Im Forum am Sternplatz gab es selten Grund zur Freude

Wellenbad: Rote Zahlen und tote Badegäste

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Die Mieter ergreifen die Flucht.

Heute ist es das "Forum am Sternplatz", früher nannte man es das "Knödler-Zentrum". Doch ganz egal, wie der Beton-Komplex hieß: Glück hat er seinen Betreibern nie gebracht. Ein Rückblick.

Was die Lüdenscheider Innenstadt attraktiver machen sollte, verwandelte sich innerhalb kurzer Zeit zu einer schäbigen Bauruine. Nicht nur das Center selbst, sondern auch das integrierte Wellenbad sowie das angeschlossene Parkhaus an der Weststraße sorgten bei der Stadt für heftiges Bauchweh.

Es gab Zuschüsse, da griff die Stadt halt zu

Gutachten hatten vor dem Bau des Parkhauses Stadtmitte gewarnt, aber weil 2,4 Millionen D-Mark an Landes- und Bundesmitteln für das Projekt abgerufen werden können, wird der Bau nach Plänen der Stuttgarter Architekten Back, Grimm und Jakob trotzdem bis Ende 1983 hochgezogen. Die Stadt Lüdenscheid beteiligt sich mit 1,9 Millionen D-Mark am Parkhaus. Bauträgerin ist die Firma Simmet aus Stuttgart.

Das Ergebnis ist ernüchternd und bestätigt alle Kritiker des Bauvorhabens: Es herrscht tote Hose im Parkhaus. Ebenso wie in der Tiefgarage des Sauerland-Centers will hier niemand sein Auto abstellen. Die betreibende „Simmet Parkhaus Stadtmitte KG“ ist bald wirtschaftlich schwer angeschlagen.

Die traurige Bilanz hindert die kommunale Politik jedoch nicht daran, an weiteren Bebauungsvorhaben auf dem Streifen der Weststraße zwischen Kölner Straße und Augustastraße festzuhalten. Tatsächlich werden aber weder ein geplantes Hotel der Novotel-Gruppe noch eine Eissporthalle letztlich realisiert. Der schon länger gehegte Plan für den Bau einer Eissporthalle ist kurzzeitig wieder Thema in den Ausschüssen, doch kommt die Halle letzten Endes doch nicht. Ebenso wenig wie die angedachte Rollerskate-Halle, die an der Paulinenstraße auf dem Areal einer Industriebrache entstehen sollte.

Mit dem Wellenbad läuft’s besser als mit dem Parkhaus, aber dennoch nicht so gut wie erhofft. Zwar ist das Bad ein Publikumsmagnet (im ersten halben Jahr nach Eröffnung bereits 100 000 Besucher), aber der Betrieb wirft wirtschaftlich keine nennenswerten Gewinne für die Stadtwerke ab. Stattdessen muss weiter investiert werden. So zum Beispiel für eine Generalüberholung des Freizeitbades und für kleinere Reparaturen, die schon ein Jahr nach der Eröffnung notwendig geworden sind.

Cafeteria: Fast mehr Pächter als Gäste

Ums Freizeitzentrum herum sieht es nach kurzer Zeit auch schon gar nicht mehr so gut aus. Restaurant und Cafeteria, die ins Wellenbad übergehen, laufen einfach nicht zufriedenstellend. Zudem wechseln innerhalb von drei Jahren zweimal die Pächter. Die Cafeteria verkauft Kurt Knödler 1984 an die Stadtwerke, die den Betrieb künftig sicherstellen. Im Rest des Centers ist ein Umbau notwendig, den sich der Fellbacher Bauunternehmer 2,5 Millionen D-Mark kosten lässt. Viel nutzt das nicht, denn an allen Ecken und Enden verfällt das Prestige-Objekt der Innenstadt. Anfang 1985 stehen drei Viertel der Gewerbeflächen im Center schon dauerhaft leer. Immerhin ist in den oberen Etagen abends an den Wochenenden viel los. Hier locken die Diskotheken und Pubs mit Altbierpartys.

Putzfrauen ekeln sich vor ihrer Arbeit

Und wenn das Glas Bier dauerhaft für eine Mark über die Theke geht, dann vergessen die jungen Feierwütigen auch mal die guten Manieren. Die Folge ist, dass Vandalismus und Verschmutzungen im Center massiv zunehmen. Der Putz wird von den Wänden getreten, Pappteller mit Essensresten an die Glastüren der Ladenlokale geklebt, Scheiben gehen regelmäßig zu Bruch. Überall stinkt’s beißend nach Urin und Erbrochenem. Sogar ihr großes Geschäft verrichten die Vandalen in den diffus beleuchteten Gängen und den vielen dunklen Ecken des Baus. Es ist so schlimm, dass sich die Putzfrauen weigern, hier sauber zu machen. Der Ekel ist größer als der Wunsch, sich hier etwas verdienen zu wollen.

Rund um das Freizeitzentrum sieht es genau so katastrophal aus. Stapel von Pappkartons und bis zum Bersten mit Unrat gefüllte Müllbeutel lagern am Hintereingang an der Börsenstraße. Im Sommer stinkt es unerträglich. Auch die steinerne Treppe, die zwischen Haus Hulda und der Kaufhalle hoch zu den Ladenlokalen des Centers führt, ist in einem erbärmlichen Zustand. Im Winter spiegelglatt, verfällt sie immer mehr. Für den Friseursalon von Rolf Peter Bubert und die Frauenarztpraxis von Dr. Claus Schäfer, die Mieter im Zentrum sind, hat das fatale Auswirkungen: Kunden und Patientinnen weigern sich zunehmend, das Haus zu betreten.

