Für lange Zeit in die Psychiatrie

Lüdenscheid - Seine schlimmste Befürchtung hat sich bewahrheitet: Die Türen des Zentrums für forensische Psychiatrie werden sich hinter ihm schließen – und sich für lange Zeit nicht mehr öffnen. Die 6. große Strafkammer des Landgericht sprach den 35-jährigen Lüdenscheider am Montag zwar wegen Schuldunfähigkeit von sämtlichen Vorwürfen frei, ordnete aber gleichzeitig seine Unterbringung an.

Der Fall

In einem Sicherungsverfahren vor der 6. großen Strafkammer des Landgerichts mit 16 Anklagepunkten ging es um die Frage, ob ein 35-jähriger Lüdenscheider dauerhaft in einer forensischen Klinik untergebracht werden soll. Der Mann soll im Wahn in teilweise skurrilen Verkleidungen – etwa mit Polizeimütze auf dem kopf und roten Kontaktlinsen auf den Augen – Nachbarinnen in einem Wohnhaus an der Werdohler Straße terrorisiert und mit heißem Öl verletzt haben.

Der blasse Angeklagte wirkte stark angespannt und nahm die Entscheidung äußerlich unbewegt zur Kenntnis.

Mit dem Urteil entsprachen die Richter unter Vorsitz von Dr. Christian Vogt dem Antrag der Staatsanwältin. Die hatte den Beschuldigten in ihrem Plädoyer als „undurchschaubar“ und „unberechenbar“ bezeichnet. Er sei nach wie vor bereit, „seine Wahnvorstellungen mit Gewalt durchzusetzen“, so die Anklägerin. Im Falle seiner Entlassung seien auch massivere Straftaten nicht ausgeschlossen.

Vor allem sein Verhalten im Gerichtssaal hat dem 35-Jährigen offenbar nichts genützt. Wie die Staatsanwältin sagt, habe der Angeklagte „nur Informationen preisgegeben, die das Gericht aus seiner Sicht auch haben soll“. Im übrigen habe er keinerlei Emotionen gezeigt und sich „mit den Taten und mit seiner Krankheit offensichtlich noch gar nicht auseinandergesetzt“. Eine langfristige Unterbringung sei „erforderlich und verhältnismäßig“.

Strafverteidiger Dirk Löber bezweifelte hingegen, das Vorhandensein eines „akuten psychotischen Zustands“ und plädierte dafür, seinen Mandanten auf Bewährung in die Freiheit zu entlassen – verbunden mit einer eng strukturierten Betreuung. Der Angeklagte: „Ich schwöre, ich nehme meine Medikamente und werde keine Drogen mehr konsumieren.“

Doch fehlende Möglichkeiten der baldigen Heimunterbringung und besonders die Einschätzung, dass der Lüdenscheider für die Allgemeinheit gefährlich ist, lassen die Freiheit in weite Ferne rücken. Richter Dr. Voigt: „Würden wir Sie jetzt entlassen, wären Sie ein Wohnungsloser, der von heute auf morgen auf die Straße gespült würde.“ Dass den Opfern, die er sich laut Gericht „willkürlich ausgesucht“ hat, nicht noch Schlimmeres passiert ist, sei dem Umstand zu verdanken, dass sie sich aus Angst schnell seinen Forderungen gefügt hätten, so Dr. Voigt. Es sei „einfach zu unsicher, ob sie krankheitseinsichtig sind“. Und wörtlich: „Wir wissen nicht genau, wie Sie ticken.“

Darauf verließ der 35-Jährige wortlos den Saal.

Olaf Moos

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