„Wir werden aus diesem Ort eine Wüste machen“

Zwei Tage dauerte das Wüten in Leuven. Danach lag die Stadt in Schutt und Asche.

Lüdenscheid - Die Museen der Stadt Lüdenscheid zeigen ab dem 20. September die Ausstellung „Die Unschuld verloren“. Zu sehen sind dann Tagebucheinträge und private Korrespondenzen von deutschen Schriftstellern, Künstlern und Gelehrten aus der Zeit des Ersten Weltkriegs. Im Vorfeld beleuchten die LN verschiedene Aspekte der Ausstellung - diesmal mit dem Geschehen in Leuven im August 1914.

Der alte Oudemarkt. Dort befand sich die Universitätshalle.

 „Löwen brennt! In den Augen malt sich noch das furchtbare Drama. In den Augen und in den weißen Gesichtern“, so schilderte der deutsche Seelsorger Dr. Karl Sonnenschein die Geschehnisse in der belgischen Stadt nach einem Gespräch mit aus Leuven geflohenen Nonnen, die er in einem Zugabteil traf.

Eine Woche nach Kriegsbeginn marschierten im August 1914 deutsche Truppen in das neutrale Belgien ein. Gemäß des Aufmarschplans sollte von hier der Angriff auf Frankreich starten.

Kommandantur im Rathaus

„Der erste Weltkrieg erreichte Löwen am 19. August 1914. An diesem Tag besetzte deutsches Militär kampflos die am Vortag von den Belgiern geräumte Stadt. Im Rathaus wurde die Kommandantur eingerichtet, der Bevölkerung per Anschlag mitgeteilt, wie sie sich zu verhalten habe,“ schreibt der Historiker Wolfgang Schivelbusch in seinem Buch „Eine Ruine im Krieg der Geister“.

Hintergrund der Serie

"Unschuld verloren" - Teil eins 

Zunächst blieb es friedlich in der alten Universitätsstadt, doch am Abend des 25. August fielen plötzlich Schüsse. „Historiker glauben heute, dass es sich um ,friendly fire‘, handelte bei dem deutsche Soldaten versehentlich eigene Soldaten beschossen. Doch damals hieß es, belgische Franktireurs hätten angegriffen. „Eine tragische Kettenreaktion kam in dieser Nach in Gang“, schreibt „Der Spiegel“ in einer Sonderausgabe vom Mai 2013. Der einmal ausgelöste Kampf führte in den Tagen vom 25. bis 29. August 1914 zu Geiselnahmen und Hausdurchsuchungen mit sofortigen Erschießungen.

Die alte Bibliothek: 300 000 Bücher verbrannten.

„Die zum Großteil unerfahrenen deutschen Soldaten drangen in Panik in belgische Häuser ein, in denen sie Heckenschützen vermuteten. Sie nahmen Geiseln, in wilder Raserei töteten sie hunderte Zivilisten und steckten deren Wohnungen in Brand. Durch Schusswechsel und Funkenschläge fingen immer mehr Gebäude im Stadtkern von Leuven Feuer. Zwei Tage dauerte das Wüten. „Am 27. August dann wurde die verbliebene Bevölkerung aus den rauchenden Ruinen ihrer Stadt vertrieben“, heißt es im „Spiegel“.

Die Bibliothek von Leuven heute.

Die Zerstörung erreichte ihren Höhepunkt in der Brandschatzung der Leuvener Bibliothek. Man dachte, es handele sich um ein Gebäude der Universität, welche als Ort des belgischen Widerstands galt. Rund 300 000 Bücher, 800 Druckwerke und unwiederbringliche Handschriften, darunter eine päpstliche Bulle von Martin V. aus dem Jahr 1425, wurden vom Feuer vernichtet.

„Die Horde von Barbaren hat das ganze Land verwüstet"

„Die Horde von Barbaren hat das ganze Land verwüstet. Als Omar die Bibliothek von Alexandrien zerstörte, glaubte niemand, dass ein solcher Akt des Vandalismus sich wiederholen könnte“; zitiert der „Spiegel“ den belgischen Jesuit Dupierreux aus einem Schreiben, verfasst Ende August 1914, „es hat sich aber wiederholt, die Bibliothek ist zerstört. Das ist die germanische Kultur, derer sie sich so rühmten.“

Schivelbusch zitiert in seinem Werk den amerikanischen Gesandschaftssekretär Gibson, der am 28. August 1914 Leuven besuchte: „Die Häuser auf beiden Seiten der Straße (Rue de la Station) waren bereits abgebrannt oder sie schwelten noch. Soldaten entfernten systematisch, was sie an Wertsachen, Lebensmitteln und Wein fanden, und steckten Möbel und Vorhänge in Brand.“ Die Antwort eines deutschen Offiziers an Gibson wird wie folgt geschildert: „Wir werden aus diesem Ort eine Wüste machen. Wir werden es ausmerzen, so daß schwer sein wird festzustellen, wo Löwen einmal stand.“

42 000 Menschen evakuiert

Insgesamt sanken 1081 Wohnhäuser in Schutt und Asche. Auch die spätgotische Kirche Sint Pieter, und Gebäude der Universität gingen in Flammen auf. 248 Bürger wurden erschossen, 1500 interniert, 42 000 Menschen, evakuiert.

Der Oudemarkt heute – ein beliebter Treffpunkt.

„Ici finit la culture allemande“ („Hier endete die deutsche Kultur“) stand auf einem Transparent nach dem Krieg über den Trümmern der Bibliothek von Leuven. Im Versailler Vertrag wurde in Artikel 247 festgelegt, dass Deutschland verpflichtet werde, „an die Hochschule zu Löwen ... Handschriften, Wiegendrucke, gedruckte Bücher, Karten und Sammlungsgegenstände zu liefern, ...die bei dem von Deutschland verursachten Brande der Bücherei von Löwen vernichtet worden sind...“

Die schrecklichen Ereignisse von Leuven sind fotografisch gut dokumentiert. Das Stadtarchiv Leuven hat für die Ausstellung „Die Unschuld verloren“ den Museen der Stadt Lüdenscheid zahlreiche Fotos zur Verfügung gestellt, wie sie so in Deutschland noch nicht zu sehen waren. Im Begleittext zur Ausstellung wird festgestellt: Viele Deutsche verbinden den Ersten Weltkrieg vor allem mit der weitgehenden Kriegsbegeisterung im August 1914, mit den Materialschlachten 1914 bis 1918, und den unsäglichen Menschen- und Materialschlachten an der Somme 1916. Bilder von zerstörten Städten werden hingegen mit dem Zweiten Weltkrieg in Verbindung gebracht. Richtig ist, dass bereits im August 1914 der Krieg auch auf die Städte übergriff. Insofern kommt den Ereignissen von Leuven eine geradezu weltgeschichtliche Bedeutung zu.

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