Junge fällt in den Gartenteich

Ermittlungen gegen Pflegemutter: Tragischer Tod von Pflegekind (3) wirft Fragen auf

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Nach der Wiederbelebung wurde der Dreijährige ins Klinikum Lüdenscheid gebracht, wo er starb. 

Lüdenscheid – Ein dreijähriger Junge stürzt am 5. April beim Spielen in einen Gartenteich an einem Wohnhaus in Lüdenscheid. Kurz darauf wird der leblose Körper im Wasser entdeckt.

  • Ein Junge (3) fällt in einen Gartenteich in Lüdenscheid
  • Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen die Pflegemutter
  • Bereits im Vorjahr gab es Hinweise auf eine Kindeswohlgefährdung

Das Kind wird durch die alarmierten Rettungskräfte reanimiert. Es stirbt am Abend im Klinikum Lüdenscheid. Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft Hagen wegen fahrlässiger Tötung gegen die alleinerziehende Pflegemutter, weil der aufgestellte Zaun den Teich nicht ausreichend gesichert haben soll. 

Die Polizei informierte noch am Tage des Todes das Jugendamt Lüdenscheid, das in Notfällen in Lüdenscheid immer rufbereit ist. Dort ist die Pflegemutter kein unbeschriebenes Blatt. Die Mutter betreute nicht nur den verstorbenen Jungen, sondern auch seinen Bruder, der nach dem tragischen Vorfall am 5. April in Obhut genommen und anderweitig untergebracht wurde, „um das Kind vor einer Traumatisierung zu schützen und die Pflegestelle zu entlasten“, wie die Stadt Lüdenscheid mitteilte. 

Jugendamt Lüdenscheid nimmt Bruder des Toten in Obhut

Dabei schritt das Jugendamt im Rahmen der Rufbereitschaft ein, verantwortlich für das Pflegeverhältnis ist es nicht. Zuständig ist das Jugendamt Dortmund, das auch die Pflegefamilie für die beiden Brüder auswählte. 

Wie in diesen Fällen häufig üblich, wurde die Pflegemutter von einem Träger der freien Jugendhilfe vermittelt, der die Familie auch danach fachlich und inhaltlich begleitete. Seit 2018 befanden sich die Brüder in der Obhut der Lüdenscheider Pflegemutter. 

Auch Alleinerziehende können Pflegevater oder Pflegemutter sein

Unklar blieb zunächst, ob die Pflegemutter bereits zu Beginn des Pflegeverhältnisses alleinerziehend war. Dass sie alleinerziehend ist, ist grundsätzlich kein Ausschlusskriterium, machte die Stadt Lüdenscheid auf Anfrage deutlich: „Es ist möglich, dass Alleinerziehende als Pflegemutter beziehungsweise Pflegevater tätig sind. Auch in Pflegefamilien können sich die familiären Umstände beispielsweise durch eine Trennung der Partner ändern. Sofern das nicht zum Nachteil der Kinder ist, ist die Option alleinerziehend möglich.“ 

Mitarbeiter des Jugendamts waren schon im Sommer 2019 vor Ort

Den Mitarbeitern des Jugendamts Lüdenscheid, das bei akuten Notfällen im Stadtgebiet immer als erstes vor Ort ist, war die Adresse jedenfalls ein Begriff, als sie am 5. April wegen des verstorbenen Jungen gerufen wurden

Bereits im Sommer 2019 gingen zwei Meldungen von Zeugen ein, die das Kindeswohl in der Pflegefamilie gefährdet sahen. Damals war das Jugendamt zweimal bei der Mutter vor Ort. „Die Prüfung ergab in beiden Fällen, dass das Kindeswohl nicht gefährdet war. Darüber informierte das Lüdenscheider Jugendamt jeweils auch das Jugendamt der Stadt Dortmund“, teilt die Pressestelle auf Anfrage mit. 

Gab es ein "Warn-Schreiben" an das Jugendamt Dortmund vor dem Tod des Jungen?

Nach LN-Informationen soll das Jugendamt Lüdenscheid in einem Schreiben vor dem Tod des Dreijährigen versucht haben, die Dortmunder Kollegen mit einer „fachlichen Einschätzung“ für die schwierige Situation in der Familie zu sensibilisieren. Diese Darstellung wies die Stadt Lüdenscheid auf Anfrage jedoch zurück. Die Stadt Dortmund kündigte eine Stellungnahme für den heutigen Freitag an. 

Der Lüdenscheider Fall erinnert an den Tod eines 17 Monate alten Kleinkinds am 2. Januar 2019 in einer Pflegefamilie in Plettenberg. Der Pflegevater hatte den Jungen geschüttelt und ihm mit einem Staubsaugerrohr ins Gesicht geschlagen. Das Kind starb an den Folgen der Verletzungen. Der Pflegevater wurde zu zwölf Jahren Haft verurteilt

Unklare Zuständigkeit und Delegierung von Verantwortung bei Unterbringungen von Pflegekindern

Auch damals war nicht das örtliche Jugendamt in Plettenberg zuständig, sondern ein auswärtiges Jugendamt. Das verantwortliche Jugendamt Gelsenkirchen wiederum hatte die Kontrolle der Pflegefamilie an den freien Träger übertragen, bei der die Familie unter Vertrag stand. 

Damalige Recherchen unserer Zeitung hatten grundsätzliche Schwächen in der Kontrolle von Pflegefamilien aufgedeckt, die bis heute nicht abgestellt sind. Eine unabhängige und übergeordnete Kontrolle der 168 Jugendämter durch eine übergeordnete Behörde findet nicht statt. Die Jugendämter kontrollieren sich selbst.

Erst später kam heraus: Vater misshandelte Kind schon vor dem Tod - Träger und Jugendamt schritten nicht ein

Im Plettenberger Fall kam erst im Zuge der Ermittlungen heraus, dass der Pflegevater das Kind bereits Monate vor den tödlichen Schlägen misshandelt hatte. Unter anderen brach der Mann dem Kleinkind den rechten Arm und das linke Schienbein. Die Mitarbeiter des freien Trägers und des Jugendamts wollten davon nichts mitbekommen haben.

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