„Der prachtvolle Humor im Schützengraben“

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Kriegserinnerungen, die in den Museen der Stadt an der Sauerefelder Straße sorgsam aufbewahrt werden.

Lüdenscheid - Die Museen der Stadt Lüdenscheid zeigen ab dem 20. September die Ausstellung „Die Unschuld verloren“. Zu sehen sind dann Tagebucheinträge und private Korrespondenzen von deutschen Schriftstellern, Künstlern und Gelehrten aus der Zeit des Ersten Weltkriegs. Im Vorfeld beleuchten die LN verschiedene Aspekte der Ausstellung - diesmal mit den Einblicken in das private Erleben der Soldaten an der Front.

Scheune bei Malancourt 1916, Seite aus dem Kriegstagebuch, Aquarell auf Papier.

„Wie hätte der Künstler, der Soldat im Künstler nicht Gott loben sollen für den Zusammenbruch einer Friedenswelt, die er so satt, so überaus satt hatte! Krieg! Es war Reinigung, Befreiung, was wir empfanden, und eine ungeheure Hoffnung.“ (Thomas Mann, 1914) . Im November 2008 zeigte das Kurt-Tucholsky-Literaturmuseum Schloß Rheinsberg eine Ausstellung mit dem Titel „Endzeit Europa – Ein kollektives Tagebuch deutschsprachiger Schriftsteller, Künstler und Gelehrter im Ersten Weltkrieg“.

Der Begleitband zur Ausstellung versammelt Zeugnisse privaten Erlebens. „Wie spiegeln sich Weltkrieg und Revolution in Briefen und Tagebüchern der Künstler und intellektuellen in Deutschland, wie ändert sich die Haltung zum Krieg parallel zum Verlauf der Ereignisse?“ Diesen Fragen ist der Herausgeber nachgegangen. Mehr als einhundert Autoren kommen in dem Band zu Wort, vertreten sind Schriftsteller, aber auch Künstler, Wissenschaftler und Publizisten. „Wenn man danach fragt, wie die geistige Schicht in Deutschland die Zeit erlebt, wie sie über den Untergang des alten Europa und den Aufbruch in ein Jahrhundert der Katastrophen gedacht hat, besitzen die privat aufgezeichneten Erlebnisse und Gedanken einen höheren Zeugniswert als die zahlreichen Aufrufe, Pamphlete und öffentlichen Reden“, heißt es im Nachwort. In der Lüdenscheider Aus stellung „Die Unschuld verloren…“ werden neben den Zeichnungen, Radierungen und Holzschnitten von u.a. Franz Marc, Käthe Kollwitz und Christian Rohlfs als Zeugnisse des erlebten Grauens auch Zitate aus ihren Briefen und Tagebüchern zu den Besuchern sprechen.

Auf Horchposten! Feldpostkarte aus dem 1. Weltkrieg, 16. Januar 1916

Auch aus Lüdenscheid gibt es einige wenige Quellen, Kriegstagebücher und Feldpostbriefe, die einen Einblick geben in das private Erleben, sowohl der Soldaten an der Front, als auch der Bevölkerung in der Bergstadt.

Gleich ist allen Dokumenten, dass der anfänglichen Euphorie, die in allen Bevölkerungskreisen überwog, recht bald eine Ernüchterung folgte. Die Schrecken des Krieges wurden sichtbar.

Rudolf Kaschke mit dem Fahrrad, Atelieraufnahme

Überliefert sind in den „Lüdenscheider Zeitbildern“ unzählige Kriegsfotografien, die im Original nicht mehr vorhanden sind. „Die zumeist als Ansichtskarten an Angehörige verschickte Bilder zeigen Lüdenscheider Soldaten oft Pfeife rauchend, lesend, Skat spielend…Selten sind Blicke in einen Schützengraben“, so Dr. Dietmar Simon in seinem Aufsatz „Die eiserne Zeit“, Lüdenscheid 1998. Auch die Berichte auf den Feldpostkarten schildern zumeist eine „heile Welt“, oftmals muten die Postkarten wie Urlaubsgrüße an. „Biwak Nähe Jaroslau, 23.5.15. Aus dem fernen Galizien senden beste Grüße die Stiärt’s: W. Hickschlag, H. Studen, H. Balzer, W. Klaucke, Walter Stapel, M. Roß, Karl Schmale, W. Graf, Rich. Buschhaus, W. Schriever, F. Brüninghaus, Albert Siemann. Krankenträger in der Sanitäts-Kompagnie der 119. Infantrie-Division. Auf hoffentlich baldiges Wiedersehen in Lüdenscheid“, heißt es auf einer Karte, veröffentlicht in den Lüdenscheider Zeitbildern“ vom 11. Juni 1915.

