Landgericht: Prozessauftakt nach Auslieferung

Lüdenscheid - Sein Selbstbewusstsein hat sichtlich gelitten. In Thessaloniki, wohin er vor der hiesigen Polizei geflohen war, ließ er sich für sein Facebook-Profil noch mit cooler Sonnenbrille und gestrecktem Mittelfinger fotografieren. Vor einem Jahr wurde sein Handlanger verurteilt. Mitte Mai kam er in Griechenland ins Gefängnis, im Juli wurde er ausgeliefert. Seit gestern muss er sich – blass, mit dunklen Schatten unter den Augen und um etliche Kilos leichter – vor der 4. großen Strafkammer des Landgerichts Hagen verantworten.

Der 29-jährige ehemalige Fabrikarbeiter, in Lüdenscheid unter dem Spitznamen Vassili bekannt, sitzt neben Verteidiger Andreas Trode und bemüht sich, höflich zu wirken. Die 14 Punkte umfassende Anklageschrift, die Staatsanwältin Beatriz Föhring vorliest, nimmt er äußerlich ungerührt hin. Er lächelt die Vorsitzende Richterin Heike Hartmann-Garschagen an, während ihn der Vertreter der Nebenklage, Rechtsanwalt Dominik Petereit, mit düsteren Blicken mustert.

Denn dessen Mandantin ist eine der Hauptbelastungszeugen und hat nach aktuellem Ermittlungsstand massiv unter der Skrupellosigkeit des Angeklagten gelitten. Als Vassilis Begleiter, ein 32-Jähriger Lüdenscheider, sich vor einem Jahr vor Gericht verantworten musste, war die junge Frau unter heftigen Weinkrämpfen kaum in der Lage, ihr Martyrium zu schildern. Ein anderer Zeuge, Vassilis Bekannter aus Kindertagen, hat noch gar nicht vor Gericht ausgesagt. Ihm, sagt die Staatsanwaltschaft, hat der Angeklagte die Konten leergeräumt und ihn unter Schlägen und Elektroschocks gezwungen, teure Handyverträge abzuschließen.

Vassili schweigt nicht, er kooperiert, streng sekundiert von seinem Verteidiger. Der kündigt eine Aussage an, zunächst eine über das Verhältnis seines Mandanten zu der 24-jährigen Frau. „Ich habe ab Januar ‘13 mit Koks gedealt“, berichtet der Angeklagte. Zunächst habe der Lebensgefährte der jungen Frau gekauft, konsumiert und weiterverkauft. „Dann hatte er Schulden, meldete sich nicht mehr und war nicht mehr zu erreichen.“ Dann habe dessen Freundin bei ihm Kokain gekauft, bis auch ihr Schuldenstand anwuchs. Es sei um 2000 bis 2500 Euro gegangen. „Ich habe ihr Druck gemacht. Ich hatte ja selber Druck, weil ich auch bezahlen musste.“

Zu zweit seien sie nach Hagen gefahren, wo sie einen Kredit über 10 000 Euro aufnehmen sollte. Doch die Bank sagte „Nein“. Wenig später habe sie in seinem Beisein zwei Handyverträge abgeschlossen. Als die Smartphones per Post eintrafen, „habe ich die Dinger sofort verkauft und das Geld für mich selbst klargemacht“. Die Richterin fragt nach Zwang. Antwort: „Nein, sie ist einverstanden gewesen.“

Viele Widersprüche sind also aufzuklären. Es folgen noch 14 Verhandlungstage.

Der Prozess wird am 11. November um 11 Uhr fortgesetzt.

Von Olaf Moos

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