Interview mit Stern-Korrespondent Michael Streck

"Zurzeit spinnen sie, die Briten" - England-Korrespondent aus Lüdenscheid zum Brexit

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Michael Streck vor dem Amtssitz der britischen Premierministerin, Downing St. 10

Lüdenscheid - In Großbritannien nimmt das politische Chaos rund um den geplanten Austritt des Landes aus der EU – Brexit genannt – offenbar kein Ende. Wir sprachen mit Michael Streck, dem aus Lüdenscheid stammenden Korrespondenten des Hamburger Magazins Stern, über dieses Thema und seinen ganz persönlichen Brexit.

Herr Streck, wenn Sie zuhause in London vor dem Fernseher sitzen – wie groß ist die Chance für Sie, dem Brexit zu entgehen? 

Die Chance ist null. Hier ist alles voll mit Brexit auf jedem Kanal. Immer und überall. Es sei denn, man schaltet auf BT Sport und schaut sich Fußball an. Und selbst da wird gelegentlich über Brexit geredet, wenn Gary Lineker im Studio sitzt. Lineker ist ein erklärter Remainer  (Befürworter des Verbleibs in der EU, die Red.), und das lässt er gelegentlich auch durchschimmern. Das gefällt mir im Übrigen. 

Wie seriös geht das Fernsehen mit dem Thema um? 

BBC, ITV und Channel 4 sind extrem seriös und gut. Da fühle ich mich sehr sauber aufgehoben und bestens informiert. Manchmal ist es fast schmerzhaft neutral, wie speziell die BBC mit dem Thema umgeht. Aber das ist nun mal deren Auftrag, und den erledigen sie wirklich sehr professionell. 

"Die Zeitungen sind jetzt höchstpersönlich beleidigt"

Wie sieht das im Vergleich dazu bei den Tageszeitungen aus? 

Da gibt es große Unterschiede in der Gewichtung. Der Brexit hat ja unter anderem damit zu tun, dass die britische Stimmung vor allem von den konservativen Zeitungen über Jahrzehnte gegen Europa getrieben wurde. Die Daily Mail, die Sun und der Daily Telegraph, haben seit mehr als 40 Jahren die Agenda gesetzt. Das ist irgendwann in die britische DNA eingesickert.

Das ist bis heute so?

Ja. Das ist bis heute noch so. Die Zeitungen, speziell die konservativen, haben diesen antieuropäischen Kurs massiv befeuert  und sind jetzt höchstpersönlich beleidigt, dass das Ganze verschoben wird.  

Warum gibt es in Großbritannien seit Jahrzehnten diese antieuropäische Stimmung? 

Das hat ganz sicher auch mit der Insellage zu tun. Die Briten haben sich nie als Teil Europas definiert. Sie reden ja auch immer noch vom „Kontinent“. 

"Die Euro-Skepsis blieb eben auch"

Das ist aber nicht der einzige Grund? 

Nein, das rührt auch daher, dass Großbritannien in den 60er-Jahren zweimal – speziell von den Franzosen – geblockt wurde, als es der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft beitreten wollte, dem Vorläufer der EU. Das hat die Briten geschmerzt. Sie traten dann zum 1. Januar 1973 in die EU ein, aber auch damals waren viele damit unzufrieden. Es wurde – das vergessen viele – nur gut zwei Jahre später schon einmal über den Verbleib abgestimmt. Sie blieben zwar, aber die Europa-Skepsis blieb eben auch. 

Warum sind sie denn dann überhaupt in der EU geblieben? 

Das war eine Kosten-Nutzen-Rechnung. Die Briten haben die EU nie als großes politisches Projekt gesehen und dessen Schönheit anerkannt, so wie wir Kontinentaleuropäer das gewohnt sind. Für sie war die Gemeinschaft ein wirtschaftlicher Zweckverbund. Vielen von ihnen ist es tatsächlich vollkommen fremd, dass man sich über den Euro und offene Grenzen freuen kann.

Napoleon: "Briten sind Krämerseelen"

Die Briten als kühle Rechner? 

Ja, das hat schon Napoleon erkannt. Er hat sie als ein Volk der Krämerseelen bezeichnet. Ganz falsch lag er damit nicht. 

Wie ist es überhaupt zu dem Referendum über den Brexit gekommen? 

Es war eine aus innerparteilichen Interessen getroffene Entscheidung des damaligen konservativen Premierministers David Cameron. Er wollte damit die Euroskeptiker in der eigenen Partei befrieden. Der Schuss ging mal nach hinten. Denn er hatte nie und nimmer damit gerechnet, dass die Wähler wirklich für den Brexit stimmen würden.

"Cameron hat die Kampagne total verpatzt"

Ein riesiger taktischer Fehler? 

