1. come-on.de
  2. Lüdenscheid

Liebe auf Distanz: Irina aus MK heiratet 20 Jahre jüngeren Mann aus Tadschikistan

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Jan Schmitz

Kommentare

Irina und Salimdzon bei der Hochzeit in Moskau.
Irina und Salimdzon bei der Hochzeit in Moskau. © privat

Irina aus Lüdenscheid liebt einen 20 Jahre jüngeren Mann. Er stammt aus Tadschikistan. Die Behörden stehen dem ungleichen Paar kritisch gegenüber. Verdacht auf Scheinehe. Mit der Zeit wendet sich das Blatt, doch es gibt neue Hürden.

Lüdenscheid – Drehbuchautoren stehen auf große Gefühle. Zwei Menschen, die sich durch Zufall begegnen und gegen alle Widerstände um ihre Liebe kämpfen: Das ist der Stoff, aus dem Blockbuster gestrickt sind. Irina S. wähnt sich seit fünf Jahren in einem solchen Film – allerdings ohne Happy End. Und Hollywood ist auch weit entfernt.

Dass sich Gegensätze anziehen, dürfte in kaum einem Fall mehr gelten als bei Irina S. und Salimdzon B.. Als sich das Paar 2014 kennenlernt, ist Irina 43 Jahre alt. Salimdzon 23. Sie, geschieden und Mutter von drei erwachsenen Kindern, er, der tadschikische Gastarbeiter mit Gelegenheitsjobs in Moskau. Irina ist Christin, Salimdzon Muslim. Was sie verbindet, ist die russische Sprache – Irina stammt aus Kasachstan – und eine Liebe, die von der Hoffnung lebt. Der Hoffnung auf ein gemeinsames Leben in Deutschland. Ein Traum.

Mutig nach Moskau

Die Realität ist grau wie ein sibirischer Novembermorgen: Irina und Salimdzon trennen 6000 Kilometer und das Auswärtige Amt. Acht Mal reist die heute 50-jährige Krankenschwester zu ihm. Beim ersten Mal, um Salimdzon im echten Leben kennenzulernen. Bis dahin haben sie ein Jahr lang nur gechattet, finden dabei eine gemeinsame Wellenlänge. Als er sie nach Moskau einlädt, zögert sie lange, fliegt dann aber am 15. Mai 2015 doch in die russische Metropole, um der deprimierenden privaten Situation in Lüdenscheid zu entfliehen. Das ungleiche Paar verbringt die Zeit gemeinsam, ohne dass es sich für die 20 Jahre ältere Lüdenscheiderin wie Liebe anfühlt. „Ich habe eine Woche lang nur geweint. Er hat meine Tränen weggewischt“, erzählt Irina.

Heiratsantrag

Zurück in Deutschland erhält sie einen Brief. „Du bist die Frau, mit der ich mein Leben verbringen will. Würdest Du mich heiraten?“, schreibt Salimdzon darin. Irina lehnt ab. Man müsse erst mehr Zeit miteinander verbringen, schreibt sie zurück. Ein Jahr später – am 4. Juni 2016 – sitzt sie wieder im Flieger für eine Reise ins Ungewisse – nach Tadschikistan.

Zwei Wochen verbringen sie heimlich in einer kleinen Wohnung in der Hauptstadt Duschanbe, die ein Onkel für sie angemietet hat. Sie genießen die Gespräche, die Abgeschiedenheit und die Zweisamkeit. Danach ist für Irina klar: „Wir versuchen es mit der Heirat. Du kommst zu mir.“ Ein Leben in Tadschikistan kann sie sich nicht vorstellen – sie muss sich in Lüdenscheid um ihre kranke Mutter kümmern.

Termin im Standesamt

Irina bezahlt Salimdzons Deutsch-Kursus, der für die Einreise nach Deutschland nachgewiesen werden muss, sie kümmert sich um die Dokumente und lädt ihren Verlobten nach Deutschland ein. Die Verpflichtungserklärung, dass sie für alle entstehenden Kosten aufkommt, gibt sie ab. Auch den Termin für die Heirat im Lüdenscheider Standesamt bucht sie voller Vorfreude. Es ist der 30. September 2016.

Doch der Tag verstreicht ohne Hochzeit. Das erhoffte Visum für Salimdzon fehlt. Irina macht vorsorglich einen neuen Termin im Standesamt aus: den 11. November 2016. Doch aus diese Buchung wird platzen. Die Behörden halten wenig von dem Vorhaben der viel älteren deutschen Frau und des ungelernten Gastarbeiters: Verdacht auf Scheinehe.

Verdacht auf Scheinehe

Deshalb werden Braut und Bräutigam am 26. Oktober 2016 getrennt voneinander befragt, um herauszufinden, wie viel sie vom anderen wissen und wie schutzwürdig ihre Ehe ist. In der deutschen Botschaft in Duschanbe und im Ausländeramt des Märkischen Kreises kommt es zeitgleich zum Showdown. Es ist der Tag, der über die Zukunft des Paares entscheidet.

