„Wahrt die Ehre Eures Vaterlandes, und kehrt mit Ruhm bedeckt zurück“

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„Sonnige Tage“ – erste Verwundete und Krankenschwestern im Lüdenscheider Lazarett, Oktober 1914

Lüdenscheid - „1. August. In Fabrik und Werkstatt; in Schule und Haus Kriegsfieber und Arbeitsunlust. Belagerung des Rathauses. Man erwartet stündlich die Mobilmachung. Diese erfolgt abends 6 Uhr während einer eiligen Stadtverordnetensitzung...Glockengeläute. Stürmische Begrüßung beim Erscheinen des roten Plakates im Rathauses.“

Zum Hintergrund der Serie

So beschreibt im Telegrammstil Artur Schweriner in den „Lüdenscheider Zeitbildern“ vom 1. April 1915 die Ereignisse am Tag der Mobilmachung in seiner Heimatstadt.

Der Tag der Mobilmachung

Der selbsternannte Kriegschronist und Chefredakteur des „Lüdenscheider Tageblattes“ führt in seiner „Illustrierten Halbmonatschrift“ eine Art Tagebuch, anhand dessen sich die Abläufe in der Bergstadt dokumentieren lassen, allerdings muss die Rezeption dieser Quelle kritisch geschehen, da auch Schweriner wie viele Kreise der Bevölkerung des Deutschen Reiches im August 1914 den Kriegsbeginn wohl begeistert aufnahm.

Ein weiteres Dokument liefert das Tagebuch der Lüdenscheider Klavierlehrerin Erna Berndt (1892 – 1977): „Abends waren Lene Schauerte, Käthe Bergmann und ich mit am Stammtisch Westfalia bei Himmelmann, dessen meiste Mitglieder auch mit ins Feld ziehen mussten und die sich vielleicht zum letzten Mal so vollzählig versammelten. Wir erlebten manche Stürme der Begeisterung. Wir sangen und weinten in einem Atem. Da durchfuhr mich ein Gefühl der Dankbarkeit, dass es mir vergönnt war, eine so große und tiefernste Zeit mitmachen zu dürfen.“

In den Morgenstunden des 3. August brachen Hunderte von Soldaten auf

Extrablatt der „Lüdenscheider Zeitung“ zur Mobilmachung

Belegt ist, dass in den Morgenstunden des 3. August von beiden Lüdenscheider Bahnhöfen Hunderte von Soldaten an ihre Militärstandorte aufbrachen. Vom Staatsbahnhof fuhren vier Züge ab, vom dem der Kreis Altenaer Eisenbahn drei. „Verabschiedet wurden sie jeweils von einer unübersehbaren Menschenmenge, der städtischen Kapelle einer Rede des Bürgermeisters Jokusch, die ‚herrliche, begeisterte Worte’ enthalten haben soll, ‚die in den Herzen aller begeisterten Widerhall fanden.’“, so schreibt Dr. Dietmar Simon in seinem Aufsatz „Mobilmachung und Meinungskampf. Lüdenscheid und der Beginn des Ersten Weltkrieges“, in „Der Märker“, Jahrgang 53, 2004.

Der „Lüdenscheider Generalanzeiger“ schreibt am 3. August 1914: „Heute früh, als Reservisten auf beiden Bahnhöfen sich zum Abschied eingefunden hatten, gingen die Wogen der vaterländischen Begeisterung hoch. Tausende und Abertausende füllten die Straßen, brausender Jubel ertönte, wenn die Züge...abfuhren...Fahrt wohl, ihr lieben deutschen Jungen! Wahrt die Ehre Eures Vaterlandes! Und kehrt bald mit Ruhm bedeckt zurück!“

Die Stimmung „bei den Verantwortlichen an der Spitze der Stadt“ sei eher ernst und besonnen gewesen“, „wie man es in dieser Lage kaum erwartet hätte“, schreibt Simon im „Märker“. Auch der Bericht der „Lüdenscheider Zeitung“ vom 3. August beschreibt eine andere Szene: „Tausend und aber tausende Menschen befanden sich an beiden Bahnhöfen, um ihren in den Krieg ziehenden Lieben das Geleit zu geben. Lautes Weinen, unterdrücktes Schluchzen hörte man, und manches Gesicht war wie im Schmerz erstarrt.