Natürlich. Eigentlich hatte Cameron dieses Referendum nur in sein Wahlprogramm aufgenommen in dem Glauben, dass er die Wahlen 2015 nicht so klar gewinnen würde und dass sein Koalitionspartner, die Liberalen, die Abstimmung gar nicht erst zulassen würden. Dann gewann er die Wahl aber dummerweise mit absoluter Mehrheit  und kam aus dieser Nummer nicht mehr heraus. Cameron hat die Kampagne f ü r einen Verbleib in der EU komplett verpatzt.

Wie schafften es die Brexit-Befürworter in der Folge, die Mehrheit der Briten hinter sich zu bringen? 

Sie holten die Leute mehr mit Emotionen als mit Zahlen ab. Und sie versprachen den Menschen das Blaue vom Himmel, das meiste blanker Unfug.  Das Ergebnis war aber gar nicht mal so sehr eine Absage an Europa, sondern vielmehr ein Abwatschen der eigenen Eliten. Es war auch und vor allem eine Protestwahl. 

Sie leben seit fünf Jahren in London. Wie erleben Sie diese Zeit ganz persönlich als Deutscher, als Kontinentaleuropäer? Spüren Sie Aversionen? 

Nein, das Deutschlandbild der Briten hat sich wirklich grundsätzlich verändert. Es war ja lange karikaturenhaft. Der Deutsche war entweder, wie in alten Schwarzweißfilmen, ein tumber Nazi. Oder er war ein Bayer in Lederhose, der dauernd Bratwurst und Sauerkraut aß und Bier aus Krügen trank. 

Freibier für den alten Feind

Das ist anders geworden? 

Absolut. Unter anderem hat dazu ganz erheblich die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 beigetragen. Die Briten erlebten damals, dass wir Deutschen sogar ganz lustig sein können. Das Wetter war gut, der Fußball war gut. Es war eine einzige Party. Viele Engländer sind mit einem völlig neuen Deutschlandbild zurückgekommen. 

Und das wirkt nach? 

Ja, dieses neue Bild der Deutschen hat sich in der Tat festgesetzt und wurde unterfüttert. Es gab zum Beispiel Ausstellungen über Deutschland hier im British Museum. Ich erinnere mich, dass wir 2014 nach dem Gewinn der Fußball-Weltmeisterschaft in einer Bar saßen und uns viele Gäste gratulierten und Bier ausgaben, als sie hörten, wir seien Deutsche. Diese alten Ressentiments gegen Deutsche haben sich glücklicherweise aufgelöst.

Ihre Frau Annette ist in London großgeworden. Wie hat sie das Verhalten der Engländer in den 70er- und 80er-Jahren gegenüber den Deutschen erlebt?

Das war völlig anders als heute. Sie ging auf die deutsche Schule. Es war gang und gäbe, dass englische Kinder in den Schulbussen die deutschen mit „Heil Hitler“ begrüßten. Die deutschen Kids wurden damals angehalten, den Ball ganz flach zu halten. Ihr Schuldirektor sagte: „Ihr seid hier auch Botschafter.“

"Rassismus deutlich gestiegen"

Wie sieht es bei den Europäern anderer Nationen aus, die in London leben? 

Ich glaube, dass mein Bild der Briten nicht so positiv wäre, hätte ich einen bulgarischen oder rumänischen Pass. Da höre ich immer wieder üble Dinge. Der Rassismus gegenüber Menschen aus Polen, Rumänien, Bulgarien ist deutlich gestiegen. Und dann heißt es immer, wenn man die Leute darauf anspricht: „Wir meinen ja nicht euch!“ – also die Deutschen, Italiener oder Franzosen. Wenn es zu so einer Diskussion kommt, werde ich ziemlich zickig und sage: Moment mal, da gibt es keine Unterschiede! 

Kennen Sie in ihrem privaten Umfeld Brexit-Befürworter, die ihr Ja heute bedauern? 

Es ist ja nicht so, dass alle Brexiteers bekloppte Rassisten wären oder dumm.  Ich kenne viele Befürworter, die ihr Ja durchaus schlüssig und nachvollziehbar erklären können. Sie verstehen sich sehr wohl als Europäer, haben aber mit der Institution der EU ein Problem. Und dass die EU Schwächen hat, ist ja auch offenkundig. Diese Befürworter hatten aber dieses Chaos, das sich jetzt entsponnen hat, einfach nicht auf dem Schirm. Insofern bedauern sie ihr Ja. 

Was hatten sie denn erwartet? 

Dass alles besser und schneller über die Bühne gehen würde. Und das hätte durchaus auch funktionieren können. Aber dafür war mit Theresa May die falsche Frau am falschen Ort

"Stimmung wird sich nicht beruhigen"

Wird sich die Stimmung in der Öffentlichkeit nun nach der Verschiebung des Brexit erst einmal wieder etwas beruhigen? 

