Lüdenscheider berichten: Loveparade endet in Horrorszenario

Tobias Insberg, Jessica Balz und Melanie Becker sind froh, wieder zu Hause angekommen zu sein. ▪

Lüdenscheid ▪ „Es war ein absoluter Ausnahmezustand“, erzählt die 26-jährige Lüdenscheiderin Jessica Balz nach der Loveparade-Katastrophe.

„Wir sind erst angekommen, nachdem das Unglück schon passiert war, aber wir haben nicht sofort erfahren, dass Menschen dabei umgekommen sind und es so viele Verletzte gibt.“ Nachdem Jessica und ihre Freundinnen in einem Randgebiet von Duisburg geparkt hatten, sind sie mit der S-Bahn Richtung Loveparade-Gelände gefahren. „Was uns direkt nach dem Aussteigen auffiel, war, dass einer der Floats vom Gelände weg in die Stadt gefahren ist. Wie uns hinterher klar wurde, sollten die Menschenmassen aus dem Gelände rausgezogen werden, dann doch in die Stadt.“ Bei Fragen an die Polizei, wo es denn zur Loveparade ging, ist man in eine falsche Richtung geschickt worden. Von da an sei auch keiner mehr von außen auf das Gelände gekommen: „Es war alles dicht. Aber die Musik wurde nicht ausgeschaltet. Die schreckliche Nachricht ist gar nicht bis zu den Feiernden durchgedrungen. Nur draußen machte sich nach und nach Verzweiflung breit.“ Die Menschen wussten nicht, wohin sie gehen sollen, sind zwischen Gelände und Bahnhof herumgeirrt. „Für uns war das eine unbeschreibliche Situation. Es kamen uns verletzte Menschen entgegen. Die sahen aus wie nach einer Schlägerei: Nasenbluten, überall Kratzer. Unfassbar“, berichtet Jessica und Melanie ergänzt: „Viele waren auch total blass und ihre Kleidung dreckig.“

Was wirklich passiert war, haben sie erst nach und nach erfahren. Familie und Freunde haben dauernd versucht anzurufen. Die Handyverbindungen sind aber immer wieder unterbrochen worden. „Irgendwann hatte ich dann meinen Freund Timo, der zu Hause geblieben war, am Telefon. Er erzählte mir, was wirklich passiert war. Danach waren wir total schockiert. Wir konnten das gar nicht begreifen. Und das Ganze war keine Loveparade mehr, nur noch ein Horrorszenario“, so Jessica. An Feiern ist für sie nicht mehr zu denken gewesen. „Man wollte eigentlich nur noch nach Hause, weg vom Geschehen.“ Auch das war nicht möglich. Die ganze Stadt wurde abgeriegelt. „Man wusste nicht, was man machen sollte. Manche Leute haben noch zu Musik getanzt, die inzwischen von Duisburger Balkons schallte.“ Die Duisburger selber seien auch zutiefst geschockt gewesen: „Dass sowas in ihrer Stadt passieren könnte, ist für die meisten nicht vorstellbar gewesen, auch wenn schon im Vorfeld Stimmen laut geworden waren, dass das Gelände viel zu klein sei.“ Jessica ist auch berührt davon gewesen, dass viele Menschen wegen sprachlicher Barrieren erst recht nicht verstehen konnten, was da vor sich geht: „Es waren so viele Ausländer da, die extra für die Loveparade nach Deutschland gekommen sind. Wir haben versucht mit denen zu reden, ihnen das Unfassbare zu erklären, aber sie haben es doch nicht verstanden“, sagt Jessica. Melanie ergänzt: „Gleichzeitig waren viele aber auch aggressiv, zum Beispiel hat mich eine Holländerin angesprochen, die ich nicht direkt verstehen konnte, aber sie hat über Duisburg geschimpft.“

Bei solchen Menschenmassen brach nach und nach auch bei Jessica und ihrem Freundeskreis eine Art Panik aus. „Wir wussten nicht mehr, wie wir da wieder wegkommen sollten. Es waren so viele, die einfach nur noch nach Hause wollten.“ Auf dem Weg zum Auto, den sie einige Stunden später doch antreten konnten, seien sie noch in eine Bar gegangen, um im Fernsehen zu verfolgen, wie schlimm das Ausmaß der Katastrophe ist. Auch gestern, einen Tag nach dem Unglück, ist das Geschehen für sie kaum zu verarbeiten: „Wir waren zwar nicht im Tunnel, haben es nur indirekt mitbekommen. Aber wir sind immer noch geschockt und können es nicht fassen. Vielleicht besser, dass es in Zukunft keine Loveparade mehr geben soll.“

Auch Nicole Hardert aus Lüdenscheid war zum Zeitpunkt des Horrorszenarios auf dem Gelände der Loveparade in Duisburg. „Dort war die Party in vollem Gang, wir haben nichts mitbekommen“, sagt die 23-Jährige. Erst durch Anrufe von besorgten Freunden, die durch die Nachrichten über die Ereignisse informiert waren, wusste sie, was in dem Tunnel passiert war. „Zwar nicht mehr in Feierlaune, aber wir waren trotzdem noch bis zum offiziellen Ende da“, sagt Nicole Hardert, „bis dahin lief auch die Musik noch weiter“. Der Rückweg sei eine „reine Katastrophe“ gewesen. „Wir wurden über den Tunnel geführt, in dem vorher mehrere Menschen gestorben sind“. ▪ kk/vera

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