Käthe-Kollwitz-Preis für Timm Ulrichs

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Die Schädel-Decke ist eines der Kunstwerke, die Timm Ulrichs Lüdenscheid zur Verfügung stellte. 

Lüdenscheid – Die Installation „Der Fußboden-Tisch-Stuhl-Teller-Löffel“ des Konzeptkünstlers Timm Ulrichs nimmt einen großen, unübersehbaren Raum ein, wenn man die Städtische Galerie an der Sauerfelder Straße betritt. Die Stadt Lüdenscheid ist im Besitz von insgesamt 16 Arbeiten des Künstlers – am Wochenende wurde ihm in Berlin der Käthe-Kollwitz-Preis 2020 der Akademie der Künste überreicht. Eine passende Ausstellung ist bis zum 1. März am Berliner Hanseatenweg zu sehen. Timm Ulrichs erhält den mit 12 000 Euro dotierten Preis im Jahre seines 80. Geburtstags. Damit wird der in Berlin geborene Künstler für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Seine Werke sind für viele nachfolgende Künstler eine inspirierende Quelle geworden.

In Lüdenscheid hat Timm Ulrichs längst schon seine Spuren hinterlassen. Die wohl bekannteste ist neben der Installation im Innenraum das Kopf-Stein-Pflaster im Skulpturengarten, eine Schädel-Decke aus Beton, die ab und wann, wenn der Zahn der Zeit zu arg an ihr nagt, wieder ein wenig angehoben werden muss. Die Begegnungen mit dem selbst ernannten Totalkünstler sind immer wieder überraschend. So sah man sein Abbild aus Stein in einer schlichten Holzkiste, als Klaus Crummenerl in der Ausstellung „privat.im“ 2010 Werke aus seiner Privatsammlung präsentierte. Der damals noch frisch gegründete Verein der Kunstfreunde Lüdenscheid lud Ulrichs zum ersten Kunstsalon ein. Ulrichs sagte zu – und führte die Gäste voller Selbstironie entlang seiner Werke.

Die große eindrucksvolle Holzarbeit in der Halle vor der Galerie – „Der Fußboden-Tisch-Stuhl-Teller-Löffel“ – wurde 1982 herausgesägt aus dem Fußboden eines Schulkassenzimmers in Linz. 1992 übereignete der Künstler das Werk der Städtischen Galerie Lüdenscheid. Als dann der Neubau der Galerie an die Geschichtsmuseen kam, wurde das Kunstwerk 2005 neu präsentiert. Timm Ulrichs reiste damals in die Bergstadt, um den Wiederaufbau seiner Installation zu begleiten. Überhaupt überließ er im Rahmen der Neugestaltung der Galerie der Stadt mehrere seiner Kunstwerke. Die Bodenskulptur „nach/traum – nacht/raum“ von Ulrichs aus dem Jahr 1980 war bereits Kunstwerk des Monats im Rahmen einer Galerie-Serie. Die Skulptur befindet sich im Obergeschoss der Galerie, im letzten Raum der Dauerausstellung. Marmor, Granit und Polyesterharz sind die verwendeten Materialien.

Die Lüdenscheider Kunstkennerin und Kunstberaterin Inge Friebe, die teilweise in Berlin und teilweise in Lüdenscheid lebt und Mitglied des Vereins der Kunstfreunde ist, hatte bereits die Gelegenheit, die Ausstellung anlässlich des Käthe-Kollwitz-Preises „Weiter im Text“ zu sehen „Den Tisch mit den beiden Reclambändchen – ,Kant: Kritik der reinen Vernunft' oben und ,Kritik der praktischen Vernunft' unten, finde ich genial“, sagt sie, „1990, zu seinem 50. Geburtstag, gab es eine Ausstellung in meiner Galerie in Lüdenscheid, parallel zur Ausstellung seiner Meisterschüler in der Städtischen Galerie. Der WDR drehte damals einen Film, der im Foyer der Akademie der Künste gezeigt wird.“

Die Jury hob bei der Preisverleihung besonders hervor, dass „Timm Ulrichs fernab der Kunstzentren unermüdlich als Autodidakt seine Enzyklopädie der Ideen erfunden hat. Als Künstler arbeitet er in unterschiedlichen Genres. Dabei verfolgt er mit seinem Ideenreichtum kein durchgehendes Konzept, sondern sucht Originalität in jeder einzelnen Idee.“ Ulrichs, am 31. März 1940 in Berlin geboren, studierte Architektur an der Technischen Hochschule in Hannover. Danach unterrichtete er als (Gast-) Professor unter anderem an der Kunstakademie in Münster und an der Staatlichen Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig. 1959 gründete Ulrichs die „Werbezentrale für Totalkunst, Banalismus und Extemporismus“ in Hannover und erklärte sich 1961 selbst zum „ersten lebenden Kunstwerk“.

1966 folgte eine „Selbstausstellung“ in Frankfurt am Main und 1970 die erste Totalkunst-Retrospektive in Krefeld. Der Käthe-Kollwitz-Preis und die Ausstellung werden seit 1992 mitfinanziert von der Kreissparkasse Köln, Trägerin des Käthe Kollwitz Museum Köln. Die Ausstellung „Weiter im Text“, zeigt mit einer Auswahl von Werken, Druckgrafik, Objekten und Filmen die künstlerische Vorstellung Timm Ulrichs' vom Ende des Sagbaren und Unsagbaren.

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