Hintergrund der Serie

„Wahrt die Ehre Eures Vaterlandes, und kehrt mit Ruhm bedeckt zurück“" - Teil eins 

„Wir werden aus diesem Ort eine Wüste machen“ - Teil zwei

„Der prachtvolle Humor im Schützengraben“ wird dort beschrieben oder es schrieben „mit dicken fetten Kriegsgrüßen de Lünscher Stiärte van de Westfront“ (Simon). Tatsächlich wird das eigentliche Erleben der Soldaten an der Front anders ausgesehen haben. Ein Beweis dafür sind auch die „Heldentafeln“, die in jeder Ausgabe der „Zeitbilder“ an die gefallenen Lüdenscheider Soldaten erinnerte.

Vertilgungsverein für eiserne Portionen, Feldpostkarte aus dem 1. Weltkrieg

Ein etwas anderes Bild zeichnen die Feldpostkarten des Lüdenscheider Malers Rudolf Kaschke, der im Sommer 1915 zum Landsturm einberufen wurde. Nach seiner Grundausbildung kam er wenige Wochen später an die Front nach Nordfrankreich. Während seines Einsatzes als Infantrie-Soldat versuchte er Kontakt zu seiner Familie zu halten, indem er wie alle anderen Soldaten auch Feldpostkarten schrieb. Obwohl die Dokumente der Zensur unterlagen, gelangt es ihm sie mit Zeichnungen zu versehen. Trotz der durchlaufenden Zensur geben die Post karten einen Einblick in die unmenschlichen Bedingungen einer Zeit voller Gefahren und Entbehrungen im Schützengraben. In seinen kleinformatigen Zeichnungen entwickelte Kaschke einen persönlichen, von ganz eigenem Sarkasmus geprägten Humor. Eine nicht mit der Feldpost beförderte Karte trägt auf der Rückseite die Aufschrift: „Hätte dieser Schwindel endlich mal ein Ende“. Auf einer anderen Karte zeichnete er einen „Vertilgungsverein für eiserne Portionen“ - mit zwei Westen bekleidete, Ringelreihen tanzende Ratten - „die zweifellos die Entbehrung des Soldaten illustrieren sollten“.

Tanzende Ratten

Weitere private Einblicke in das Kriegserleben liefern die Tagebücher zweier junger Lüdenscheiderinnen, Liese Beuge und Erna Berndt.

„Sonntag, den 2. August 1914: Das Volk steht auf, der Sturm bricht los wie tausend Ungewitter. – Die drückende Schwüle, die in der letzten Juliwoche auf allen Gemütern lastete, ist gewichen. Gestern Abend um 6 Uhr wurde aus den Fenstern des hiesigen Rathauses zuerst mündlich von Bürgermeister Jokusch die Mobilmachung angerufen und wenige Minuten später wurden schon die roten Zettel überall angeklebt, worauf die inhaltschweren Worte standen: Die Mobilmachung ist Allerhöchst befohlen worden. Erster Mobilmachungstag ist der 2.August“, schreibt Erna Berndt in ihr Tagebuch. Und weiter: „Für das religiöse Gefühl des Volkes ist der Krieg entschieden von Vorteil. Die Menschheit braucht ihren Gott zu sehr in Zeiten der Not. In der langen Friedenszeit hatte man ihn sonst vergessen“.

Morgen geht’s auf nach Moskau

Am 9. August 2014 schreibt Liese Beuge: „Der Weltkrieg ist entbrannt! Der gewaltigste Krieg, den jemals Völker auf Erden erlebt haben. Russen Engländer und Franzosen neiden uns unseren Frieden.“ Über ihren Bruder berichtet sie: „Herrmann ist am 8. abgefahren. Wir konnten ihn nicht mehr zügeln. Des Abends vorher um 10 Uhr sagte er uns: Morgen geht’s auf nach Moskau!“. Und weiter: „Die Begeisterung, die im Volke herrscht, ist großartig. Jeder ist bereit sein Blut und sein Leben fürs Vaterland hinzugeben“.

Kriegserinnerungen, die in den Museen der Stadt an der Sauerefelder Straße sorgsam aufbewahrt werden.

Ein ganz anderes Bild zeichnet da bereits ein Eintrag vom 7.12.1916. „Geld, Geld und Menschen, viele, viele arme Jungs, viele, viele Väter braucht der Staat, das Vaterland. Sind das noch Menschen, die so unerbittlich morden und töten, wie nie, ihre ganze Kraft verwenden sie an Erfindungen neuer Mordwerkzeuge. – Gasbomben, Gasminen, Feuerspritzer und andere grässliche Sachen, ach all ihr Trachten geht darauf hin recht viele Menschen umzubringen.“

Im selben Jahr, am 4. März, schrieb der Künstler Franz Marc an seine Frau: „…ja, dieses Jahr werde ich auch zurückkommen in mein unversehrtes liebes Heim zu Dir und zu meiner Arbeit. Zwischen den grenzenlos schaudervollen Bildern der Zerstörung, zwischen denen ich jetzt lebe, hat der Heimkehrgedanke einen Glorienschein, der gar nicht lieblich genug zu beschreiben ist.“ (Aus: Franz Marc, Briefe aus dem Felde, Serie Pieper, 1983.) Am selben Tag fällt Franz Marc um 4 Uhr nachmittags vor Verdun.

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