Nach 20 Jahren in Lüdenscheid ist Schluss

Der letzte Schulleiter: Wolfgang Mattstedt verabschiedet

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Wolfgang Mattstedt, 20 Jahre lang Schulleiter der Freien Christlichen Hauptschule Am Schäferland, geht zurück nach Bremen.

Lüdenscheid - Nach 20 Jahren verabschiedet sich der letzte Schulleiter der Freien Christlichen Hauptschule aus Lüdenscheid und kehrt zurück in seine Heimat. Wo das ist, warum er geht und wie es mit der Schule weitergeht, lesen Sie hier:

Den Termin für die Weihnachtsfeier am 4. Dezember hat sich Wolfgang Mattstedt schon notiert. Dann kommt er noch einmal zu Besuch zurück in die Bergstadt, die ihm 20 Jahre lang Heimat gewesen ist, beruflich und privat. Hier hat der aus Bremen Zugereiste die Freie Christliche Hauptschule aufbauen können – eine einmalige Chance für einen Lehrer, eine Schule „so zu prägen, wie man es möchte“. Das hat ihn gereizt, das war, im vorgegebenen Rahmen zwischen christlicher Orientierung und den Bedingungen des geltenden Schulrechts, eine einzigartige, eine spannende Zeit. 

20 Jahre später schließt sich in gewisser Weise der Kreis: Wolfgang Mattstedt geht zurück an seine alte Schule in Bremen, wo der 63-Jährige an der Freien Evangelischen Bekenntnisschule mit ihren rund 1500 Schülern noch eine halbe Stelle Mathe übernehmen wird. „Die Uhr tickt“, sagt er, der nach einer Herz-OP wegen seines Behindertenstatus’ nun zwei Jahre früher in Rente gehen kann. Das will er zum 1. November tun, aber die Teilzeitstelle macht er trotzdem: „Gar nichts zu tun, das ist mir noch sehr fern.“ 

Die Freie Christliche Hauptschule, in der er hier mit zuletzt zwölf Lehrkräften im Kollegium unterrichtet hat, wird auf längere Sicht auslaufen. 2025 wird die letzte Klasse ihren Abschluss machen. „Das Schulamt hat zum Auslaufen geraten“, sagt Mattstedt, weil sich zuletzt nur noch 15 Schüler angemeldet hätten. Eine solche Zahl sei zwar für den Unterricht ideal, aber finanziell nicht zu verkraften. Denn die Freie Christliche Schule ist auf Elternbeiträge angewiesen. Zudem seien Hauptschulen politisch nicht mehr gewollt, bedauert der scheidende Schulleiter. Das sei schade, denn „die Menschen sind verschieden und brauchen andere Ansprachen“. Als Niederlage empfindet er es gleichwohl nicht, dass seine Hauptschule in wenigen Jahren nun planmäßig auslaufen wird. „Wir sehen, dass wir immer gute Abschlüsse gemacht haben.“ Aber der Weg werde halt von den Eltern nicht mehr gewählt. 

„Wir haben 500 Facharbeiter auf den Weg gebracht“, schätzt Mattstedt. So mancher sei seinen Weg gegangen, habe in der Freien Christlichen Hauptschule genau das Umfeld gefunden, das Orientierung und Halt gegeben habe. Das richtige Maß an Spannung und Entspannung zu finden, das sei ihm immer wichtig gewesen. Hitzefrei geben, ins Kino gehen, einen Schulausflug mit 150 Schülern und drei Bussen in den Zoo oder in ein TV-Studio durchzuführen – gemeinsam etwas zu unternehmen, „das hat gutgetan. Dieses Jahr hat es den Schülern gefehlt. Es ist ein wichtiger Teil der Arbeit, der im fachlichen Teil zurückkommt“. 

Zur rechten Zeit Strenge walten zu lassen, dann aber auch ausgelassen mit den 8./9. Klassen Fußball zu spielen, das sollte sich als Mischung bewähren. „Es freut mich, dass ich hier die Atmosphäre prägen konnte, die Atmosphäre gegenseitigen Respekts.“ Dabei half der christliche Schwerpunkt: „Es ist super, wenn alle wissen: Man kann sich vergeben, auch einmal nachgeben. Und wenn sie wissen: Jeder Tag ist neu. Man fängt inhaltlich neu an.“ 

Dieser Geist soll weiter herrschen. Dafür steht auch Sigrun Lemke, Lehrerin der ersten Stunde und stellvertretende Schulleiterin. „Das war ich und das bleibe ich“, sagt sie. Ab dem neuen Schuljahr wird Rainer Brecht, Leiter der benachbarten Freien Christlichen Realschule, die Verantwortung für die Hauptschule mittragen. Dann wird die Hauptschule eine 6. Klasse als niedrigste haben und insgesamt noch etwa 112 Schüler. 

Sigrun Lemke, stellvertretende Schulleiterin, begleitet das Auslaufen der Schule bis 2025.

„Ich habe ein Herz für die Hauptschule“, sagt Sigrun Lemke: „Es macht mir Freude zu sehen, wie Schüler sich entwickeln und ihr Potenzial entfalten können.“ Der Abschied vom langjährigen Chef und Mitstreiter fällt nicht leicht: „Das Schöne war, dass er den Kollegen Raum gegeben hat. Es gab viel Freiheit.“ Zum Abschied haben ihm die Kollegen gedankt, dass er den Menschen gesehen habe, die Person. Ab dem nächsten Schuljahr wird sich das Kollegium mit dem der Realschule mischen. Sigrun Lemke, die Musik, Religion, Mathe und Englisch unterrichtet, ist seit dem Start 1998 dabei und wird es bis zum letzten Jahr 2025 bleiben. Danach werde das Kollegium in dem der Realschule aufgehen. 

Durchlässigkeit habe stets auch die Abschlüsse geprägt. Moderne, praxisbezogene Herangehensweise ebenso: mit digitaler Aufrüstung vom Unterrichtsmaterial bis zu den Klassenräumen, mit Sozial- und Methodentraining, oder aber mit Praktika ab Klasse 8, damit die Schüler unterschiedliche Berufe kennenlernen und Kontakte knüpfen können. „Wir haben viele Schüler mit Realschul-Empfehlung“, sagt die Lehrerin aus Leidenschaft: „Viele kriegen in den kleinen Klassen die Füße auf die Erde.

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