Freispruch nach Todesfall: Krankenschwester und Altenpflegerin brechen in Tränen aus

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Symbolbild

Lüdenscheid - Zwei Pflegekräfte eines ambulanten Dienstes waren der fahrlässigen Tötung angeklagt. Jetzt sprach der Richter das Urteil. Es flossen Tränen.

Den Frauen wurde  vorgeworfen, am 13. September 2016 bei der Versorgung eines 80-jährigen Patienten einen schweren Fehler gemacht und den Tod des Mannes verursacht zu haben. Der Patient starb an einer Embolie.

Nach zweieinhalb Jahren Ermittlungsarbeit und drei Prozesstagen ist das Verfahren wegen einer ungeklärten Todesursache abgeschlossen. Das Schöffengericht hat die Krankenschwester (42) und ihre Kollegin, eine 48-jährige Altenpflegerin, mangels Beweisen vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung freigesprochen. 

Rechtsanwalt Arnd Katzke, der mit Dr. Michael Schulte die Verteidigung der Angeklagten übernommen hatte, spricht in seinem Plädoyer von einem „denkwürdigen Verfahren“. Es sei geprägt gewesen durch „immer wieder neue Aspekte und immer wieder neue Bewertungen“. 

Die Vorwürfe basierten laut Katzke auf drei Gutachten und den Aussagen eines Arztes, der „drei unterschiedliche Versionen zum Besten gegeben hat“. 

Verantwortung nicht beweisbar

Doch dass die beiden Frauen beim Wechsel eines Portsystems in der Halsvene ihres Patienten das Schlauch- und Ventilsystem offengelassen und so dafür gesorgt haben, dass Luft in den Körper des Mannes eindringen konnte, hält auch der Staatsanwalt für nicht beweisbar. „Ich kann nicht guten Gewissens für eine Verurteilung plädieren.“ 

Den Ausschlag gibt eine überraschende Bemerkung der 42-Jährigen, die der Vertreter der Anklage als „nicht berechnend und nicht taktisch“ einschätzt. Demnach kommt die Möglichkeit in Betracht, dass der 80-Jährige den Infusionsschlauch schon vor Eintreffen der Krankenschwester selbst von den Medikamentenflaschen entfernt und dessen Ende kurzerhand im Hosenbund verstaut hat. 

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Nicht ausgeschlossen ist, dass der Mann das Ventil dabei aus Unkenntnis weder verschlossen noch eine Verschlusskappe benutzt hat – und die tödliche Embolie sich deshalb ohne Zutun der Pflegekräfte entwickeln konnte. 

Dem widerspricht im Zeugenstand die Witwe (83) des Patienten. „Das stimmt nicht, 100-prozentig nicht!“ Die Krankenschwester habe „die Flaschen abgemacht und mir gegeben, und ich habe sie in den Müll geworfen“. 

Viele neue Fragen aufgetaucht

Der Vorsitzende des Schöffengerichts, Amtsrichter Andreas Lyra, sagt in seiner Urteilsbegründung, es komme nicht darauf an, wie genau sich die Witwe erinnern kann „oder ob sie hier die Wahrheit gesagt hat. Sondern es geht um die Frage: Steht mit sicherer Überzeugung fest, dass es keine andere Möglichkeit gibt?“. 

Es seien im Prozess „viele Fragen aufgetaucht, das mag dem ermittelnden Staatsanwalt vorher nicht so bewusst gewesen sein“. 

Die zweieinhalbjährige Ermittlungszeit hat den Angeklagten nach Überzeugung der Verteidiger „erhebliche Einschränkungen“ gebracht, die man „nicht mehr gutmachen kann“. Eine der Mandantinnen habe ihren Job im Gesundheitswesen an den Nagel gehängt. „Hinter ihnen liegt eine ganz harte, bittere Zeit.“ 

Die beiden Frauen sagen nichts mehr. Zum Schluss des Prozesses fließen nur noch Tränen.

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