100.000 Euro durch Betrug mit Autounfällen verdient

LÜDENSCHEID/HAGEN - Die Anklageschrift hatte ein stattliches Volumen: 22 Autounfälle sollen ein 38-jähriger und ein 40-jähriger Lüdenscheider im Zeitraum zwischen dem 8. Juni 2006 und dem 20. Februar 2011 fingiert haben.

Damit wollte jeweils hohe vierstellige Entschädigungssummen von Versicherungen ergaunern - 17 Unfälle der eine, 13 Unfälle der andere.

In acht Fällen sollen die beiden die Unfälle gemeinschaftlich fingiert haben, in fünf blieb es beim Versuch. Insgesamt flossen weit mehr als 100.000 Euro von den Versicherungen an die Angeklagten und einige gesondert verfolgte Fahrer und Kraftfahrzeughalter, die dazu beigetragen haben sollen, dass der Schwindel nicht aufflog. Gegen sie wird zum Teil noch ermittelt.

Vor der 6. großen Strafkammer des Landgerichts Hagen wollte am Mittwoch keiner der beiden Hauptangeklagten und mutmaßlichen Drahtzieher etwas zu den Vorwürfen sagen. Laut Anklage sollen die Unfälle mit allen Beteiligten abgesprochen gewesen sein. Das Vorgehen ähnelte sich in vielen Fällen: Enge Straßen, unübersichtliche Kurvenverläufe oder Verengungen durch Schneeberge waren der Vorwand für das Verlassen der Fahrspur durch eines der beteiligten Fahrzeuge – in der Regel jenes mit dem geringeren Wert. Auf der anderen Seite wurde ein teureres Fahrzeug angeblich zum Ausweichen in die Leitplanken oder sonstwohin gezwungen, wo Kotflügel demoliert werden.

Gutachter stellten die Schäden fest, die Angeklagten machten die Beträge bei Versicherungen geltend und strichen die Differenz zwischen ihren Kosten und den Entschädigungssummen ein. Die Versicherungen waren oftmals nur kurzfristig abgeschlossen worden, und weitere Beteiligte sorgten dafür, dass nicht immer die gleichen Namen Forderungen erhoben. Spitzenreiter bei den Tatorten war die Oedenthaler Straße in Lüdenscheid, die schon durch ihre Enge Kollisionen plausibel machen kann. Vier Unfälle sollen die Angeklagten dorthin verlegt haben. Dreimal krachte es auf der Versestraße, der Rest der Unfälle war auf das Lüdenscheider Stadtgebiet verteilt. Am Worthnocken war sogar ein MVG-Bus an einer der Kollisionen beteiligt. Dazu kamen Zusammenstöße in Altena, Nachrodt-Wiblingwerde, Attendorn, Halver, Plettenberg und Ahlen.

Schwierig gestaltete sich am ersten Verhandlungstag die Beweisaufnahme: Jene Zeugen, gegen die wegen des Verdachts auf Versicherungsbetrug ermittelt wird, haben ein Zeugnisverweigerungsrecht. Unrecht tat das Gericht jedoch einem 27-jährigen Polen, dem wegen einer Verspätung unterstellt wurde, „wenig Lust“ zu haben, „sich dem Verfahren zu stellen“: Der Mann mit polnischem Wohnsitz reiste an und wunderte sich: „Lüdenscheid? Ich weiß überhaupt nicht, wo die Stadt liegt.“ Es stellte sich heraus, dass vermutlich sein 2010 verstorbener namensähnlicher Vater an einem der Unfälle beteiligt gewesen war. Nach der Klärung fuhr der Zeuge mit der Entschädigung für 2200 Reisekilometer wieder zurück: „Ich habe hier kein Bett.“ - Thomas Krumm

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