„Losgefahren wie bescheuert“

LÜDENSCHEID ▪ „Ich bin losgefahren wie bescheuert“, sagt der adrett wirkende Angeklagte, 19 Jahre jung. Und niemand widerspricht. Der Richter begutachtet das Wrack des BMW M3 auf Fotos in der Ermittlungsakte und sagt: „Das ist ja nur noch so’n Klumpen.“ Das illegale Autorennen mit Papas 400-PS-Boliden durch Hagen und der Unfall: vorsätzliche Gefährdung des Straßenverkehrs – und fahrlässige Körperverletzung. Sein Freund auf dem Beifahrersitz hat nur knapp überlebt.

Der junge Mann auf der Anklagebank senkt den Kopf und vermeidet Blickkontakte. Ob es Angeberei gewesen ist, fragt der Richter. „Das hatte mit Angeberei nichts zu tun“, antwortet der Berufsschüler. Aber sonst gibt er alles zu. Dass er mit seinem Freund „immer nach Hagen“ gefahren sei. Und dass er sich am 19. September spontan mit einem anderen Fahrer habe messen wollen – nachts um 0.30 Uhr. Seine Führerscheinprüfung hat er sechs Monate vor dem folgenschweren Rennen bestanden.

Über Kreuzungen geht es, mit kreischendem Motor an einer roten Ampel vorbei, einen Lieferwagen rechts überholt, dann kommt der Bordstein. Der M3 hebt ab und prallt mit geschätzten 100 Km/h vor einen Lichtmasten aus Beton. Die rechte Fahrzeugseite reißt buchstäblich ab, der Wagen durchbricht einen Zaun und geht in Flammen auf. Der Fahrer kommt mit leichten Blessuren und einem Schock davon. Der Beifahrer hat Knochenbrüche im ganzen Körper, innere Organe werden verletzt, die Milz muss entfernt werden. Noch heute trägt er Platten und Schrauben in Armen und Beinen.

Der 18-Jährige sagt im Zeugenstand, er sei „nicht nachtragend“. Nur: Zu seinem Freund ins Auto setze er sich nicht mehr. Aber man rede miteinander und treffe sich regelmäßig. Auf den Wagen angesprochen – der Richter: „Das war doch ein Wahnsinns-Geschoss“ – sagt der Schüler: „Das ist ein schönes Auto.“ Der Angeklagte sagt: „Das Wichtigste ist, dass er lebt und dass wir miteinander befreundet sind.“ Autos könne man kaufen, Menschen nicht. Aber er sagt auch: „Ohne Auto ist man nur ein halber Mensch.“

Nun wird er noch zusätzliche neun Monate als „halber Mensch“ durch die Welt gehen müssen. So lange bleibt ihm sein Führerschein entzogen. Außerdem muss er eine Strafe von 1000 Euro bezahlen und 100 Sozialstunden ableisten. „Damit er immer wieder an die Tat denkt“, so der Richter. Inzwischen sind 20 000 Euro Schmerzensgeld geflossen.

Olaf Moos

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