Landgericht: Wilde Tics und ein Geständnis

Symbolbild Gericht1 Urteil Justiz

Lüdenscheid - Es gab schon zehn Strafverfahren gegen den 31-Jährigen. Betrug, Beleidigung, Körperverletzung, Nachstellung, Exhibitionismus und so weiter. Und es gab ein psychiatrisches Gutachten. Und deshalb wurden alle Verfahren gegen den Lüdenscheider wegen Schuldunfähigkeit eingestellt. Tatsächlich gilt der Mann als Autist und leidet unter anderem an einer Intelligenzminderung. Doch jetzt gibt es ein neues Gutachten.

Darin ist nur noch von einer eingeschränkten Steuerungs- und Einsichtsfähigkeit die Rede. Das erste Urteil gegen den freundlich wirkenden kleinen Mann, 15 Monate mit Bewährung, ergeht wegen Nötigung, versuchter sexueller Nötigung, Beleidigung, Bedrohung und versuchter Körperverletzung. Damit ist der Angeklagte noch vergleichsweise gut bedient.

Bei einer anderen Einschätzung durch den Sachverständigen und die Juristen hätte der Prozess auch mit einer Unterbringung hinter den Mauern einer Forensik enden können. Die Voraussetzungen dafür, sagt der Vorsitzende der 1. großen Strafkammer, Jörg Weber-Schmitz, lägen durchaus vor. Aber was sich der Lüdenscheider geleistet hat, sei im Einzelnen „nicht sehr erheblich“.

Ein Kripo-Mann im Zeugenstand fasst zusammen: „Die Geschädigten wurden von ihm vollgelabert und im Genitalbereich befummelt.“ Es geschah stets am hellichten Tag, an Bushaltestellen, im Fitnessstudio auf dem Fußgängerüberweg. Opfer seiner sexuell motivierten Übergriffe sind junge Männer und Frauen. Der 31-Jährige nennt einen obskuren Grund für seine Obsession. „Die hatten die gleiche Jogginghose an wie ich, da wollte ich mal fühlen und streicheln.“

Offenbar, sagt Verteidiger Tobias Noll aus Menden, habe sein Mandant seine sexuelle Orientierung noch nicht gefunden. Und sein Leben war laut Gutachten eine Kurvenfahrt. Er wird während eines Urlaubs in Wolverhampton geboren und ist deshalb britischer Staatsbürger. Doch seine pakistanischen Eltern leben im Sauerland.

Sie sperren den schwierigen Jungen zu Hause ein, damit er keinen Mist macht – und regeln ansonsten sein Leben. Nach einer Zwangsheirat mit seiner Cousine wird er Vater einer Tochter. In seinen Fantasien aber gibt er sich mit Männern ab. Inzwischen lebt er betreut in einer Wohngruppe. Ab und an besucht er seine Familie.

Dies alles berichtet er, immer wieder unterbrochen von wilden Tics, Ruderbewegungen mit den Armen, hektischen Griffe ins lange Haupthaar und zeitweisem Zittern. Er nimmt das Urteil lächelnd hin. Hauptsache, er darf in seiner Wohngruppe bleiben. Ein Bewährungshelfer wird sich kümmern. Seinen Opfern blieb die Vernehmung erspart.

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