Landgericht: Gewaltdelikte im unteren Bereich

Lüdenscheid - Die Wahrheit liegt sicher irgendwo dazwischen. Entweder ist der 33-jährige Bewohner des Hauses Hellersen ein unberechenbarer Aggressor, gefährlich für die Allgemeinheit, und gehört vielleicht für immer in eine „Geschlossene“. Oder einige seiner Mitbewohner und Pfleger an der Brüninghauser Straße mögen ihn einfach nicht, wollen ihn am liebsten loswerden und zeigen ihndeshalb wegen jeder Kleinigkeit bei der Polizei an.

Staatsanwältin Bettina Hirschberg neigt zu der ersten Variante, Strafverteidiger Martin Düerkop aus Iserlohn zur zweiten. Die Richter der 4. großen Strafkammer unter Vorsitz von Heike Hartmann-Garschagen suchen die Wahrheit in Zeugenaussagen, Ermittlungsakten und einem psychiatrischen Gutachten.

Der Angeklagte, ein stämmiger Kerl mit flackerndem Blick, geboren in Solingen, wirkt eingeschüchtert und nervös. Düerkop mahnt ihn, daran zu denken, „was wir trainiert haben, was du hier sagst“. Der Angeklagte nickt stumm. Die Vorsitzende Richterin erklärt ihm in einfachen Worten und geduldig, worum es hier geht. „Haben Sie das verstanden?“ Wieder nickt er nur.

Staatsanwältin Hirschberg geht davon aus, dass der Angeklagte, der unter einer „Minderbegabung im Grenzbereich“ leide, eine Mitbewohnerin unzüchtig berührt und sie gegen ihren Willen geküsst hat. Bei einer anderen Gelegenheit soll er einer Pflegerin an den Po gegriffen, wieder ein anderes Mal einer Frau vom Personal an den Hals gefasst oder mit einem Stuhl nach dem Mann geworfen haben, der angeblich seiner Verlobten nachstellte.

Ein Polizist (57) kennt den Angeklagten aus Vernehmungen, stuft dessen „Gewaltdelikte im unteren Bereich“ ein und sagt über ihn und seine Mitbewohner: „Die sind alle pflegeleicht, solange sie ihre Medikamente nehmen.“ Ein ehemaliger Stationspfleger bezeichnet den Angeklagten als „umgänglich, aufgeschlossen, sozial kompetent, manchmal aber auch aggressiv“. Die geküsste Frau sagt, abgesehen von dem Vorfall „war er auf alle Fälle immer nett“.

Dann tritt der Mann vom psychosozialen Dienst der Einrichtung in den Zeugenstand. Und lässt kaum ein gutes Haar an seinem Schützling. Der 47-Jährige sagt, der Angeklagte leide unter einer Psychose und „aggressiven Durchbrüchen“ und sei aufbrausend. Die Richterin insistiert: „Warum verschweigen Sie uns, dass er auch gute Seiten hat? Das befremdet uns.“

Der Prozess wird am Montag um 9.30 Uhr im Saal 201 des Landgerichts Hagen fortgesetzt.

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