Lüdenscheid „Sperrgebiet“ für zusätzliche Hausärzte

Lüdenscheid - Lüdenscheid ist seit Juni „Sperrgebiet“ – für zusätzliche Hausärzte. Nach der neuen Bedarfsplanung des Landesausschusses der Ärzte und Krankenkassen in Westfalen-Lippe ist die Stadt, zu deren Mittelbereich auch Halver, Schalksmühle und Herscheid zählen, ausreichend versorgt. Dabei ist die Lage längst nicht entspannt, aber Altena hängt weit mehr am Tropf.

Die Kommune hat sich zwar mit Burgaufzug und diversen Festen brillant in Szene gesetzt, aber Hausärzte machen noch gerne einen Bogen um Feste und Lenne. Deshalb will der Landesausschuss den Strom neuer Mediziner in Richtung Altena lenken. Die politischen Wünsche rücken dabei in den Hintergrund. Noch vor wenigen Tagen hatten die SPD-Bundestagsabgeordnete Petra Crone und AOK-Regionalleiter Ludger Gochermann darauf verwiesen, dass in Lüdenscheid bis zum Jahr 2020 fast jeder zweite niedergelassene Hausarzt das 65. Lebensjahr erreichen wird. Für junge Ärzte müsse die Tätigkeit in ländlichen Regionen attraktiver werden, forderte Crone. Ganz so plakativ sieht es der Ausschuss inzwischen nicht mehr, sondern siebt den Märkischen Kreis aus.

Noch im November vergangenen Jahres galt der Mittelbereich Lüdenscheid mit seinen drei Nachbarkommunen als Mangelregion. Sieben ausgeschriebene Hausarztstellen dokumentierten die Not. Davon ist seit Juni nicht mehr die Rede. „Lüdenscheid ist ein stabiles Versorgungsgebiet“, erklärte Christopher Schneider, Pressesprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe, und verweist auf die aktuelle Tabelle.

Danach liegt der Versorgungsgrad für Lüdenscheid und Umgebung bei 100.6 Prozent. Ab 110 Prozent gilt ein Bereich als überversorgt. Erst ab dieser magischen Grenze sprach das Gremium bislang ein Verbot für neue Praxen aus. Doch seit ein paar Wochen hängt die Messlatte tiefer, denn Altena kommt gemeinsam mit Nachrodt-Wiblingwerde nur auf 73,3 Prozent und fallt damit in die Kategorie Unterversorgung (75 und weniger).

Schneider: „Dort gibt es dringenden Handlungsbedarf.“ Schon ein zusätzlicher Mediziner würde die Lage entspannen, vier wären optimal. Wer es dagegen wie Lüdenscheid in den dreistelligen Bereich geschafft hat, fällt umgehend in die Zulassungssperre.

Um die Burgstadt diesem Ziel näher zu bringen, sollen Hausärzte mit finanziellen Hilfen angelockt werden. Zuschüsse für Räume, Personal und Einrichtung, Mietdarlehen oder Umsatzgarantien – es gebe verschiedene Möglichkeiten, den Niederlassungswilligen unter die Arme zu greifen, so Schneider. „Das muss im Einzelfall geprüft werden.“ Andere Steuerungselemente sehe das Gremium nicht. „Wir können schließlich niemandem in Lüdenscheid oder Iserlohn die Zulassung entziehen, mit dem Möbelwagen vorfahren und sie an gewünschter Stelle wieder erteilen.“

Während der nördliche Nachbar bereits einen Deckungsgrad von 109,6 Prozent aufweist, sind die Lüdenscheid angegliederten Kommunen sehr unterschiedlich strukturiert. So kommt Herscheid auf komfortable 114,6 Prozent, Schalksmühle folgt mit 108 und Halver mit 91,5.

Im gegenseitigen Bemühen, die Zahl der Niederlassungen in den schwächeren Gebieten anzukurbeln, kommt es bisweilen zu paradoxen Situation. So hatte das NRW-Gesundheitsministerium noch unter CDU-Minister Karl-Josef Laumann ein Hausarztförderprogramm aufgelegt. Das orientiert sich am Altersdurchschnitt der Niedergelassenen und nimmt jede Gemeinde für sich unter die Lupe. Wegen der vergleichsweise hohen Zahl an Medizinern, die in spätestens fünf Jahren die Pensionsgrenze erreicht haben, rückte Halver ins Hilfsprogramm der NRW-Regierung. Das allerdings zieht derzeit nicht, weil der Bedarfsplan des Landesausschusses eine höhere Priorität besitzt.

Dabei geht das Gremium in seiner Festlegung schon kleinräumiger vor. „Bis 2013 war der Märkische Kreis als Ganzes der Maßstab für den Versorgungsgrad bei den Hausärzten. Das führte zu deutlich größeren Schieflagen, denn auf der Kreiskarte war Altena kein akuter Fall“, so Schneider.

Der Sperrgebiet-Erlass in und um Lüdenscheid gilt zum Sommer 2016. Zwei Ereignisse würden den Ausschuss zum vorzeitigen Handeln zwingen. Sollte über die Burgstadt urplötzlich eine Flutwelle an Ärzten hereinbrechen oder Lüdenscheid in den zweistelligen Versorgungsgrad rutschen, weil eine freie Praxis nicht nachbesetzt werden kann, sähe sich das Gremium zur Korrektur veranlasst. Gochermann: „Beides ist nicht sehr wahrscheinlich.“

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