen. Vielleicht ruft man mal einen Kommentar rüber, aber man fängt nicht an zu diskutieren. In der Arbeitswelt, oder der normalen Welt, gibt es aber schon einen Meinungsaustausch. Auch, um vielleicht ein paar Vorurteile auszuräumen und zu zeigen, dass man nicht anders ist. 

Ist Rassismus auch in Ihrem Freundeskreis ein Thema? Interessieren sich die Freunde dafür, wie Sie mit Rassismus umgehen? 

Der eine oder andere fragt da schon. Noch heute bei der Arbeit hat ein Arbeitskollege und Freund mich diesbezüglich ausgefragt und wollte meine persönliche Meinung zu dem Thema wissen und was ich für Erfahrungen gemacht habe. 

Der Tod des Amerikaners George Floyd hat noch einmal besonders auf das Problem Rassismus aufmerksam gemacht. Wie sehen Sie das Thema in den USA? Und wie schätzen Sie die Lage dort ein? 

Es ist ein bisschen schwierig, weil wir hier ein bisschen weit weg sind. Dass die USA seit vielen Jahren ein Rassismus-Problem haben, ist bekannt. Es kommt nur alle Jubeljahre mal vor, dass es ganz, ganz laut wird und dann verschwindet das Thema wieder – obwohl es ein Alltagsproblem ist. Ich weiß nicht, ob es an der Entfernung liegt, dass wir das hier in Deutschland nicht immer so mitbekommen. Aber in den USA ist das ein großes Problem, das alltäglich ist. 

Auf der ganzen Welt und auch in Deutschland wird momentan gegen Rassismus demonstriert. In Lüdenscheid nicht. Würden Sie sich auch hier Demonstrationen wünschen, oder sehen Sie hier gar nicht die Notwendigkeit? 

Ein Zeichen zu setzen ist nie verkehrt. In Lüdenscheid sehe ich die Notwendigkeit aber nicht. Ich sehe Lüdenscheid als sehr weltoffen und tolerant. Sonst würde ich mich mit meiner Familie hier nicht so wohl fühlen. Ich habe ja eingangs schon gesagt, dass ich Lüdenscheider durch und durch bin. Ich bin hier auf vielen Hochzeiten unterwegs. Ich bin nicht nur Fußballer, sondern auch in der marokkanischen Moschee tätig und treffe mich dort mit dem interreligiösen Forum. Das ist ja wieder ein ganz anderes Klientel, auf das man trifft. Ich gehe auch gerne mit jüngerem Volk mal feiern, oder mit Älteren auf ein Glas Wasser oder Bier in den Biergarten. Also ich bin sehr präsent und vielschichtig unterwegs. Extrem negative Erfahrungen habe ich nirgendwo gemacht. 

Wo sehen Sie Ansatzpunkte, um gegen Rassismus vorzugehen? 

Das ist schwierig. Ich meine, wir leben jetzt im 21. Jahrhundert und reden immer noch über Rassismus. Wir haben einen extrem schnellen und sehr weiten technologischen Fortschritt gemacht, aber in der persönlichen Entwicklung ist der Mensch ja nicht wirklich weitergekommen. Es ist eigentlich eine Schande, dass man Rassismus immer noch so thematisieren muss. Gerade im Zuge der ganzen Globalisierung, wo die ganze Welt zusammenrückt. Auch der Austausch und die Kommunikation mit Leuten am anderen Ende der Welt ist so einfach geworden und die Möglichkeiten sich über gewisse Themen oder andere Kulturen zu informieren, ist so einfach geworden. Da finde ich es schade, dass etwas thematisiert werden muss, das eigentlich normal sein sollte. Es herrscht nun einmal eine große Vielfalt. Es gibt Männlein und Weiblein, Schwarze und Weiße, Asiaten und Afrikaner. All das sind verschiedene Rassen. 

Das Bündnis 90/Die Grünen möchte das Wort Rasse aus dem Grundgesetz streichen lassen. Ist das für Sie sinnvoll und wichtig? 

Eigentlich ist es egal. Ich finde, da wird sich mit Sachen beschäftigt, die zweit- oder drittrangig sind. Damit packt man das Problem nicht bei der Wurzel. Rasse definiert bestimmte Gruppen, deshalb ist das für mich nichts Beleidigendes. 

Haben Sie das Gefühl, dass es auch Menschen gibt, die beim Thema Rassismus überempfindlich sind? 

Ja, es gibt Leute, die sind zu empfindlich. Gerade unter Freunden achtet man vielleicht auch nicht immer auf seine Wortwahl und tritt ins Fettnäpfchen. Aber wenn dieser Fall eintritt, hat es noch keinem wehgetan, sich zu entschuldigen. Ich denke es zeugt von Größe, wenn man dann zum einen die Entschuldigung ausspricht und der andere sie dann auch annimmt. Ich selber bin zum Beispiel ein Freund des schwarzen Humors. Da wäre es nicht angebracht, wenn ich über solche Sachen nicht lachen würde. Wenn man selbst über solche Sachen lachen kann, macht es einen oftmals auch sympathisch. Ich finde man sollte da nicht mit der Handbremse herangehen. Wenn ich etwas nicht witzig finde, oder es vielleicht drüber ist, dann melde ich mich schon und man spricht kurz darüber. 

Gehen Sie mit rassistischen Beleidigungen auch mal humorvoll um? 

Ich gehe damit überwiegend humorvoll um. Im Grunde hilft es, humorvoll und gelassen darauf zu reagieren. Ich habe kürzlich etwas erlebt, als ich mal nicht westlich, sondern in einem Gewand gekleidet war. Ich war in Hagen und ging durch die Fußgängerzone, als mir ein älteres Ehepaar entgegenkam und mir der Herr entgegnete: „Scheiß Araber!“ Ich habe dann nur freundlich gelacht und den beiden einen schönen Tag gewünscht. 

Macht es irgendwann auch traurig, wenn man gewisse Sachen mitbekommt? 

Im Grunde genommen ja. Ich habe hier eine komfortable Situation aufgrund der Art und Weise, wie ich kommunizieren kann. Wenn man dann Leute trifft, die das nicht so können, blutet einem schon das Herz. Man merkt das auch beim Fußball. Wir haben da den ein oder anderen Schwarzafrikaner, der noch nicht so gut Deutsch spricht. Da neigt man schon dazu, den ein bisschen zu piesacken. So lange sich einer verteidigen kann, ist das für mich okay. 

Auch das Internet spielt eine große Rolle. Haben sie auch dort schon selbst Rassismus erfahren? 

Ich persönlich nicht. Natürlich liest man Kommentare, wo man schon Lust hat, sich einzubringen. Aber dann sage ich mir auch: Das bringt nichts. Das sind Leute, zumindest deute ich das so, bei denen ist die Meinung festgefahren. Ich finde, solchen Leuten soll man gar keine Aufmerksamkeit schenken. Da fehlt es wahrscheinlich auch einfach an Intelligenz.

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