Lohn für ein spätes Geständnis

Lüdenscheid - Vor dem Missbrauchsprozess: Auf dem Flur vor Saal 125 des Amtsgerichtes ist die Angst zu spüren. Da helfen auch die Ermutigungen des Jugendrichters nicht, der den drei Mädchen schon mal den Gerichtssaal zeigt, um ihnen die Angst zu nehmen. Sie fürchten, dass der Angeklagte alle Tatvorwürfe bestreitet – und dass sie als Lügnerinnen dastehen werden.

Und tatsächlich: Der 36-jährige Langzeitarbeitslose, 16fach vorbestraft, schüttelt den Kopf und sagt: „Das entspricht nicht der Wahrheit.“ Es stimme nicht, dass er eines der Mädchen auf einem Spielplatz im Eichholz an der Hand festgehalten habe. Und es sei auch nicht wahr, dass er zwei der Mädchen – zehn und 13 Jahre jung – unsittlich berührt habe.

Verteidiger Christian Teschner sekundiert seinem Mandanten mit Spielplatzfotos und Bildern von Fußwegen, die belegen sollen, dass die Begegnung zwischen dem Mann und den Kindern rein zufällig war. Warum dieser Beleg, erschließt sich Staatsanwalt Klaus Knierim nicht. „Was wollen Sie uns denn damit sagen?“ Die Tortur der Aussage rückt für die Opfer immer näher. Der 36-Jährige windet sich. Er habe doch nur mit den Kindern gesprochen und ihnen Fotos von seinen Töchtern gezeigt. Na gut, und vorher ein paar Flaschen Bier getrunken.

Der Richter beginnt, dem Beschuldigten eine Brücke zu bauen. „Es ist doch möglich, dass Sie nicht alles mitbekommen haben, vielleicht haben Sie auch Einzelheiten verdrängt.“ Staatsanwalt Knierim schlägt härtere Töne an. Er droht dem Arbeitslosen mit Gefängnis, wenn er nicht endlich ein Geständnis ablege. Und bietet einen Antrag auf eine Bewährungsstrafe an, sollte er den Kindern den Auftritt vor Gericht ersparen. Die Richter ziehen sich für ein paar Minütchen zurück – und gewähren dem Angeklagten eine Denkpause.

Er nutzt sie. Christian Teschner gibt eine Erklärung ab. „Ja, eine Hand auf ihrem Oberschenkel...“, „Es kann dazu gekommen sein...“, „...möglicherweise die Brust berührt“ – endlich ein Geständnis. Das Gericht zeigt sich erkenntlich: ein Jahr Freiheitsstrafe mit Bewährung.

Olaf Moos

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