Kontrolle nach der Grenfell-Katastrophe

Lebensgefährliche Mängel in Hochhäusern in Lüdenscheid entdeckt - Feuerwehr hält Brandwache

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Ein Bild, das um die Welt ging: der Brand im Grenfell Tower in London.

Lüdenscheid – 72 Menschen starben beim Brand des Grenfell Tower 2017 in London. Eine daraufhin durchgeführte Kontrolle in Lüdenscheid deckte lebensgefährliche Mängel an heimischen Hochhäusern auf. Jetzt liegen die Ergebnisse vor. 

  • Der Brand im Grenfell Tower forderte 72 Todesopfer
  • Die Fassade begünstigte die Brandentwicklung
  • In Lüdenscheid wurden daraufhin 19 Hochhäuser kontrolliert

Das Sozialwohnungsobjekt Grenfell Tower war erst im Jahr 2016 saniert worden und wurde dennoch für Dutzende arglose Bewohner zur tödlichen Falle. Ein kleiner Kühlschrank-Brand hatte die Katastrophe ausgelöst: Als die Flammen auf die brennbare Fassade übergriffen, zündete das 70 Meter hohe Gebäude durch wie ein Kamin. 

Der Brand in England warf damals auch in Lüdenscheid elementare Fragen auf, wie Georg Thomys, Leiter der Bauaufsicht, im Bau- und Verkehrsausschuss Anfang November erläuterte. Denn – nach einer ersten Sichtung der Unterlagen – war klar: Die Stadt Lüdenscheid hat keinen vollständigen Überblick über die Anzahl der Hochhäuser sowie deren Gefährdung im Brandfall. 

Brandschutz-Kontrolle an 19 Hochhäusern in Lüdenscheid

Ob sich ein tödliches Feuer wie im Grenfell Tower in Lüdenscheid wiederholen kann, war zu diesem Zeitpunkt unklar. Zwischenzeitlich hatten andere Kommunen Hochhäuser wegen mangelnden Brandschutzes räumen lassen. Prominentestes Beispiel war der Hannibal-Komplex in Dortmund-Dorstfeld, wo hunderte Bewohner ihre Wohnungen verlassen mussten. Aber auch in Wuppertal und Bergkamen wurden Hochhäuser wegen Brandschutzmängeln geräumt. 

Gesetzlich verpflichtet ist die Stadt (auch die Stadt Iserlohn überprüfte Hochhäuser) zur regelmäßigen Überprüfung nur bei Krankenhäusern, Hotels mit mehr als 60 Betten und Hochhäusern mit mehr als 60 Metern Höhe. Viele kleinere Hochhäuser in der Stadt fallen aber nicht unter diese Definition. 

Laut Bauordnung gilt allerdings ein Gebäude als Hochhaus, wenn es mindestens 22 Meter hoch ist. In einer ersten Verdachtsliste führte die Stadt Lüdenscheid 41 Objekte auf. Die Überprüfung ergab am Ende, dass davon 19 Gebäude die Kriterien eines 22-Meter-Hochhauses erfüllen. 

Keine Kenntnisse über Zustand der Fassaden an Hochhäusern in Lüdenscheid

Das Problem nun: Die Art der Fassade war bislang nicht erfasst worden. Weil die Stadtmitarbeiter – ohne Gefahr im Verzug – nicht einfach die Hochhaus-Fassaden privater Eigentümer aufstemmen dürfen, wählte die Lüdenscheider Stadtverwaltung dafür einen anderen Weg. Die Stadt schrieb die Immobilieneigentümer an und wies sie auf ihre Betreiber-Verantwortung hin. 

Das Ergebnis: Die Räumung des Hannibal-Komplexes in Dortmund vor Augen, kooperierten alle Eigentümer mit der Stadt, um ähnliche Zwangsmaßnahmen für ihre Objekte zu vermeiden. „Viele Eigentümer haben Sachverständige eingeschaltet und selbst beauftragte Gutachten vorgelegt“, berichtete Fachbereichsleiter Georg Thomys, der Mitte November eine neue Aufgabe beim Kreis Unna übernommen hat. 