Vorkehrungen zur Sicherheit gegen Flieger und Spione

"Weltkrieg 1914" - eine kurz nach Kriegsbeginn erschienene Broschüre mit "Feldpostbriefen, Gedichten und Humoresken" zu den ersten Kriegserlebnissen Lüdenscheider Bürger

 „4. August. 3. Mobilmachungstag...Die Stadtverwaltung trifft Vorkehrungen zur Sicherheit gegen Flieger und Spione.“ Aus der Notiz von Schweriner erkennt man, dass neben Ernst und Besonnenheit „während der ersten Kriegstage gewisse hysterische Überreaktionen in der Bevölkerung“ zu vermerken waren, so Simon. Im „Lüdenscheider Generalanzeiger“ vom 4. und 5. August 1914 wird berichtet, dass die nächtliche Straßenbeleuchtung ab dem 4. August aus Angst vor feindlichen Fliegern ausblieb. „Einige Übereifrige stoppten ein Automobil, in dem sich Frauen aus Iserlohn befanden, und malträtierten die Insassen, weil sie in ihnen russische Spione vermuteten“ (Simon).

 „8. August. Die Auszahlungen an Unterstützungsbedürftige haben in den ersten 3 Tagen 9000 Mark erreicht. - (Lüdenscheider Zeitbilder, No. 3, 15. April 1915) „Sofort (nach Kriegsbeginn) setzten die Arbeiten der Stadtverwaltung auf dem Gebiete der finanziellen Fürsorge, der Kriegswohlfahrtspflege und der Volksernährung ein, während die Mobilmachung ihren tadellosen, ungestörten Verlauf nahm...“ (Lüdenscheider Zeitbilder)

"Der Städtische Kartoffelverkauf beginnt. - Die Lazarette werden hergerichtet"

Die Lüdenscheider Volksküche

„23. August. Der Städtische Kartoffelverkauf beginnt.- Die Lazarette werden hergerichtet“ (Lüdenscheider Zeitbilder). „Unverzüglich nach Kriegsbeginn hat die Stadtverwaltung zwei erste Volksküchen eröffnet. Hier versorgte man in Not geratene Familien unentgeltlich“, berichtet Simon. Bald schon, im Februar 1915, wurde Brot rationiert, später kam die Milchrationierung hinzu. Fettkarten wurden eingeführt, der Kartoffelverkauf streng kontrolliert und Eierkarten verteilt. „Wieviele neue Begriffe sind damals geprägt worden…Heute stehen sie wie schattenhafte Zeugen jener Zeit vor uns: Kriegsbrot, Steckrüben, Marmelade, fragwürdige Fettigkeiten, Süßstoff, Kartoffelwalzmehl, Wibbelbohnen, Konservenfleisch. Das Kellerschwein und die Pensionskuh. Die Brotmarke, der Lebensmittelschein…“ zitiert Simon den Lüdenscheider Chronisten Dr. Hans Strobel.

August 1917 werden 6299 Verwundete in den Lazaretten gepflegt

Verwundete und Lazarettpersonal in der Lüdenscheider Schützenhalle, 1916

Die Leiden des Krieges wurden für die Lüdenscheider Bevölkerung durch die Errichtung zahlreichen Lazarette spürbar. „Die neue Schützenhalle am Loh…wurde in ein königliches Reservelazarett umgewidmet“,schreibt Simon. Und weiter: „Der erste Transport mit etwas sechzig Verwundeten traf am 8. September 1914 am Lüdenscheider Bahnhof ein.“ Im August 1917 sollten in den Lüdenscheider Lazaretten 6299 Verwundete gepflegt werden. Bereits Ende August 1914 werden die ersten gefallenen Lüdenscheider betrauert. Die erste offizielle Verlustliste erschien am 12. September 1914. „Bis zum November 1918 fielen 1072 Lüdenscheider Soldaten. 54 erlagen ihren Verletzungen in Lazaretten, 69 blieben vermisst. Von den 517 in Kriegsgefangenschaft geratenen Männern starben 29. Der letzte Soldat sollte erst im Herbst 1921 aus der Gefangenschaft in Avignon zurückkehren.“ (Simon)

"Der Krieg, der grausame, entsetzliche Krieg!"

So hatte sich bewahrheitet, was der Chefredakteur der „Lüdenscheider Volksstimme“, Karl Böttcher, am 28. Juli 1914 in „einer bedrückend realistischen Vorschau“ notiert hatte: „Hunderttausende würden auf den blutigen Schlachtfeldern sinnlos gemordet werden. Alle Kriegsgräuel früherer Zeiten würden ein Kinderspiel sein gegen die entsetzensvolle Wirklichkeit eines allgemeinen europäischen Krieges, der mit den raffiniertesten Werkzeugen modernster Technik sein müsste…Das ist der Krieg, der grausame, entsetzliche Krieg!“

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