Landgericht: „Lüdenscheid ist gefährlich“

LÜDENSCHEID ▪ Ein junger Mann blitzt frühmorgens beim Zigaretten-Schnorren vor der Disco „Maxx“ in der Oberstadt ab. „Der sah zu jung aus“, sagt eine Nachtschwärmerin. Also schaltet sich der Kumpel des Schnorrers ein. Er fuchtelt mit einem Butterfly-Messer herum. Sekunden später fließt Blut...

Zwei Opfer müssen mit Stichwunden in der Brust ins Klinikum. Der Staatsanwalt legt dem 21-Jährigen versuchten Totschlag zur Last.

Die Frage, ob der Angeklagte einen Tötungsvorsatz oder „nur“ billigend in Kauf genommen hatte, dass er jemanden umbringen könnte, beschäftigt die 1. große Jugendkammer des Hagener Landgerichts. Strafverteidiger Friedhelm Wolf aus Kierspe hält seinem Mandanten zugute, dass er sich nach der Bluttat selbst bei der Polizei gestellt hat. „Er hat geheult, weil er dachte, er hätte jemanden abgestochen“, sagt Wolf am Rande des Prozesses.

Tatsächlich hat nicht viel gefehlt an der Katastrophe. Eine Ärztin im Zeugenstand berichtet, dass eines der Opfer bereits mit teilweise kollabierter Lunge in Hellersen eingeliefert worden sei. Das Rippenfell war durchstochen. Auf die Frage des Staatsanwalts, ob Lebensgefahr bestanden hat, antwortet die Medizinerin: „Theoretisch ja.“ Der zweite Verletzte hat einen sechs Zentimeter tiefen Stich direkt unterm Schlüsselbein. Es ist laut Verteidiger nicht ausgeschlossen, dass sein Mandant am Boden kniete, von hinten festgehalten wurde und sich befreien wollte. Doch von Notwehr redet in diesem Prozess niemand.

Aber von den Vorstrafen des 21-Jährigen. Drei stehen im Register. Zuletzt, liest der Vorsitzende Richter Marcus Teich vor, verurteilte das Jugendschöffengericht ihn und fünf Mitangeklagte im Februar 2009 wegen gemeinschaftlicher Körperverletzung in Tateinheit mit räuberischer Erpressung zu einem Arrest. Die Bande verdrosch zwei Schüler auf dem Lidl-Parkplatz in Brügge nach Strich und Faden – mit Fäusten, Füßen und einer leeren Wodkaflasche. Der Anlass kommt bekannt vor: Eines der Opfer hatte sich geweigert, den Angreifern Zigaretten zu geben.

Dass bei dem Angeklagten schädliche Neigungen vorliegen, will die Vertreterin des Jugendamtes „nicht 100-prozentig bejahen“, wie sie sagt. Sprachprobleme seien bei dem gebürtigen Kasachen das „größte Hindernis“. Fehlende Schulbildung und kein Selbstvertrauen, eine Ausbildung zu schaffen, kämen hinzu. In einem Gespräch habe er geäußert, Lüdenscheid sei „gefährlich“ und er habe sich wehren müssen, deshalb trage er ein Messer.

Der Prozess wird am 12. Februar ab 9 Uhr im Saal 201 des Landgerichts mit einem Sachverständigengutachten und möglicherweise den Plädoyers fortgesetzt.

Olaf Moos

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