Zwölf Hochhäuser in Lüdenscheid wurden als unproblematisch eingestuft

Zwölf Objekte wurden als unproblematisch eingestuft, fünf als bedingt unkritisch. In drei Hochhäusern davon war das brennbare Material Polystyrol verbaut, das aber durch die Eigentümer entfernt werden konnte. Ein Objekt stand leer und erwies sich nach einer erneuten Prüfung als unkritisch. Zu einem weiteren Gebäude fehlten ausreichende Informationen für eine Risikobewertung. 

Lüdenscheid: Aktuter Handlungsbedarf in zwei Hochhäusern wegen Brandschutzmängeln

In zwei Fällen allerdings bestand akuter Handlungsbedarf, wie Thomys deutlich machte. Ein Objekt ist mit Betonplatten mit integrierter Polystyrol-Schicht („Sandwich-Elemente“) ummantelt. Ein Gutachter hat inzwischen mehrere „Heilungsmöglichkeiten“ vorgeschlagen, die geprüft werden. 

Da der Eigentümer kooperiere, hieß es aus der Verwaltung, habe man bislang von einer Nutzungsuntersagung abgesehen. In diesem Fall hätten die Mieter ihre Wohnungen verlassen müssen. 

Experte über Hochhaus in Lüdenscheid: „Im Brandfalle hätten wir hier unseren Grenfell Tower gehabt.“

Richtig dramatisch war die Situation an einem anderen Gebäude in Lüdenscheid. Dort wurde auf einer Fassadenseite das komplette Wärmedämmverbund-System mit brennbarem Polystyrol nachgerüstet, obwohl dessen Verwendung bei Hochhäusern nie zulässig war. Es bestand höchste Brandgefahr. 

Das weitgehend leerstehende Sauerland-Center ist eines der Hochhäuser, das die Stadt im Rahmen ihrer Kontrolle in den Blick nahm.

Fachbereichsleiter Thomys im Ausschuss: „Im Brandfalle hätten wir hier unseren Grenfell Tower gehabt.“ Die Stadt wies die Eigentümergemeinschaft zum sofortigen Handeln an. Die Dämmung musste unverzüglich entfernt werden. Während der Abriss-Maßnahmen hielt die Feuerwehr Tag und Nacht Brandwache auf der anderen Seite des Hochhauses. Dort war kein Polystyrol verbaut, die Mieter konnten daher in ihren Wohnungen bleiben.

Kontrolle ein Erfolg: Menschen vor akuter Lebensgefahr bewahrt

Fachbereichsleiter Georg Thomys zog eine positive Bilanz der Hochhaus-Kontrollen in Lüdenscheid. „Die Aktion hat sich gelohnt. Wir haben echte Problemfälle aufgedeckt, die ansonsten unentdeckt geblieben wären“, sagte Thomys. Am Ende habe man damit Menschen vor einer akuten Lebensgefahr bewahrt.

Ein ganz anderes Problem hat die Stadt bei einer Straße, die endausgebaut wird. Ein Fehler aus der Vergangenheit hat Konsequenzen. Jetzt will Lüdenscheid alle Nachbarn zur Kasse bitten. 

Eine weitere interessante Nachricht aus Lüdenscheid: Am 27. November war ein Mercedes-Autohaus in Lüdenscheid Ziel von Autoknackern. Gleichzeitig rollte eine Welle von Betrugsanrufen durch Lüdenscheid. Und für die Besitzer der ausgebrannten Wohnmobile in Lüdenscheid-Ahelle gab es die nächste Hiobsbotschaft von der Polizei. 

Zu einem spektakulären Zwischenfall kam es in Lüdenscheid-Ahelle am Wochenende. Ein Taxifahrer krachte in eine Polizeistreife, die gerade eine Verkehrskontrolle durchführte. Bei dem Unfall in Lüdenscheid wurden mehrere Personen verletzt. 

Polizei-Einsatz auf dem Weihnachtsmarkt in Lüdenscheid: Ein junger Mann soll einen anderen am Glühweinstand geschlagen haben. Eine Frau aus Lüdenscheid wurde in einem MVG-Bus attackiert. In Iserlohn wurden bei einem Großbrand in der Innenstadt 13 Menschen verletzt, einer von ihnen lebensgefährlich.

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