Der mittellose Muslim

Wenn Irina heute an den folgenschweren Tag zurückdenkt, ist sie sich sicher, dass sie nie eine Chance hatten. Sie, die deutlich ältere Frau, dort der mittellose Muslim. Salimdzon hatte sich Namen von Irinas Verwandten auf die Handflächen geschrieben, was ihm später zum Vorwurf gemacht wird. Auch bei den Daten und den Aktivitäten während des Kennenlernens und der Besuche gibt es Abweichungen. Für die Behörden ist der Fall klar: Visumsantrag abgelehnt.

Klare Ablehnung

„Die Heirat einer deutschen Frau wäre für Sie wirtschaftlich und perspektivisch von Vorteil“, erklärt die Deutsche Botschaft ihrem Verlobten gegenüber die Ablehnung. Es gehe ihm nur um einen Aufenthaltstitel für Deutschland. Eine schutzwürdige Ehe gemäß Artikel 6 des Grundgesetzes liegt nach Überzeugung der Botschaft nicht vor. Die Begründung: Mit der Erteilung des Visums hätte Salimdzon B. Anspruch auf Sozialleistungen jeglicher Art im Bundesgebiet und müssten entsprechend nicht arbeiten gehen. Bei einer möglichen Trennung von Frau nach drei Jahren Ehe dürfte Herr B. in Deutschland bleiben.

Braut nicht vorgestellt

„Für den vorwiegend aufenthaltsrechtlichen Charakter der Eheschließung spricht zudem, dass Sie es innerhalb der zwei Wochen, als Frau S. Sie in Tadschikistan besucht hat, es nicht für notwendig erachtet haben, Ihre zukünftige Frau ihren Eltern vorzustellen. [...] Dieses Verhalten ist auch für deutsche Verhältnisse äußerst merkwürdig. Logisch betrachtet sollte man schließlich dafür sorgen, dass auch die Eltern die Braut kennenlernen, bevor die Ehe geschlossen wird“, schreibt ein Botschaftsmitarbeiter weiter.

Irina hat die Eltern bis heute nicht kennengelernt. Sie seien in der muslimischen Tradition verhaftet, sagt die Lüdenscheiderin. Ihr Sohn dürfe nur eine muslimische Frau heiraten. Daher hielten und halten sie ihre Liebe vor dem traditionellen Teil der Familie geheim.

Hochzeit in Moskau

Nachdem auch der Einspruch gegen die Ablehnung des Visums erfolglos bleibt, reisen Irina und Salimdzon erneut nach Moskau. In einem Standesamt für Ausländer lassen sie sich am 10. November 2017 trauen, sind seitdem auch offiziell Ehemann und Ehefrau. Doch der erhoffte Durchbruch ist es nicht: Die Anträge auf Familiennachzug werden von den Behörden mit verschiedenen Begründungen abgelehnt. In jedem einzelnen Fall geht Irina juristisch dagegen vor. Mehrere tausend Euro für Anwälte und Flüge hat sie in den Kampf um ihre zweite Ehe investiert.

Ehe auf Distanz

Täglich kommunizieren die Eheleute per Handy, tauschen sich über ihre Leben in zwei Kulturen aus und hoffen auf ein Wiedersehen. Seit mehr als zwei Jahren hat Irina ihren Ehemann nicht mehr umarmt. Die neunte Reise zu ihm fällt wegen der Corona-Pandemie aus.

Inzwischen spielt die Zeit für das ungleiche Paar. „Wieso sollten wir fünf Jahre für unsere Liebe kämpfen, wenn es eine Scheinehe ist“, fragt Irina rhetorisch. „Dann hätte er sich doch längst eine andere gesucht.“ Ein Argument, mit dem Irina mit den Jahren wieder Gehör findet. In diesem Jahr gibt es sogar einen kleinen Hoffnungsschimmer. Das langersehnte Visum wird in Aussicht gestellt, wenn Salimdzon einen Deutsch-Kursus macht. Dafür dürfte er sogar nach Deutschland einreisen. Den Kursus hat Irina schon gebucht.

Schwere Erkrankung

Doch dann erkrankt ihr Ehemann nach einer Corona-Impfung mit einem chinesischen Impfstoff schwer und kann die Reise nach Deutschland nicht antreten, erzählt die 50-Jährige. Im August verschlechtert sich sein Zustand. Seit drei Wochen hat Irina die Stimme ihres Mannes nicht mehr gehört. Er könne nicht mehr sprechen, bekomme kaum Luft, doch für eine Krankenhausbehandlung reiche das Geld nicht, berichtet die Lüdenscheiderin. Immerhin schreibt er noch Textnachrichten. Die letzte: „Heute Nacht wäre ich fast erstickt.“

Eine erste Frist für die Einreise verstreicht, die neue endet nun am 15. November 2021. „Dass er nach Deutschland kommt, ist die einzige Chance, dass er überlebt“, ist sich Irina sicher und hofft auf eine helfende Hand. Den Glauben an ihre große Liebe will sie nicht aufgeben und auch nicht an ein Happy End – in dem Film, der ihr Leben ist.

Auch ein junger Werdohler kämpft um seine Liebe und seine Ehe. Seine Frau stammt aus Mordwinien und darf nicht ausreisen.

Auch interessant

Kommentare