Heinz Bräutigam, Düsseldorfer Unternehmer und Betreiber des Baumarktes im Freizeitzentrum, hat die Faxen dicke. Obwohl er einen Mietvertrag mit Betreibungspflicht bis 1990 unterzeichnet hat, zieht Bräutigam die Reißleine: Der Laden wird im August 1985 bis auf Weiteres geschlossen. Ebenso geht der Kaufmann Martin Happe, dessen Modegeschäft dem Center angeschlossen ist, auf die Barrikaden.

Kurt Knödler hat wieder mal ein Problem

Mehrere Mieter gehen jetzt juristisch gegen Kurt Knödler vor, wollen Mietkürzungen bis zu 45 Prozent durchsetzen und fordern eine Sanierung der verfallenen Immobilie. Das hochgelobte Zentrum ist zum Geisterhaus verkommen, schreckt ebenfalls die Lüdenscheider von einem Besuch des Wellenbads ab. Grund genug also für die Stadtverwaltung und die Stadtwerke, mit Kurt Knödler ein mehr als ernstes Wort zu wechseln. Der Erbauer und Generalvermieter soll sanieren, ein neues Konzept vorlegen, um die Ruine wieder auf Kurs zu bringen. Es gibt nur ein Problem: Mehrheitlich sind die Eigentümer der Passagen die 200 Anleger des Immobilienfonds, der für die Finanzierung der Center-Bebauung aufgelegt wurde.

Die Stadtwerke schlagen Knödler einen Kompromiss vor: Sofern er Geld für den Kauf des Fonds auftreiben kann und sich an den Kosten der Sanierung beteilige, werde man sich in die oberen Etagen einkaufen, das Wellenbad ausbauen und ein großes Stadtwerke-Kundencenter ins Haus bringen. Knödler willigt ein – und setzt umgehend Maßnahmen um, die das Image des Centers aufwerten sollen. Der Unternehmer trennt sich von mehreren Pächtern und führt Kegelbahn und weitere Gastronomiebetriebe jetzt in Eigenregie.

Für die Stadtwerke beginnt ein Albtraum

Für die Stadtwerke Lüdenscheid geht der Albtraum jetzt aber erst richtig los. Ein achtjähriger Junge aus Radevormwald treibt leblos im großen Becken des Wellenbades, wenige Tage später stirbt das Kind im Krankenhaus, ohne das Bewusstsein wiedererlangt zu haben. Experten rücken an, die Wellenmaschine wird genauer untersucht. Der „einmalige Fall“, wie ihn Stadtwerke-Direktor Günter Woeste nennt, bleibt leider nicht einmalig. Im Mai 1986, kaum ein Jahr später, stirbt wieder ein Kind. Ebenfalls acht Jahre alt. Im Juni ‘86 dann der dritte Unfall: Ein 28-jähriger Remscheider treibt tot im Wasser. Auch er ist ertrunken. Abermals eingeschaltete Gutachter und Techniker attestieren der Wellenmaschine aber keine Probleme bei der Funktion. Unachtsamkeit und fahrlässiges Verhalten seien die Ursachen für die Unfälle gewesen.

Die letzten Mieter sind stinksauer

Kurt Knödler erwirbt derweil den Immobilienfonds, dem das Freizeitzentrum mehrheitlich gehört, für 24 Millionen D-Mark. Sein Plan: Das gesamte Center soll umgebaut werden, eine Markthalle daraus werden. Das neue Konzept ist da, die Passage jetzt in einer Hand. Trotzdem passiert nichts mehr. Keine Sanierung, keine Markthalle. Die letzten verbliebenen Mieter sind stocksauer, denn an den schlimmen Zuständen im Freizeitzentrum hat sich nichts geändert.

1987 haben die Hypothekenbanken Hannover und Braunschweig keine Geduld mehr mit dem Bauunternehmer. Am Amtsgericht Lüdenscheid wird die Zwangsversteigerung der Passage beantragt, Knödlers Gesellschaft hat Konkurs angemeldet. Nun zieht Kurt Knödler den von ihm eingesetzten Geschäftsführer des Bowling-Centers ab. Auch die Parkhausbetreiberin Simmit kann ihre Kredite nicht mehr tilgen. Die Augsburger Hypothekenbank strengt eine Zwangsversteigerung an. Diese wird aber vorerst ausgesetzt, weil die Möglichkeit besteht, dass die Stadt Lüdenscheid das Parkhaus von Simmet direkt kaufen könnte. Für das Gebäude wird der Verkehrswert auf vier Millionen D-Mark festgesetzt.

Während Kurt Knödler versucht, eine Einigung mit seinen Banken zu erzielen, um die Versteigerung der Passage noch zu verhindern, kommt es im Sommer 1988 zu einem weiteren tödlichen Unfall im Freizeitbad: Ein neunjähriger Junge ertrinkt in den Wellen. Im Juli 1988 wird die Passage des Freizeitzentrums zwangsversteigert. Für 6,7 Millionen D-Mark kauft der Berliner Unternehmer Erich Wächter den baufälligen Bereich des Komplexes. Er wird die dringend notwendige Sanierung übernehmen und dem Center einen zweiten Frühling bescheren.

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