Motorboot-Club Lüdenscheid am Dortmund-Ems-Kanal

Lieber Boot als Wohnmobil: Anlaufstelle für Hobby-Schipper aus MK

Yachthafen am Dortmund-Ems-Kanal
+
Dortmund-Ems-Kanal, Kilometer 15,4: Hier, in Nachbarschaft zum historischen Schiffshebewerk Henrichenburg, hat sich der Lüdenscheider Verein sein Idyll geschaffen.

Der Blick auf den Yachthafen am historischen Schiffshebewerk Henrichenburg bei Waltrop offenbart für Wanderer oder Radfahrer aus dem Sauerland eine Überraschung.

Lüdenscheid - Wo der Dortmund-Ems-Kanal und der Rhein-Herne-Kanal aufeinandertreffen, beim Schiffshebewerk Henrichenburg, trennen Ortsschilder die Städte Datteln und Waltrop voneinander. Das ist guter alter Ruhrpott, 62 Kilometer von Lüdenscheid entfernt. In der Idylle zwischen wichtigen Wasserstraßen, Gewerbegebieten, rasierten Vorgärten und Trinkhallen-Charme versteckt sich eine Lüdenscheider Exklave, gewissermaßen ein winziger Ortsteil der Kreisstadt im Sauerland. Dort residiert der Motorboot-Club Lüdenscheid.

Hans-Joachim Sakuth (70) war Maschinenbautechniker und EDV-Spezialist bei Hueck an der Loher Straße. Jetzt ist er Rentner und Skipper – und 1. Vorsitzender des Clubs. „Es passiert immer wieder mal, dass hier Radler oder Wanderer vorbeikommen und sich wundern: Ach guck, Lüdenscheid!“ Seit Juni 1984 betreibt der kleine Verein den Yachthafen, hat derzeit rund 70 Mitglieder, viele davon aus dem Sauerland, Altena, Herscheid, Kierspe, Lüdenscheid, einige aber auch aus dem Ruhrgebiet oder Rheinland.

Am Steuerstand seines Bootes „Hansebär“ fühlt sich Skipper Sakuth am wohlsten.

Die Zeit, in der es noch freie Liegeplätze gab, ist abgelaufen. „Wegen Corona haben einige ihre Boote aus Holland zurückgeholt.“ Jetzt sind die 45 Liegeplätze unterhalb des Schiffshebewerks ausgebucht, es gibt eine Warteliste, „die ist gut gefüllt“. Am Ufer gegenüber hat der Yachtclub Hebewerk Henrichenburg (YCHH) seine Hafenanlage, auch hier stehen die Schiffe dicht an dicht.

Es sind hüben wie drüben kleine Bötchen dabei, aber auch schwimmende Häuser, motorisierte Bungalows. Hans-Joachim Sakuth weiß, dass das Bonzen-Image festsitzt. „Aber kauf dir heutzutage mal ein Wohnmobil, das ist auch nicht billiger.“

Die meisten Eigner, sagt der Mann aus Altena, haben klein angefangen, mit Booten, die man mit einem Anhänger, dem Trailer, hinter dem Auto herziehen kann. „Es gibt einen Spruch unter Skippern: Alle zwei Jahre einen Meter länger.“ Alles eine Frage, wie man sich hocharbeitet.

Der Club-Chef fährt eine Lehmann 1200, das ist ein stählerner Halbgleiter, zwölf Meter lang, 300 PS im Maschinenraum. Mit einem Raumangebot und einer Ausstattung, die Wohnmobilfahrer erblassen lässt.

Monate an Bord und unterwegs

Sakuth hat das Schiff aus einer Versteigerung, gebraucht natürlich, 42 000 Euro hat er dafür ausgegeben. Und noch mehr für technische Extras und Steigerung des Wohnkomforts. „Es gibt Leute, die sind monatelang an Bord und unterwegs, andere wiederum fahren gar nicht. Und es gibt welche, die haben gar kein Haus mehr.“

Das alles, lächelt der freundliche und entspannt wirkende Mann, geht nur, wenn die Ehefrau die Begeisterung für das Hobby teilt. Bei den Sakuths passt es. Die „Hansebär“ gehört zu ihrem Leben. „Ich werde allgemein Hansemann genannt, und meine Frau heißt Bärbel, so kam es zu dem Namen für das Schiff.“ Die weiteste Reise bisher: Rostock. Auch in Dänemark haben sie schon angelegt. Geht es dieses Jahr noch auf Törn? „Das steht noch in den Sternen.“ Es sind noch ein paar Reparaturen zu erledigen.

