Lotsinnen für pflegende Angehörige

Karin Spangenberg (l.) und Simone Rusch kümmern sich um pflegende Angehörige.

LÜDENSCHEID ▪ Als Helga ihre Mutter nach einer Operation aus dem Krankenhaus abholt, glaubt sie zu wissen, was auf sie zukommt. Die 76-Jährige ist nach einem Oberschenkelhalsbruch nicht mehr richtig auf die Beine gekommen und pflegebedürftig. „Das bekomme ich schon hin“, meint die 52-jährige. Doch schon bald stößt sie an ihre Grenzen. Der Rücken tut ihr weg, weil sie ihrer Mutter Tag für Tag aus dem Bett oder aus dem tiefen Sessel helfen muss. Gänge zur kleinen Toilette oder ins schmale Bad werden immer mühsamer, zumal die gesamte Wohnung vor gut 50 Jahren natürlich nicht barrierefrei gebaut worden ist. Helga fällt immer häufiger abends todmüde ins Bett.

Vielen pflegenden Angehörigen geht es so wie Helga, sei es, weil ihre Angehörigen mit körperlichen Beeinträchtigungen oder aber mit geistigen Einschränkungen leben müssen. „Demenz wird zu einem immer größeren Thema“, weiß Karin Spangenberg. Gemeinsam mit Simone Rusch hilft sie seit gut einem Jahr pflegenden Angehörigen, die beispielhaft geschilderten Probleme im Alltag zu lösen. „Es geht darum, die Angehörigen zu schulen und die Lösungen dem jeweiligen Zuhause anzupassen“, sagt Rusch. „Da reichen einzelne Tage nicht aus. Daher setzten die gelernten Krankenschwestern vor gut einem Jahr ein Konzept um, das sie schon länger in der Schublade hatten. Schon im Klinikum gehen sie auf pflegende Angehörige zu, zeigen ihnen Möglichkeiten, wie sie die tägliche Pflege zuhause weiter fortsetzen können und stehen auch sechs Wochen nach der Entlassung des betroffenen Patienten weiter mit Rat und Tat zur Verfügung. „Denn die meisten Fragen treten oft erst zuhause auf und dort können wir dann zusätzliche individuelle Hilfestellungen geben“, betonen die beiden Expertinnen.

Gleichzeitig bieten sie dreiteilige kostenlose Pflegekurse für die Angehörigen im Seminarzentrum des Klinikums an. Darin geht es um Bewegung, das Kennenlernen von Hilfsmitteln, um den Pflegealltag zu erleichtern, den Umgang mit Kontinenz, die Dekubitus-Prophylaxe und die Ernährung. Aber auch die Auswirkungen der neuen Pflegesituation auf den eigenen Alltag und Informationen zum Sozialrecht spielen eine große Rolle.

Dem Ünterstützungsangebot für pflegende Angehörige liegt ein Modellprojekt der Universität Bielefeld und der AOK Rheinland/Hamburg sowie Westfalen-Lippe zugrunde. Das Klinikum Lüdenscheid nimmt seit gut einem Jahr daran teil. Inzwischen sind 150 Kliniken in NRW und Hamburg mit im Boot.

„Die Pflegekurse sind für jeden zugänglich, die Angehörigen haben einen Anspruch darauf“, betonen Simone Rusch und Karin Spangenberg. „Wir empfinden unser Angebot als eine moralische Verpflichtung und können endlich mal Krankenschwestern sein, losgelöst von einem zeitlichen Rahmen.“ Die pflegenden Angehörigen danken es ihnen. „Wir werden zu Vertrauenspersonen und Lotsinnen. Pflege ist Vertrauen.“ Gleichzeitig wachse mit zunehmender Sicherheit das Selbstbewusstsein der pflegenden Angehörigen, ebenso die Anerkennung ihres Einsatzes. „Gäbe es die pflegenden Angehörigen nicht, würde das Gesundheitssystem zusammenbrechen“, sind beide überzeugt.

Die jüngste Erhebung des statistischen Bundesamtes bestätigt dies nur zu gut: Zurzeit gibt es 2,34 Millionen pflegebedürftige Menschen in Deutschland, von denen laut Deutschem Pflegerat weit mehr als die Hälfte zuhause betreut werden. Da sind 16 Prozent mehr als noch vor zehn Jahren. Darin sind die vielen Menschen, die durch Pflegedienste unterstützt werden, noch nicht eingerechnet.

„Ich kann mir für die Zukunft sogar am Klinikum eine Station für Pflege vorstellen mit einem Musterzimmer. Das wäre eine Möglichkeit die häusliche Pflege zu etablieren und zu stabilisieren“, meint Spangenberg. Denn noch zu vieles spiele sich in einer Tabuzone ab. „Um so wichtiger ist es, gerade in diesem so sensiblen Bereich professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen“, fügt Rusch hinzu.

Wer sich für die Teilnahme an einem Pflegekursus interessiert, kann sich unter der Rufnummer 02351/462121 im Patienten-Informationszentrum des Klinikum melden. Hier gibt es auch Infos zum „Gesprächskreis für pflegende Angehörige“.

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