Landgericht: Gruß aus Thessaloniki

lüdenscheid  - Sie nennen ihn „Vassili“. Die Behörden kennen seinen echten Namen. Aber es nützt ihnen bislang nichts. „Vassili“ ist nach Thessaloniki geflohen. Auf der Anklagebank und seit fünf Monaten in Untersuchungshaft sitzt stattdessen sein Ex-Kumpel und mutmaßlicher Gehilfe. Er muss sich unter anderem wegen erpresserischen Menschenraubs verantworten.

Strafverteidiger Matthias Meier aus Dortmund hat kaum Probleme, seinen Mandanten, einen 32-jährigen Lüdenscheider, Vater zweier Kinder und mehrfach vorbestraft, als willfährigen Mitläufer darzustellen. In den Ermittlungsakten taucht der blasse Mann eher unter dem Synonym „Er war nur dabei“ auf. Als aggressiv, bewaffnet, gewalttätig und skrupellos gilt demnach einzig „Vassili“.

Es geht um die Torturen einer jungen Frau. Sie schuldet dem Haupttäter angeblich 3500 Euro. Er will eine Entschädigung für den Verlust seines Kokains. Den Stoff hat sie für ihn aufbewahrt. Doch als irgendwann die Polizei an ihrer Tür klingelt, um einen Verkehrsunfall aufzuklären, gerät sie in Panik, schüttet das Pulver ins Klo und spült es in die Kanalisation.

Rechtsanwalt Meier kündigt an, sein Mandant wolle „komplett die Hosen runterlassen“. Der Lüdenscheider gibt also zu, den Koks-Dealer durch die Gegend gefahren zu haben und dabei gewesen zu sein, wie der Haupttäter die verängstigte Frau in seiner Wohnung bedrohte. „Ich kannte die ganze Vorgeschichte nicht“, es sei ausschließlich ein Ding zwischen der Frau und „Vassili“ gewesen.

Als der sich anschickt, seinem Opfer mit einem Küchenmesser einen Finger abzuschneiden, „habe ich nicht eingegriffen“. Es kommt nicht zur Amputation. Als er ihr eine Pistole an die Schläfe drückt, „habe ich die Wohnung nicht verlassen“. Der Täter drückt nicht ab. Stattdessen erwägt er, sie auf den Strich zu schicken. Richter Dr. Christian Voigt fragt: „Was reitet jemanden, einfach dabei sitzen zu bleiben?“ Die Antwort kommt stockend. Es fallen Wörter wie „Dummheit“ und „falsche Freundschaft“. Und es rollen Tränen. „Es tut mir leid, aber ich habe ihr nichts getan!“ Und mit einem Einbruch in ihre Wohnung habe er auch nichts zu tun.

Die Frau versucht unter Zwang, Handy- und Kreditverträge abzuschließen, um den Verbrecher milde zu stimmen – vergeblich. Bis heute hat sie nichts an ihren Peiniger bezahlt. Aber, berichtet ihr Freund, sie leidet an Schlafstörungen, versteckt sich, geht nicht mehr aus und fühlt sich verfolgt.

„Vassili“ hat auf Facebook ein Foto aus Thessaloniki gepostet, auf dem er den Stinkefinger zeigt. Darunter steht wörtlich: „Fuer die arschloeher die mich suchen“. - omo

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