Das wird sich über viele Jahre nicht beruhigen. Das Land ist extrem gespalten. Die ganze Atmosphäre ist in dieser Hinsicht noch toxisch. Was wir jetzt gerade erleben, ist ja nur das Vorspiel zu dem, was danach noch kommt. 

Wie meinen Sie das? 

Wenn es schon derart große Zerwürfnisse gibt beim Austritt und dessen Datum – wie soll das dann erst werden, wenn in der Übergangsphase über die Verträge verhandelt werden muss? Das mag ich mir gar nicht vorstellen. Es gibt Leute, die sagen: Das dauert wenigstens eine Generation.  Mit dem Austritt an sich ist noch gar nichts unter Dach und Fach. Es ist erst der Anfang einer ganz langen, zähen und womöglich sehr unappetitlichen Verhandlungsphase mit den Europäern. 

"Bereits Auswirkungen auf das Pfund"

Sind heute schon kon krete Auswirkungen des Brexit in der Wirtschaft spürbar? 

Als Konsumenten merken wir das noch nicht so sehr. Aber Banken ziehen ihre Leute ab und Autohersteller wie Toyota und Nissan schließen ihre Werke. BMW will womöglich die Produktion des Minis auf den Kontinent zurückverlagern. Der bevorstehende Brexit hat bereits Auswirkungen auf das Pfund. 

Horten die Leute denn weiterhin alles Mögliche, wie es eine Zeitlang der Fall war? 

Dadurch, dass das Parlament einen harten Ausstieg jetzt ausgeschlossen hat, wird das zurückgehen. Es besteht keine Notwendigkeit mehr, irgendwelche Medikamente oder Lebensmittel zu horten. Das war auch ein bisschen eine Modeerscheinung. Viele der Menschen, die das machten, reden gar nicht mehr mit der Presse, weil sie so schön durch den Kakao gezogen worden sind. 

Ihre Frau kennt England aus ihrer Jugend als das Armenhaus Europas. Befürchtet sie, dass sich die Geschichte in dieser Hinsicht wiederholt? 

Das zwar nicht, aber sie hat seit der Diskussion um den Brexit ein stückweit das Vertrauen in dieses Land verloren. Sie hat sich immer, obwohl sie einen deutschen Pass hat, auch als Britin gefühlt und erkannte unmittelbar nach dem Brexit ihr eigenes Land zunächst mal nicht wieder.

"Wir werden unfassbar viel vermissen hier"

Sie und Ihre Frau werden London im Sommer vertragsgemäß verlassen. Sind Sie wehmütig? 

Bei allem Schmerz darüber, dass wir gehen: Diese Situation, dieses Theater in Westminster, erleichtert den Abschied tatsächlich ein wenig. Wir werden unfassbar viel vermissen hier: die Kultur, dieses herrliche Völkergemisch in London, den grandiosen Humor und diese britische Lässigkeit. Aber diese politischen Nasen – diese Theresa Mays und Boris Johnsons und wie sie alle heißen – die werden wir definitiv nicht vermissen

Und wann werden die Briten gehen – aus der EU? 

Das wird womöglich noch ein volles Jahr dauern. Hinter den Kulissen wird daran gearbeitet, dass das Parlament die Macht übernimmt und parteiübergreifend einen Kompromiss zum Ausstieg erarbeitet. Das ist momentan die wahrscheinlichste Lösung, aber binnen drei Monaten nicht zu bewerkstelligen. 

"Die Briten brauchen ja nach wie vor Ausländer"

Sollten die Deutschen, die jetzt in Großbritannien leben, das Land möglichst schnell verlassen?

Bloß nicht! So viel wird sich für die drei Millionen EU-Ausländer, die hier leben, gar nicht verändern. Denen ist relativ zügig signalisiert worden: „Macht euch mal keine Sorgen!“  Wir zum Beispiel werden auch einen sogenannten Settled Status beantragen. Dadurch können wir hier problemlos weiter wohnen und behalten auch unsere Arbeitserlaubnis. Die Briten brauchen ja weiterhin ausländische Ärzte, Krankenschwestern oder Ingenieure. Das wird nicht so dramatisch.

Die letzte Frage: Hatte Asterix recht? Spinnen die, die Briten? 

Zurzeit spinnen sie, vor allem die Politiker. Das muss man schon sagen. Sonst aber eher nicht. Sie sind ein wunderbar exzentrisches, humorvolles und sehr liebenswürdiges Volk. Das kriegt selbst der Brexit nicht kaputt.

ZUR PERSON

Der gebürtige Lüdenscheider Michael Streck ist seit dem Jahr 2014 Großbritannien-Korrespondent des Hamburger Magazins Stern mit Dienstsitz in London. Der 55-Jährige arbeitet seit 1996 für den Stern und war von 2001 bis 2008 Korrespondent in New York. Streck ist verheiratet und hat zwei erwachsene Töchter. Das journalistische Handwerk erlernte er in den 80er-Jahren bei den Lüdenscheider Nachrichten.

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