Landgericht: „Ich musste davon ausgehen, da stimmt was nicht“

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Sieben Strafverteidiger und fünf Angeklagte wehren sich seit gestern am Hagener Landgericht gegen eine Vielzahl von Vorwürfen der Staatsanwaltschaft.

Lüdenscheid - Der zähe Auftakt des Prozesses liefert einen kleinen Vorgeschmack auf die 15 folgenden Verhandlungstage vor der 1. großen Wirtschaftsstrafkammer des Hagener Landgerichts: Erst im dritten Anlauf betritt einer der beiden Hauptangeklagten die Goldene Brücke, die ihm der Vorsitzende Richter Andreas Behrens gebaut hat. Dann aber legt der Ex-Bedienstete (59) der Kreisverwaltung ein umfassendes Geständnis ab und belastet den 62-jährigen Bauunternehmer aus Lüdenscheid schwer.

Wenn er die Wahrheit sagt und die Anklage ihren Verdacht gegen den Mann vom Bau und seinen Freund vom Amt weitgehend erhärten kann, drohen zumindest diesen beiden Beschuldigten Gefängnisstrafen, die wohl nicht mehr zur Bewährung ausgesetzt werden könnten.

Nachdem der ehemalige Sachbearbeiter aus dem Kreishaus sich zunächst schwer tut mit einem Geständnis, nimmt ihn sein Verteidiger Christian Weyer aus Dortmund ins Gebet. Denn der Rechtsanwalt hat längst eine achtseitige Erklärung seines Mandanten zu den Akten gereicht, in der er den Tatvorwurf gegen sich einräumt.

Und nicht nur das: Er habe Anträge von kleinen Bauherren auf zinsgünstige Kredite von der NRW-Bank „passend gemacht“, damit auch Kollegen im Kreishaus sie „auf jeden Fall durchwinken“. Dafür habe er pro Antrag von dem Bauunternehmer 500 Euro bekommen, „aber erst, nachdem die Bewilligung da war“.

Die erforderlichen Daten und Zahlen, inklusive Angaben über angeblich vorhandenes Eigenkapital der Investoren, habe ihm sein alter Freund besorgt. „Ich habe auch gewusst, dass dafür die Baukosten höher angesetzt worden sind.“

Richter Behrens will mehr von dem gekündigten Mitarbeiter des Landrats hören. Etwa, ob er damit gerechnet habe, dass er für den Mann vom Bau manipulierte Anträge vorbereitet, prüft und letztlich bewilligt.

„Wenn ein Projekt von dem auf meinem Tisch lag, musste ich davon ausgehen, da stimmt was nicht.“ Doch seine Kenntnisse über sich ständig ändernde Bestimmungen war laut Verteidiger Weyer „Insider-Wissen, das einen gewissen Wert hatte“. Nämlich 500 Euro pro Antrag.

Der Richter: „Sie wussten, dass in vielen Fällen was gedreht wurde?“ Antwort: „Ich konnte mir an fünf Fingern abzählen, wie das gelaufen ist.“ Aber er machte mit. „Das bereue ich.“

Dass die Gattin des 59-Jährigen ins Visier der Ermittler geraten ist, hat sie der Tatsache zu verdanken, dass sie 20 Jahre zuvor für ihre Tätigkeit auf dem Wohnungsmarkt ein Gewerbe angemeldet, es ruhen lassen und dann ihrem Mann zur Abwicklung überlassen hat. Denn der Baulöwe bestand darauf, Rechnungen für das Erfolgshonorar zu bekommen – für die Bücher. Der Ex-Kreisbedienstete sagt: „Meine Frau wusste Bescheid, war aber nie aktiv involviert.“ Sie sagt: „Mein Mann ist zu gut für diese Welt, er denkt immer zuletzt an sich.“

 Weiterer Bericht folgt.

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