LN-Gespräch im Kinderdorf Sauerland

Von der Not der Kinder

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Drei Menschen, die sich für Kinder stark machen (v.l.): Eric Baumgartner, Gabi Polle, Leiterin des Kinderdorfs Sauerland, und Helmut Kutin, der langjährige Präsident von SOS Kinderdorf International, der wie Baumgartner einst selbst ein Kinderdorfkind war.

LÜDENSCHEID - „Die Not der Kinder ist anders geworden. Es ist eine seelische Not, und da haben wir in Deutschland eine höchst angespannte Situation.“ Der Mann, der das sagt, kennt das Leben und Leiden von Kindern auf der ganzen Welt. Helmut Kutin wurde 1985 von Hermann Gmeiner, dem Gründer der SOS Kinderdörfer, zum Nachfolger ernannt.

Seither rief er Dörfer zum Schutz für Kinder auf allen Erdteilen ins Leben. Indes bleibe es auch in Deutschland „deprimierend zu sehen, welch schwierige Fälle in unseren Kinderdörfern ankommen“, erklärt Kutin, der bis 2012 Präsident von SOS Kinderdorf International war, bei seinem zweitägigen Abschiedsbesuch in der Lüdenscheider Einrichtung. Auch die Kinderdörfer bekämen zu spüren, „dass die Kommunen sparen müssen“.

Eine gute Betreuung von Amts wegen zu leisten, werde immer schwieriger, und so herrsche „an Anfragen auch hier leider kein Mangel“. Weltweit betrachtet, seien es heute weniger die Waisenkinder, die Kinderdörfer erforderlich machten. Sondern „der Rucksack“, den Kinder aus Familien mitbringen, in denen ihnen Gewalt angetan wird. „Was in Indien hervorkommt, dieser Protest gegen die Vergewaltigungen, bringt ans Licht, welche Gewalt gegen Frauen und Kinder dort seit Jahrzehnten geschieht“, nennt Kutin ein Beispiel. Auch Eric Baumgartner hat Gewalt in der Familie erlebt.

Er kam 1989 ins Kinderdorf Sauerland, nachdem er von seinem Stiefvater immer wieder geschlagen worden war. „Das Wichtigste war auch für mich, einen geschützten Raum zu haben, in den keiner einfach eindringen konnte, um mich zu verprügeln“, erinnert sich der 37-Jährige, der heute in England eine Universitäts-Karriere macht. Das Kinderdorf habe ihm, dem Einzelkind, in der Wohngruppe Freunde geschenkt und Selbstsicherheit gegeben. „Ich habe hier die schönsten Jahre meiner Kindheit verbracht.“

Als Jugendlicher besuchte Eric seine Eltern noch ab und an, und als es wieder soweit war und sein Vater die Hand gegen ihn hob, „da habe ich ihm gesagt, wenn du das jetzt tust, dann gehe ich sofort nach Lüdenscheid zurück und komme nie wieder“. Nachdem er schließlich im Jahr 2000 gegen den Vater vor Gericht ausgesagt hatte, zog Baumgartner nach England, um Abstand zu gewinnen. Dort nahm er sein in Deutschland begonnenes Anglistik-Studium wieder auf.

Heute lehrt er als Deutscher in Durham Englisch an der Business-Uni sowie an der Japanischen Schule. Um dem Kinderdorf etwas zurückzugeben, organisierte der Rotarier die neue Aktion „Inspire“ (Bericht nebenstehend). Was ihn an seiner Uni bis heute verwundere, sei indes die Unselbstständigkeit der Studenten: „Viele können mit 20 weder kochen noch bügeln – für ein Kind aus dem Kinderdorf undenkbar“, schmunzelt Baumgartner.

A propos Kinder: Wir müssen das Gespräch beenden, denn draußen warten schon die kleinen Bewohner, um Helmut Kutin mit einem Lied und einer Luftballon-Aktion Dankeschön zu sagen. An jedem grünen Ballon hängt ein Zettel, auf den ein Kind seine Wünsche geschrieben hat. 62 Kinder und Jugendliche leben heute im Kinderdorf Sauerland, wie Leiterin Gabi Polle berichtet. Das jüngste Kind ist drei. Die kleinen Schützlinge leben in sechs Familien, in denen jede Kinderdorfmutter von zwei Kräften unterstützt wird, die älteren in Wohngruppen. Wie vor 20 Jahren Eric Baumgartner.

Die Anfänge reichen indes weiter zurück: Im März 1966 zogen hier die ersten drei Kinderdorfmütter ein. Der Rotary Club Lüdenscheid hatte großen Anteil an der Gründung, finanzierte das Baugelände und stiftete ein Haus. Damals wurde Hermann Gmeiner Ehrenmitglied des Clubs. Helmut Kutin ist es bis heute. Und bis heute helfen die Rotarier – bei Spielgeräten und Busreisen ebenso wie bei der Vermittlung von Lehrstellen und Arbeitsplätzen.

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