Landrat schreibt an Bundesgesundheitsminister Jens Spahn

Landrat Marco Voge: „Wir müssen lernen, mit dem Virus zu leben“

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (vorne) und der damalige Landratskandidat Marco Voge bei einem Wahlkampfauftritt vor etwa einem Jahr in Lüdenscheid.
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Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (vorne) und der damalige Landratskandidat Marco Voge bei einem Wahlkampfauftritt vor etwa einem Jahr in Lüdenscheid.

Vor dem Hintergrund steigender Corona-Zahlen hat Landrat Marco Voge gemeinsam mit sechs Amtskollegen einen Warn- und Mahn-Brief an Bundesgesundheitsminister Jens Spahn und NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann geschrieben. Das Ziel der Landräte: Sie wollen schärfere Corona-Maßnahmen vermeiden und die Sieben-Tages-Inzidenz als alleinigen Parameter zur Beurteilung der Corona-Lage kippen. Andernfalls werde es schwierig, den Bürgern in einer möglichen vierten Welle einschneidende Maßnahmen zu vermitteln.

Lüdenscheid - Bislang war es so: Steigende Corona-Zahlen zogen automatisch schärfere Regeln nach sich. Mit der Änderung des Infektionsschutzgesetzes wurde die Festlegung von Corona-Maßnahmen bei einer Inzidenz von mehr als 100 sogar Bundessache („Bundesnotbremse“). Einziger Gradmesser ist dabei – so steht es im Gesetz – bislang die Sieben-Tage-Inzidenz. Das wollen die Landräte ändern, haben dazu in der vergangenen Woche auf der Landrätekonferenz den Beschluss gefasst, einen offenen Brief an Minister Spahn zu schreiben.

„Wir wollen kreisübergreifend ein starkes Signal setzen und rechtzeitig darauf hinweisen, dass die Inzidenzzahl bei einem deutlichen Impffortschritt nicht mehr alleiniger Maßstab für künftige verschärfte Maßnahmen sein darf“, sagte Landrat Marco Voge unserer Zeitung. Bereits seit März habe man immer darauf hingewiesen. Vordringliches Ziel des heimischen Gesundheitsamts ist seit jeher, eine Überlastung des Gesundheitssystems vor Ort zu verhindern. Es bräuchte demnach auch andere Indikatoren als die Inzidenz.

„Im Krisenstab unseres Kreises sind immer auch weitere Faktoren berücksichtigt worden, darunter die rückläufige Zahl der Todesfälle in Zusammenhang mit Covid-19 – im Juli ist bislang ein Todesfall in Zusammenhang mit Covid-19 zu beklagen –, die Situation in den Krankenhäusern, auf den Intensivstationen oder der Schutz der vulnerablen Gruppen durch den zunehmenden Impffortschritt“, erklärt Voge. Man wolle erreichen, dass die politische und öffentliche Debatte – anders als bisher – sich nicht allein auf den Inzidenzwert konzentriere.

Ein zweites Ziel der Landräte sind verständliche Regeln. Voge: „Je besser verständlich die Regeln aber sind, umso besser sind sie in der Bevölkerung auch akzeptiert. Das war nicht immer der Fall.“

 Je besser verständlich die Regeln aber sind, umso besser sind sie in der Bevölkerung auch akzeptiert. Das war nicht immer der Fall.

Marco Voge

Aus zahlreichen Rückmeldungen wisse man, dass die Corona-Regeln für viele Bürger „zu umständlich oder schwer nachvollziehbar“ sind. Voge und seine Amtskollegen haben die Sorge, dass sich die Bürger bei weiteren Verschärfungen abwenden. „Die wirtschaftlichen und sozialen Einschränkungen durch die Corona-Maßnahmen hat die große Mehrheit mit Disziplin und Besonnenheit mitgetragen. Wir möchten nicht, dass sich das ändert, wenn nur der Inzidenzwert ausschlaggebendes Kriterium für zukünftige verschärfende Maßnahmen sein sollte“, macht der Landrat unmissverständlich klar.

Voge fordert ein Umdenken in der öffentlichen Debatte. Vor allem die Gastronomie dürfe nicht wieder geschlossen werden.

Er denkt dabei insbesondere an die Schüler, für die Unterricht und Betreuung in den Schulen dauerhaft sichergestellt werden müsse. Auch der Einzelhandel, die Gastronomie und die Hotellerie, die nachweislich keine Pandemietreiber waren, dürften nicht wieder geschlossen werden. Voge fordert ein Umdenken in der öffentlichen Debatte weg von Ad-hoc-Maßnahmen hin zu einer nachhaltigen Bekämpfung unter anderem durch Impfungen. „Verschwinden wird das Virus laut Experten vorerst nicht. Wir müssen also lernen, mit dem Virus zu leben“, sagt der Landrat.

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