Ein Leben mit Kette und Schuss

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Lieselotte Ellenbeck-Hembeck an ihrem Webstuhl.

Lüdenscheid  - Der Webstuhl ist ihr Pinsel, der Wollfaden ihre Farbe: Bildwebereien sind das künstlerische Medium, in dem Lieselotte Ellenbeck-Hembeck neue Wege beschritt. Am Freitag feiert die am 2. Mai 1914 in Lüdenscheid geborene Künstlerin in München ihren 100. Geburtstag.

Von Thomas Krumm

„Ich habe immer mit Wolle arbeiten wollen“, erinnert sich die Künstlerin im Gespräch mit den LN an die Anfänge ihrer Webarbeiten. Um ihren Wunsch durchzusetzen, brauchte die junge Frau Standhaftigkeit: „Später hat mein Vater nachgegeben. Er hat mir ein Atelier gebaut. Er wusste nicht, was dabei herauskommt.“ Dieser Rückzugsort für das kreative Schaffen lag in einer der beiden Villen, die die Familie Hembeck gegenüber ihrer Schraubenfabrik an der Lösenbacher Landstraße bauen ließ.

Lieselotte Hembeck wuchs dort in einem Umfeld auf, das noch sehr anders aussah als heute: „Ich hatte als Kind immer in der Wildnis gelebt“, erinnert sie sich. Den Weg ins Mädchenlyzeum am Sauerfeld musste die Schülerin noch zu Fuß zurücklegen: „Das war damals ganz normal.“ Nach dem Schulabschluss absolvierte Lieselotte Ellenbeck-Hembeck nach 1932 ihre künstlerische Ausbildung in einer Modeschule in Köln und in der privaten Blocherer-Kunstschule in München. Ihre erste Begegnung mit der bayrischen Hauptstadt sollte nicht die letzte sein. Nach 1945 kam sie zurück nach Lüdenscheid und nahm den Faden ihrer Kunst wieder auf.

Die damalige Galerieleiterin Hilke Gesine Möller, Lieselotte Ellenbeck-Hembeck, Kulturdezernent Wolff-Dieter Theissen und die Kunsthistorikerin Dr. Susanne Conzen (von links). - Foto: Rudewig

Lieselotte Ellenbeck-Hembeck habe „modernere Formen“ für die alte Kunst des Webens gefunden, ergänzt Gerd Ellenbeck, langjähriger Ehemann der Jubilarin. Eine kleine Arbeit mit dem Titel „Wo Klee wohnt“ zeigt einen der Ursprünge für die modernen Farbgebungen und Motive: Die „Weberei auf Wollkette“ erinnert an die kleinteiligen Gemälde des Malers und Graphikers Paul Klee – vor allem an seine Arbeiten, die er nach 1914 unter dem Eindruck einer Reise ins nordafrikanische Tunis schuf. Lieselotte Ellenbeck-Hembecks Webarbeit „Wo Klee wohnt“ macht deutlich, wo eine der großen Stärken der Künstlerin lag: Sie hatte ein unglaubliches Gespür für die Zusammenstellung von Farben. Frisch und lebendig wirken ihre Bildwebereien bis heute.

Oft weisen schon ihre Titel auf bunte Welten hin: „Pfau“, „Mon petit jardin“ (Mein kleiner Garten), „Terra di Siena“, „La tour des jardinières“ (Der Turm der Gärtner), „Burg Tulpenhausen“. In früheren Arbeiten arbeitete die Künstlerin noch stärker an figürlicher Präzision und brachte den Heiligen Franziskus, Romeo und Julia, Daphnis und Chloe oder schlicht und einfach die Tiere des Waldes auf den Webstuhl. Doch vor allem in den 70er-Jahren befreite sich Lieselotte Ellenbeck-Hembeck immer mehr von diesem Korsett figürlicher Präzision und schuf Arbeiten, die zunehmend freier und abstrakter wurden. Der Humor kam dabei nicht zu kurz: In dem Gobelin „Eulenspiegelung“ spielt sie mit den sich in einem Fluss spiegelnden Eulen und den sprachlich verwandten Eulenspiegeleien.

1974 zog die Künstlerin nach München und entwickelte ihre Kunst dort weiter. Noch bis vor kurzem habe sie kleinere Stücke geschaffen, bestätigt die Künstlerin, die inzwischen in einer Seniorenresidenz in Bad Kissingen lebt.

Noch im August 2012 war die Altersjubilarin zu Gast in Lüdenscheid. Die damals 98-Jährige eröffnete in der Städtischen Galerie höchstpersönlich ihre Ausstellung „Poesie am Webstuhl“. Das „Malen mit Kette und Schuss“ sei das Geheimnis ihrer Webtechnik gewesen, konstatierte die heutige Galerieleiterin Dr. Susanne Conzen in ihrer Laudatio. Zu sehen war auch das erste Werk der Künstlerin – „Tiere im Wald“.

Die geplante Geburtstagsfeier in München ist für eine 100-Jährige eine echte Herausforderung. „Es geht mir schlechter, als es mir ging, als ich diese ganze Veranstaltung geplant habe:“ Besonders hervor hebt die Jubilarin einen Besucher, dessen Karikaturen jeden Tag Humor nicht nur auf die zweite Seite der LN zaubern: „Ich habe mehrere Gäste, zum Beispiel den Horst Haitzinger.“

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