Landgericht

Opfer der Überfälle: Geschockt, erkrankt und arbeitslos

Lüdenscheid - Sechs junge Männer im Alter zwischen 19 und 23 Jahren müssen sich wegen vier Raubüberfallen auf Spielhallen verantworten.  Die Angeklagten haben zum Auftakt des Prozesses am Landgericht umfassende Geständnisse abgelegt. Am Dienstag fand der zweite Verhandlungstag statt.

Die Mitglieder der jungen Räuberbande geben sich nach außen geläutert. Sie schauen mit betretenen Mienen auf die Tischplatten vor sich. Sie entschuldigen sich teils wortreich bei ihren Opfern für die Angst und die Verletzungen, die sie ihnen zugefügt haben. Doch eine 51-jährige Spielhallenaufsicht, Nebenklägerin in dem Prozess, will von alldem nichts hören. Sie ist seit dem Überfall am 30. September in Lüdenscheid arbeitsunfähig.

Die allein lebende Lüdenscheiderin schildert den Schock, den sie angesichts der vermummten und bewaffneten Täter nachts um 1 Uhr erlitten hat. „Ich dachte, ich komme hier nicht mehr raus, mein Leben lief in Sekunden noch einmal vor mir ab.“ Der Vorsitzende Richter, Jörg Weber-Schmitz, fragt die Zeugin: „Hatten Sie Todesangst?“ Sie antwortet: „Ja!“ Wochenlang habe sie nach dem Erlebnis wegen psychosomatischer Störungen stationär im Krankenhaus verbringen müssen, bis heute ist sie in Behandlung und „kann im Dunkeln nicht alleine vor die Tür“.

Zu allem Überfluss habe ihr der Arbeitgeber, der ihr den Mindeststundenlohn von 8,50 Euro gezahlt habe, inzwischen gekündigt. „Aber er hat mich nie gefragt, wie es mir geht, die Kollegen auch nicht.“ Nach wie vor sei sie arbeitslos, sie wisse nur das: „In einer Spielhalle werde ich nicht mehr arbeiten.“

Eine Kollegin aus Altena, wo die Bande am 3. Oktober zuschlug, macht einen robusteren Eindruck. „Ich therapiere mich selbst, man soll sich der Angst ja nicht hingeben.“ In dem Job müsse man halt damit rechnen, überfallen zu werden. Doch als der Richter konkreter nachfragt, wie es ihr nach dem Raub ging, sagt die 44-Jährige leise: „Nicht so nett!“

Ein 74 Jahre alter Kassierer aus der Spielhalle in Halver erinnert sich, wie ihm die „Knie weich wurden“. Und: „Einer von denen hat mir einen Stuhl herangeschoben.“ Er habe heute noch Angst, „dass mal einer um die Ecke kommt“. Fünfmal sei er beim Psychologen gewesen.

Den hatte ein Elektroniker (49) aus Drolshagen offenbar nicht nötig, dafür einen Chirurgen, der ihm die Hand wieder zusammenflickt. Der stämmige Mann hatte versucht, einem der Räuber in der Tatnacht die Machete zu entringen und Schnittverletzungen erlitten.

Einer der Angeklagten wendet sich an ihn und sagt: „Es tut mir wirklich leid, was passiert ist.“ Da dreht sich der Zeuge kurz zu dem 19-Jährigen um und knurrt ihn an. „Du hast Glück, dass wir hier in Deutschland sind!“

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