Hunderte bei Kundgebung zum 30. Jahrestag der friedlichen Revolution in der DDR

9. Oktober 1989: "Wir spürten, es ist nicht so wie früher"

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Mehrere hundert Menschen nahmen an der Kundgebung auf dem Sternplatz teil.

Lüdenscheid - Auch im Gedenken muss alles seine Ordnung haben. Deshalb marschierten einige hundert Teilnehmer einer Gedenkveranstaltung "30 Jahre Mauerfall"  mit Taschenlampen und nicht mit Kerzen von der Kirche St. Joseph und Medardus zum Sternplatz. Der Grund: Es ging durch die Unterführung am Sauerfeld. Dort ist offenes Feuer verboten. 

Es war der erste Montag nach den Feierlichkeiten zum 40-jährigen Bestehen der DDR: Am 9. Oktober 1989 waren so viele Menschen wie nie zuvor bei den Montagsdemonstrationen in Leipzig dabei. Dass gerade an diesem Tag alles hätte auch ganz anders ausgehen können, berichteten auf dem Lüdenscheider Sternplatz drei Zeitzeugen. Ein paar hundert Teilnehmer waren der Einladung zur Gedenkveranstaltung gefolgt, mit der die überkonfessionelle Initiative Gemeinsame Wege an den 30. Jahrestag der friedlichen Revolution in der DDR erinnerte.

Die Veranstaltung begann mit einer Andacht in der Kirche St. Joseph und Medardus, Johannes Broxtermann, Markus Bühler und Ramona Winkler-Rudzio gaben als Pastoren verschiedener Konfessionen Impulse zum Gedenken an die Ereignisse vor und nach 1989. Es ging um Dank, aber auch um Buße. Und auch um Fürbitten für die Gebiete, in denen fast 30 Jahre nach der Wiedervereinigung nach wie vor Ungleichheit und Unzufriedenheit herrschen, wodurch Wähler zu extremistischen Parteien getrieben werden.

Im Mittelpunkt der anschließenden Kundgebung auf dem Sternplatz standen das Gedenken, die „Achtung und Wertschätzung“ für diejenigen, die 1989 marschiert sind, und Impulse, die die friedliche Revolution für heute bieten könnte, betonte Monika Deitenbeck-Goseberg als Moderatorin.

Die unmittelbare Spannung in diesen Tagen im Oktober 1989 wurde durch die drei Zeitzeugen greifbar. Der Lüdenscheider Reinhold Ahrens war genau zu dieser Zeit mit seiner Familie in der DDR zu Besuch. Nicht zum ersten Mal war die Familie an jenem 9. Oktober in Leipzig. „Wir spürten, es ist nicht so wie früher.“

Die Spannung habe in der Luft gelegen. Ihr Gastgeber habe gewarnt, sie sollten in der Stadt nicht zu viel reden und schon gar nicht laut. Als die Tochter in einem Musikgeschäft Noten kaufte, seien Jugendliche hereingestürmt und hätten zur Demonstration aufgerufen. Das Personal sei besorgt gewesen, aber die jungen Leute hätten gesagt: „Die können uns nicht alle verhaften.“

Als die Demonstration um 18 Uhr begann, war Reinhold Ahrens mit seiner Familie mittendrin, hörte die Aufforderungen aus den Lautsprechern, sich nicht provozieren zu lassen, sah Sanitätskolonnen und Kampfgruppen. Erst am nächsten Tag habe er gehört, dass 70 000 Menschen marschiert seien.

Peter Klatt leistete 1989 seinen Militärdienst in der DDR ab – was bedeutete, dass er bei Demonstrationen als Bereitschaftspolizist eingesetzt wurde. „Das war so krass, was Menschen da erleben mussten.“ Sein Bericht verdeutlichte, dass die Bereitschaft, gewaltsam gegen die Demonstranten vorzugehen, nicht nur bei der politischen Führung vorhanden war. Er habe selbst einen älteren Offizier erlebt, der extra Trainingseinheiten eingelegt habe, nachdem ihm ein Demonstrant entwischt war. Die Stasi habe sich unter die Protestierenden gemischt. „Es ist unfassbar, wie viele Menschen bespitzelt wurden von eigentlichen Freunden.“

Michael Höring, heute Pastor in der Nähe von Köln, war 1989 Pastor einer freien Gemeinde in der Nähe von Leipzig. Wegen der kleinen Kinder wechselte er sich bei den Montagsdemonstrationen mit seiner Frau ab, wie viele Eltern. Am 9. Oktober habe er daher nur das Transparent beschrieben. „Im Nachhinein bekomme ich Gänsehaut, was alles hätte passieren können.“ Es sei schon vorher überall erzählt worden, dass die Krankenhäuser für Verletzte freigestellt waren und sogar Holzkisten für mögliche Todesopfer bereitgestanden hätten.

Zwei Tage zuvor hatte die DDR trotz der dauernden Proteste mit großem Aufgebot den 40. Jahrestag gefeiert, die Staatsgäste seien inzwischen abgereist gewesen. Deshalb seien alle überzeugt gewesen, bei der nächsten Montagsdemonstration „muss der Staat sein wahres Gesicht zeigen.“ Später habe er erfahren, dass an diesem Tag schon mittags viele SED-Genossen in der Nikolai-Kirche gewesen seien. Die hätten wissen wollen, was die Menschen umtreibt.

Für Höring ist die friedliche Revolution in der DDR auch ein Beweis dafür, dass aus kleinen Anfängen etwas ganz Wichtiges erwachsen kann. Die ersten Friedensgebete habe es seit Anfang der 80er-Jahre gegeben, in ganz kleinem Kreis. Die Kirche bot den Bürgern einen geschützten Raum dafür. So ein friedlicher Dialog wie damals sei auch heute wichtig, um über die Probleme der Zeit – Klimawandel, Herausforderungen der digitalen Welt, Ausgrenzung – ins Gespräch zu kommen, meinte der Pastor.

Bürgermeister Dieter Dzewas würdigte in seinem Grußwort, wie die von den Kirchen ausgehende friedliche Revolution „das totalitäre Regime zum Implodieren gebracht“ habe, betonte aber auch, dass die Wiedervereinigung eben nicht nur eine Erfolgsgeschichte geworden sei. Auch er ging auf immer noch existierende Unterschiede zwischen Ost und West ein. Extremismus und „überbordenden Nationalismus“ gebe es aber nicht nur im Osten. Initiativen wie die Gemeinsamen Wege seien etwas, das das Miteinander in Lüdenscheid auszeichne – davon wünsche er sich mehr: „Dass wir wirklich gemeinsame Wege miteinander gestalten, wünsche ich mir für diese Stadt und für unser gesamtes Land.“

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