Zeit ist ein wichtiger Faktor. Raserei ist verpönt unter den Skippern. Und verboten obendrein. Sieben Stundenkilometer sind auf dem Dortmund-Ems-Kanal erlaubt, 15 auf dem Mittellandkanal. Eine Tour nach Münster dauert da schon mal fünf bis sechs Stunden. Und die Wasserschutzpolizei passt auf, wie ihre Kollegen auf den Straßen. Hansemann erinnert sich: „Mich haben sie mal in einer Baustelle erwischt, war ich zu schnell, hat gleich 170 Euro gekostet.“

Vereinsdaten in Kürze

Der Motorboot-Club Lüdenscheid wurde 1975 gegründet. Neun Jahre später, im Juni 1984, ging der vereinseigene Yachthafen am Dortmund-Ems-Kanal in Betrieb. Der Verein ist Träger des Qualitätssiegels des Deutschen Motoryachtverbandes (DMYV), dessen Landesverband er angehört. Außerdem ist er Mitglied im Landessportbund NRW. Postalisch ist der Sitz des Lüdenscheider Vereins Altena, wo der Vorsitzende Hans-Joachim Sakuth wohnt. Weitere Informationen gibt es im Internet unter

www.mcl-luedenscheid.de.

Entschleunigung also. Und zwar grenzenlos. Wenn Corona es zulässt, schippern die Motorboot-Fahrer durch die Niederlande, nach Frankreich, zur Nord- und Ostsee, nutzen Kanäle, fahren den Rhein und die Mosel hinunter oder auf der Donau. „Es gibt fertig ausgearbeitete Törns, und alles geht sehr ruhig zu.“ Zur Ostsee dauert die Reise fünf bis sechs Tage.

Das klingt nach großer Freiheit und nach Müßiggang, Naturerlebnis und Genuss. Fast wie bei einem Schrebergärtner auf seiner eigenen Scholle. Doch bevor ein Skipper seinen Diesel anschmeißen und einfach losschippern kann, muss er Regeln kennen und sich ins Vereinsleben einfügen. Ein Schrebergärtner kann auch nicht anpflanzen, was ihm gerade in den Sinn kommt.

Hans-Joachim Sakuth ist Inhaber der Sportbootführerscheine Binnen und See, außerdem des Funkscheins Binnen und des Funkbetriebszeugnisses „Short Range Certificate“, mit dem er am weltweiten Seenot- und Sicherheitsfunksystem teilnehmen kann. Das bedeutet Lernaufwand und verursacht Kosten, auch für die technischen Anlagen an Bord.

Aber ob „Laubenpieper“ oder Sportboot-Fahrer – die Mitgliedschaft im Verein macht nicht arm. Der Motorboot-Club Lüdenscheid berechnet 60 Euro Mitgliedsgebühren pro Jahr. Außerdem muss jeder, der sich dem verschworenen Haufen anschließt, jährlich 16 ehrenamtliche Arbeitsstunden auf dem Vereinsgelände absolvieren, sei es rund um die Stege im Wasser oder im und am Clubhaus und auf dem weitläufigen Grundstück mit Spiel- und Grillplatz und eigener Hafenmeisterei. Ein Jahr läuft für die „Neuen“ die Probemitgliedschaft, danach wird eine Aufnahmegebühr von 800 Euro fällig.

Auch Gastlieger, die auf der Durchreise bei den Lüdenscheidern festmachen wollen, werden nur eher symbolisch zur Kasse gebeten. Sakuth: „Es kostet pro Nacht einen Euro pro Meter Boot plus zwei Euro für Strom, Wasser ist inklusive.“ Wer also mit einem Zehn-Meter-Schiffchen unterm Schiffshebewerk übernachten will, ist mit zwölf Euro dabei.

„Uns steht die ganze Welt offen“

So begehrenswert es erscheint, in dem kleinen feinen Lüdenscheider Verein am Dortmund-Ems-Kanal, Kilometer 15,4, mitzumachen, so typisch sind die Existenzsorgen des Vorstandes. Hans-Joachim Sakuth, der seit 2013 Vorsitzender ist, stellt einen Trend fest. „Es wird immer schwieriger, Leute zu finden, die Verantwortung übernehmen.“

Würde er hinschmeißen, ohne Nachfolger zu haben, würde das Vereinsvermögen an die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger fallen – und das Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt Westdeutsche Kanäle hätte einen verwaisten Yachthafen zu vermieten.

Daran denkt Skipper Sakuth aber noch nicht. Er wird sich nächstes Jahr wohl noch einmal zur Wahl stellen, sagt er. „Das ist ein wirklich sehr schönes Hobby.“ Er schaut kurz auf seine Seekarten. „Uns steht ja die ganze Welt offen.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare