Landgericht: 2,7 Promille, aber keine Ausfälle

LÜDENSCHEID ▪ Der Fall: Vor der 1. Strafkammer des Hagener Landgerichts muss sich ein 33-jähriger Lüdenscheider verantworten. Der Staatsanwalt wirft ihm vor, im Sommer seinen Stiefvater angegriffen, schwer misshandelt und massiv verletzt zu haben. Der Angeklagte hat zum Prozessauftakt ein Geständnis abgelegt.

Die Verlesung der Urteile aus dem Vorstrafenregister dauert etwa eine Stunde. Gleichwohl verzichtet Richterin Heike Hartmann-Garschagen auf Vollständigkeit. Und zitiert vorwiegend Entscheidungen, die die Richter zuvor wegen Gewaltausbrüchen unter Alkoholeinfluss gefällt haben: Schläge mit Flaschen, sogar mit einer Axt, Bedrohung, Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte, bewaffneter Diebstahl. „Das ist ja schon ganz ordentlich, was Sie da so zusammengearbeitet haben“, sagt die Richterin. Und bittet freundlich lächelnd um eine Erklärung. Der Angeklagte bleibt wortkarg. „Wird wohl am Alkohol liegen.“

Sich mit seiner Sucht herauszureden, mit eventuellem Kontrollverlust und letztlich auf verminderte Schuldfähigkeit zu setzen, mag eine Strategie des arbeitslosen Wüterichs sein. Aber er hat die Rechnung ohne den Sachverständigen gemacht. Psychiater Dr. Horst Sanner (68) hat „keinerlei Zweifel an jahrelangem Alkoholmissbrauch“, spricht auch von einer „verminderten Aggressionstoleranz“.

Aber die Zeugenaussagen sowie seine Rückschlüsse aus der Untersuchung des Beschuldigten lassen für den Gutachter nur einen Schluss zu: Wer mit rund 2,7 Promille „keinerlei Beeinträchtigungen von Motorik, Koordination oder Denkabläufen“ offenbare und in seiner Steuerungsfähigkeit nicht eingeschränkt sei, gelte als „deutlich alkoholgewöhnt“.

Staatsanwalt Klaus Knierim hat keine Fragen dazu und lehnt sich zurück. Heike Hartmann-Garschagen aber beugt sich nach vorn. „Trotzdem bleibt der Grund für die Tat völlig unerklärlich.“ Der Angeklagte schweigt eisern. Aber Dr. Sanner sagt: „Jede Tat hat einen Grund.“ Der Angeklagte habe seinen Stiefvater „für irgendwas büßen lassen“. Aber wofür – das bleibt dem Gericht verborgen. Klar ist, dass der Angriff aus Sicht des Opfers aus dem Nichts kam. Und auf der Intensivstation des Klinikums Hellersen endete, mit zahlreichen Knochenbrüchen, Wunden und Hirnblutungen.

Der 33-jährige schildert seine Attacken als „situationsabhängig“. Ein junger Polizist berichtet, der Beschuldigte sei „hinlänglich bekannt dafür“, über den Durst zu trinken und auszurasten. Ein Anti-Agressionstraining vor wenigen Jahren war offenbar wenig erfolgreich, zwei abgebrochene Suchttherapien im Lebenslauf des Mannes werfen ein wenig strahlendes Licht auf ihn.

Der Prozess wird am 18. Januar um 10 Uhr am Hagener Landgericht mit den Plädoyers und der Urteilsverkündung fortgesetzt.

Olaf Moos

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