Die Kriegserlebnisse in den Werken der Expressionisten

Museumstechniker Volker Kirstein und Praktikant Klaus beim Rahmen der Fotografien aus Leuven für die Ausstellung.

Lüdenscheid - Die Museen der Stadt Lüdenscheid zeigen ab dem 20. September die Ausstellung „Die Unschuld verloren“. Zu sehen sind Tagebucheinträge und private Korrespondenzen von deutschen Schriftstellern, Künstlern und Gelehrten aus der Zeit des Ersten Weltkriegs. Im Vorfeld beleuchten die LN verschiedene Aspekte der Ausstellung. Der vierte Teil dreht sich um die Verarbeitung der existenziellen Erfahrung der Kriegserlebnisse in der Werken der Expressionisten.

„Die ungeheure seelische Erschütterung lässt uns unser ganzes Wissen und unsere Überzeugungen bis zum Grunde prüfen“, schreibt der Expressionist Franz Marc am 2. November 1914 aus Hageville an seine Mutter. Marcs Briefe sind neben unzähligen anderen in dem Band „Endzeit Europa. Ein kollektives Tagebuch deutschsprachiger Schriftsteller, Künstler und Gelehrter im Ersten Weltkrieg, Göttingen 2008“ gesammelt. Das Werk gibt Auskunft über die Befindlichkeit, die Stimmung, das Gefühl der Künstler in dieser Zeit des Umbruchs.

Der Beginn des Jahres 1914 stand für den deutschen Künstler Franz Marc, einem Hauptvertreter des Expressionismus, ganz im Zeichen der Weiterführung eines Projektes, das er zusammen mit Erich Heckel, Paul Klee, Oskar Kokoschka und Alfred Kubin begonnen hatte: der Illustration der Bibel. Marcs Thema sollte die künstlerische Darstellung der Schöpfungsgeschichte sein. Der Befehl zur Mobilmachung und sein Einzug zum Kriegsdienst wenige Tage danach beendeten die ambitionierten künstlerischen Pläne.

Der Kriegsbeginn wurde von der Mehrzahl der Künstler, der Intellektuellen und der bürgerlichen Jugend begrüßt. Viele meldeten sich freiwillig zum Kriegsdienst, so auch Vertreter der modernen, avantgardistischen Malerei in Deutschland wie Otto Dix, Max Beckmann und August Macke.

Das Plakat, mit dem für die Ausstellung geworben wird. Vernissage ist am 20. September um 17 Uhr.

„(…)ich fühle den Geist, der hinter den Schlachten, hinter jeder Kugel schwebt so stark, dass das realistische, materielle ganz verschwindet. Schlachten, Verwundungen, Bewegungen wirken alle so mystisch, unwirklich, als ob sie etwas ganz anderes bedeuteten (…)“, schreibt Marc am 12. September 1914 an Maria Marc (Briefe aus dem Feld, 1993). Die Künstler erhofften sich ein „reinigendes Gewitter“, einen kurzen Krieg, der die politischen, geistigen und gesellschaftlichen Verkrustungen aufbrechen würde“. Doch schon bald erleben die Künstler an der Front und im täglich Kriegsgeschehen die unsäglichen Grausamkeiten, erlebten Tod und Gemetzel. „Seit Tagen sehe ich nichts als das Entsetzlichste, was sich Menschengehirne ausmalen können,“ schreibt Marc an seine Frau am 2. März 1916.

Und Ernst Ludwig Kirchner sendet am 9. Dezember 1915 seine Gedanken an Gustav Schiefler: „Der Krieg reißt immer mehr ein. Man sieht fast nur noch Masken, keine Gesichter mehr, es wäre gut und nötig, dass bald ein Ende käme“.

Hintergrund der Serie

Erster Teil: „Wahrt die Ehre Eures Vaterlandes, und kehrt mit Ruhm bedeckt zurück“

Zweiter Teil: "Wir werden aus diesem Ort eine Wüste machen“

Dritter Teil: „Der prachtvolle Humor im Schützengraben“

Käthe Kollwitz notiert am 11. Oktober 1916 in ihrem Tagebuch: „Ist also die Jugend in all diesen Ländern betrogen worden? Hat man ihre Fähigkeit zur Hingabe benutzt, um den Krieg zustande zu bringen? Wo sind die Schuldigen? Gibt es die? Sind alles Betrogene? Ist es ein Massenwahnsinn gewesen? Und wann und wie wird das Aufwachen sein?“. Zu diesem Zeitpunkt ist ihr Sohn Peter bereits zwei Jahre tot. Er fiel in der Nacht zum 23. Oktober 2014 in Flandern.

Der Krieg verändert die Kunstszene vollständig. Die junge Expressionistengeneration wie unter anderem Ernst Ludwig Kirchner, Erick Heckel und Otto Dix aber auch Käthe Kollwitz und Ernst Barlach verarbeitet in ihren Werken die existenziellen Erfahrungen des Krieges. Es entstehen zumeist kleinformatige Arbeiten auf Papier, die als künstlerische Zeugnisse des Grauens zu betrachten sind. In der Lüdenscheider Ausstellung „Die Unschuld verloren…“ sind den fotografischen Überlieferungen der Leuven-Katastrophe Grafiken dieser Künstler zur Seite gestellt. Den Besucher erwarten Zeichnungen, Radierungen, Lithographien und Holzschnitte von Marc, Beckmann, Dix, Heckel, Kollwitz und Christian Rohlfs.

Christian Rohlfs, „Der Gestürzte (Ikarus)“, Linolschnitt, um 1913/1914, Osthaus-Museum Hagen.

Die Biographien dieser Künstler lesen sich zum Teil sehr unterschiedlich, es eint sie das Entsetzen über die fürchterliche Wirklichkeit des Krieges.Christian Rohlfs (1849-1938) blieb der Fronteinsatz aufgrund seines Alters und einer folgenschweren Beinverletzung, die er als Jugendlicher erlitten hatte, erspart. Der Ausbruch des Krieges erschütterte ihn, anders als viele Künstlerfreunde, zutiefst. Die Zeitereignisse bestimmen für mehrere Jahre sein künstlerisches Schaffen. Er versuchte, sie in Gestalt religiöser Motive und der Gegenüberstellung von Sünde, Leid und Erlösung künstlerisch zu verarbeiten. In dem graphischen Blatt „Der Gestürzte (Ikarus)“ um 1913/14 zeigt Rohlfs den körperlichen und geistigen Zusammenbruch des Menschen. Es scheint, dass der Künstler den Fortlauf der historischen Ereignisse bereits geahnt hat (Ausstellungstext).

1924 erschien das Mappenwerk „Krieg“ von Käthe Kollwitz (1867 – 1945), eine siebenteilige Holzschnittfolge, die zu ihren wichtigsten Auseinandersetzungen mit dem Ersten Weltkrieg gehört. „Ich glaube wer den Krieg malen will, muß erst den Frost malen lernen. Soldaten müssen entsetzlich viel frieren, und frieren ist lähmend, und lähmen ist schlimmer als töten“, schreibt Ernst Barlach am 20. Februar an Reinhard Piper. Ernst Ludwig Kirchner notiert am 12. November 1916: „Der Wahnwitz dieses Krieges ist unglaublich (…) Dieser triste November mit Farben von gelb und rot. Das allmähliche Absterben ohne Tod.“

Die Euphorie ist vorbei, es bleibt das Grauen.

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